Pro und Contra Muss Olympia boykottiert werden?


Der Anti-China-Protest im Westen wird heftiger, die Debatten über einen Olympia-Boykott auch. Noch stehen die Spiele in Peking aber nirgends infrage. Leider, meint stern.de-Redakteur Dirk Benninghoff. Gott sei Dank, widerspricht sein Kollege Malte Arnsperger. Olympia sei schließlich kein Kreissportfest.

Pro: Werte wichtiger als Wettkämpfe

Waren das schöne Zeiten in den 80ern. Da wurde nicht lange gefackelt und stattdessen boykottiert, was das Zeug hielt. 1980 wollte die Nato fast geschlossen nicht zu den Spielen nach Moskau, vier Jahre später der Warschauer Pakt nicht nach Los Angeles. Der Kampf Kapitalismus versus Kommunismus war zu wichtig, da mussten halt ein paar Ringer und Springer auf ihre Wettkämpfe verzichten. Schade, dass die Welt 2008 anders funktioniert, denn ein Olympia-Boykott könnte endlich einmal ein paar Dinge gerade rücken zwischen dem Westen und China.

Er könnte beispielsweise verdeutlichen, dass wir es nicht so toll finden, wenn friedliche Minderheiten unterdrückt werden. Dass wir nicht alles hinnehmen, bloß weil Chinas Wahnsinnswachstum uns tolle Geschäfte verspricht. Dass wir Freiheit und Menschenrechte wichtiger finden als die zur Selbstinszenierung missbrauchten Wettkämpfe in Sportarten, die nach Olympia vier Jahre lang ohnehin keinen mehr interessieren.

All das könnte ein Boykott ausdrücken. Aber natürlich wird der Westen diese Chance verpassen. Er hat Deng Xiaoping als großen Reformer gefeiert, einen Mann, der verantwortlich war für das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989. Er bringt regelmäßig nur zaghaften Protest gegen die Verletzung der Menschenrechte hervor. Er verhindert nicht, dass seine Konsumgüterindustrien von chinesischen Fälschungen überrollt werden. Er betont viel mehr die großen wirtschaftlichen Chancen, die das Riesenland bietet. Da ist es schon ein Fortschritt, dass wenigstens über einen Boykott der Eröffnungsfeier debattiert wird. Mehr zu erwarten, wäre naiv. Die USA drohen als Wirtschaftsmotor auszufallen – wir brauchen also China.

Doch China braucht auch uns. Wer soll sonst die Ideen für Produktkopien liefern? Wer sorgt als Handelspartner für Wachstum? Wer schafft Arbeitsplätze im Riesenreich? Der Westen hätte genügend Argumente für ein aggressiveres Auftreten gegenüber China. Ein Olympia-Boykott wäre endlich ein Ausrufzeichen, das Selbstbewusstsein zeigt – so ungefähr das erste gegenüber China. Ein groß angelegter Boykott des Westens würde die Führung in China schwer treffen und könnte Dinge in Bewegung bringen. Zu wichtig sind die Spiele für das Image der Volksrepublik als dass eine solche Aktion Peking kalt lassen würde.

Und die Leidtragenden, die Athleten? Sie haben doch all die Jahre so furchtbar hart auf ihr großes Ziel hingearbeitet. Das mag sein, aber ihre Leistung können sie ja immer noch bei Welt- und Europameisterschaften bringen. Wer was auf dem Kasten hat und dazu Kontinuität beweist, hat zudem 2012 die Chance, olympisches Edelmetall zu ergattern. Hinter einer Aktion, die einem großen Ideal folgt, nämlich dem von Demokratie und Freiheit, sollten dopingverseuchte Wettkämpfe in Randsportarten nun wirklich zurück stehen.

Dirk Benninghoff

Contra: Olympia ist kein Kreissportfest

"Free Tibet. Game's over." Diese Parole prangt auf einem Protestplakat von Tibet-Aktivisten. Die Forderung ist klar: Sie wollen einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking. Auch einige Politiker, etwa in der französischen Regierung, schließen diese ultimative Strafe nicht aus. Aber es sind nur sehr wenige - zu Recht. Denn ein kollektives Fernbleiben von den Spielen wäre die falsche Reaktion. Dafür gibt es sportliche und politische Argumente.

Zunächst der rein sportliche Aspekt: Olympia ist kein Kreissportfest, von dem jede Woche eines stattfindet. Die Spiele sind keine deutschen Meisterschaften, die jedes Jahr ausgetragen werden. Olympia ist für die meisten Athleten eine einmalige Chance, das größte und für viele mit Abstand wichtigste sportliche Ereignis. Seit Jahren bereiten sich der Marathonläufer aus Äthiopien, der Schwimmer aus Amerika und die Fechterin aus Deutschland auf diesen einen Wettkampf vor, fiebern ihrer Chance auf den sportlichen Ruhm oder einfach nur der Teilnahme entgegen. Eine Absage so kurz davor wäre unfair und nicht vermittelbar.

Im Sommer 2001 bekam Peking den Zuschlag für Olympia 2008, die Konkurrenzstädte wie Paris oder Toronto hatten keine Chance. Bewusst hat das IOC die Spiele dorthin vergeben, auch und gerade, weil man sich erhoffte, das undemokratische China etwas zu öffnen. Natürlich muss schon damals jedem Funktionär und jedem Politiker klar gewesen sein, dass China wahrlich kein Menschenrechte-Musterland ist und es bis 2008 nicht werden wird. Deshalb ist es jetzt, wenige Monate vor Beginn der Spiele, reichlich spät, sich für einen Boykott einzusetzen. Dafür war in den vergangenen Jahren genug Zeit.

Zudem ist genau das eingetreten, was sich viele von der Vergabe der Spiele nach China erhofft haben: Die gesamte Welt schaut ins Reich der Mitte. Und zwar - größtenteils - kritisch. Selten zuvor erfuhren Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer so viel über das geheimnisvolle Riesenreich. Zumindest für Deutschland gilt doch: Jahrelang wurden nur Jubelgeschichten über China verbreitet. Neidisch berichtete man über das schnelle Wirtschaftswachstum oder ergötzte sich an den Bildern von glitzernden Wolkenkratzern aus Shanghai. Tibet? War den meisten bislang nur durch den netten Dalai Lama und seinen Freund Richard Gere bekannt. Die schlimme Situation in dem Bergstaat, die ja nicht erst seit ein paar Wochen existiert, wurde meist verschwiegen. Das hat sich nun geändert. Und Olympia hat seinen Anteil daran. Die Welt setzt sich ernsthaft mit Chinas Problemen auseinander, benennt die - zahlreichen - Defizite und erhöht so den Druck auf die dortigen Machthaber.

Dieser Druck von außen könnte zudem durch die Spiele selber noch durch einen Druck von innen ergänzt werden. Denn zusammen mit zehntausenden Sportlern werden Millionen von Besuchern aus aller Welt in China einfallen. Viele dieser Gäste werden ihre Lebenseinstellung, ihre Ansichten und ihr Verständnis von Menschenrechten und Demokratie mitbringen. Zwangsläufig, denn das können auch die kontrollsüchtigen Schergen der kommunistischen Partei nicht völlig unterbinden, werden der chinesische Kellner, der Hotelbesitzer oder Taxifahrer mit ihnen in Kontakt treten. Gerade viele der jungen Chinesen werden an den Lippen der ausländischen Gäste hängen, jedes Detail aufsaugen. Und auch wenn der olympische Spuk nach vier Wochen schon wieder vorbei ist, werden diese Erlebnisse ihre Spuren in der Weltsicht der Chinesen hinterlassen. Daran werden auch die sturen Betonköpfe in Peking nicht vorbeikommen. Selbst der Regimekritiker Liu Xiaobo, der sich im "Spiegel" klar gegen einen Boykott aussprach, sagte: "Das Verlangen der normalen Menschen und einiger Leute innerhalb der Partei nach mehr Freiheit wird nicht einzudämmern sein."

Ein Boykott wäre also der falsche Weg. Doch das entbindet Sportler, Funktionäre und Politiker nicht davon, deutliche Kritik zu äußern. Im Gegenteil. Es ist ihre Pflicht, die Führung in Peking mit kleinen Nadelstichen in den kommenden Monaten immer wieder zu ärgern. So wie etwa ein indischer Fußballstar, der sich weigert, die olympische Fackel zu tragen. Oder IOC-Chef Jaques Rogge, der ankündigt, beim Treffen der IOC-Exekutive in Peking einen Bericht von Amnesty International diskutieren zu wollen. Oder wie die norwegische Regierung, die womöglich der Eröffnungsfeier fernbleiben will.

Und auch bei Olympia selber, bei denen natürlich der Sport im Vordergrund stehen soll, darf es den Athleten nicht verboten werden, friedlich zu protestieren. Auch wenn die Regel 51 der Olympischen Charta politische Demonstrationen verbietet. Aber einem Olympiasieger mit dem Ausschluss von den Spielen zu drohen, wie es dem berühmten Black Power Duo 1968 in Mexiko City passierte, ist nicht akzeptabel. Damit würde das IOC jegliche Glaubwürdigkeit und Akzeptanz verlieren. Und dann wäre es richtig zu sagen: "Game's over".

Malte Arnsperger


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