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Proteste in Kiew 700.000 gegen Janukowitsch


Regierungsgegner fluten das Zentrum von Kiew. Hunderttausende demonstrieren für einen Sturz von Präsident Janukowitsch. Doch am Rande der Proteste kommt es zu schweren Ausschreitungen.

Historischer Protest in der Ukraine: Hunderttausende Befürworter einer EU-Annäherung haben in Kiew den Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch gefordert. Ungeachtet eines gerichtlichen Verbots protestierte die Menge am Sonntag auch auf dem symbolisch bedeutenden Unabhängigkeitsplatz (Maidan) im Zentrum der Hauptstadt. Dort blieb es friedlich. Der regierungskritische Fernsehsender 5. Kanal sprach von rund 700 000 Demonstranten bei der größten Kundgebung in der Ukraine seit der prowestlichen Orangenen Revolution 2004 um die derzeit inhaftierte Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko.

Allerdings kam es im nahen Regierungsviertel zu massiven Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und zumeist jungen Menschen. Dabei wurden nach offiziellen Angaben etwa 100 Polizisten sowie mindestens 22 Demonstranten verletzt. Auch mehrere Demonstranten mussten wegen Kopfwunden oder Beinverletzungen behandelt werden, nachdem die Sicherheitskräfte massiv Tränengas eingesetzt hatten. Die Opposition distanzierte sich von den Krawallen und gab Provokateuren die Schuld an der Eskalation.

"Unser Ziel heute ist der vollständige Regierungswechsel in der Ukraine", rief der Oppositionspolitiker und Boxweltmeister Vitali Klitschko auf dem Unabhängigkeitsplatz. "Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden und wir werden bis zum Ende stehen", sagte er.

Stadtparlament besetzt

Die Demonstranten riefen in Sprechchören immer wieder "Revolution" und schwenkten EU-Fahnen als Forderung für einen Westkurs ihres Landes. Auch in anderen Städten des zweitgrößten Flächenstaats Europas gab es Proteste.

Die Regierung arbeite wie geplant weiter, kündigte ein Sprecher des Ministerpräsidenten Nikolai Asarow an. Unbestätigten Berichten zufolge beriet Janukowitsch die Lage mit dem Sicherheitsrat. In einer Mitteilung versprach er, alles für eine schnelle Annäherung an die EU zu tun. Es gehe aber darum, wirtschaftliche Verluste zu vermeiden. Der Präsident hatte auf dem EU-Gipfel zur Östlichen Partnerschaft in Vilnius nach starkem Druck des Nachbarlands Russland die Unterschrift unter ein Abkommen über engere Zusammenarbeit und freien Handel mit der EU verweigert.

Die Opposition fordere auch den Rücktritt von Asarow, "der den europäischen Traum der Ukraine zerstört hat", sagte Arseni Jazenjuk von Timoschenkos Vaterlandspartei. Er verlangte vorgezogene Präsidenten- und Parlamentswahlen. Mitglieder der ultranationalistischen Partei Swoboda (Freiheit) besetzten das Kiewer Stadtparlament und richteten dort ein Hauptquartier ein. Die Polizei verhandelte mit den Aktivisten über einen Rückzug.

Polizeichef bietet Rücktritt an

Der amtierende Bundesaußenminister Guido Westerwelle forderte die Ukraine mit Nachdruck auf, "die Versammlungsfreiheit zu gewährleisten und die friedlich Demonstrierenden vor jeder Art von Einschüchterung und Gewalt zu schützen".

Nach einer Gerichtsentscheidung vom Morgen waren Proteste auf dem Maidan genannten Unabhängigkeitsplatz eigentlich verboten. Allerdings räumten Demonstranten die aufgestellten Metallgitter weg, die Sicherheitskräfte zogen sich zurück. Der Maidan ist seit der Orangenen Revolution der bedeutendste Platz des Landes.

Auf Plakaten gaben die Demonstranten der Regierung die Schuld an einem brutalen Polizeieinsatz gegen EU-Anhänger am Vortag. Dabei waren Dutzende Menschen verletzt worden. Innenminister Witali Sachartschenko entschuldigte sich für das Vorgehen der Sondereinheit "Berkut" (Steinadler). Der Kiewer Polizeichef Waleri Korjak bot seinen Rücktritt an. Vor dem berühmten Höhlenkloster protestierte eine Femen-Aktivistin barbusig gegen Janukowitsch. "Tod der Diktatur" stand auf ihrem Oberkörper.

Asarow kündigte eine baldige Reise Janukowitschs nach Russland an. Dort wolle der Staatschef eine engere Zusammenarbeit des finanziell stark angeschlagenen Landes mit Moskau vereinbaren. Der Chef der russischen Außenhandelsbank, Wladimir Dmitrijew, sagte dem Moskauer TV-Sender Rossija-24, es gehe unter andere um den Einstieg russischen Kapitals in finanzschwache ukrainische Geldhäuser.

Andreas Stein/Benedikt von Imhoff/DPA DPA

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