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Rede in Kairo Die Stimmen Barack Obamas


In Kairo wird Barack Obama zu 1,5 Milliarden Muslimen weltweit sprechen, es ist seine bislang wichtigste außenpolitische Rede. Der studierte Schriftsteller Ben Rhodes legt dem US-Präsidenten dafür die Worte in den Mund. Er ist einer von sechs Redenschreibern, die Obamas Erfolg in den Medien garantieren.
Von Niels Kruse

An einem Samstagabend im März 2008 rief der Wahlkämpfer Barack Obama seinen Assistenten Jon Favreau an und sagte, er brauche rasch eine Rede über die Rassenprobleme im Land. "Eine halbe Stunde lang diktierte er mir seine Gedanken und allein die wären schon eine große Ansprache für sich gewesen", erzählt Chefredenschreiber Favreau anschließend. Nach zwei Tagen Feinschliff durch den Schreiber und den Kandidaten selbst beeindruckte der in Philadelphia die Welt durch ungewohnt offene Worte über das Verhältnis von Schwarz und Weiß in den USA. "Er ist ein Gedankenleser", sagt Obama über Favreau.

"Wir haben uns hier alle damit abgefunden, dass der Präsident eigentlich der beste Redenschreiber ist", sagt Obamas Berater David Axelrod über die Qualitäten seines Chefs. Doch auch ein Präsidententag hat nur 24 Stunden, und deshalb sind sechs Leute im Weißen Haus damit beschäftigt, dem Staatsoberhaupt möglichst viele Worte abzunehmen und für seine Auftritte zurechtzulegen. Favreau, Chef der Truppe, ist gerade einmal 27 Jahre alt. Die letzten vier davon hat er an der Seite des Mannes verbracht, der nun der 44. Präsident der USA ist.

Kurze, elegante Sätze

"Er sieht aus wie ein College-Student und jeder nennt ihn Fav - aber er hat direkten Zugang zu Obama und die beiden scheinen exakt gleich zu ticken", sagt Ben Rhodes, Favreaus Kollege. Prediger-Rap voll von Gleichnissen und Anekdoten in kurzen, eleganten Sätzen - das ist Obamas Stil und Favreau gießt Wörter in diese Form. "Sie haben gesagt, dass dieser Tag niemals kommen würde" lautet einer dieser berühmten Sätze - Barack Obamas erste Worte, nachdem er im Vorwahlkampf als erster Schwarzer den weißen Staat Iowa gewonnen hatte.

Nur "Yes, we can" ist noch bekannter geworden. Auch wenn der so neu nicht war. Bereits Anfang der 70er Jahre hatten US-Gewerkschaftler die spanische Version als Slogan benutzt. Machte aber nichts, dieser Satz fügt das gesamte amerikanische Selbstverständnis, zerbrochen in den acht Bush-Jahren, in nur drei Worten wieder zusammen: Kopf hoch, anpacken und an die unbegrenzten Möglichkeiten glauben. Obamas Wahlkampfschlager ist auch ein Kind des 27-Jährigen. Natürlich gehen solche Geniestreiche auch bei Favreau nicht leicht von der Hand: "Wenn ich zu gestresst aussehe, sagt Obama: 'Mach Dir keine Sorgen, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass einen manchmal die Muse küsst und manchmal nicht'."

Lang erwartete Worte an die islamische Welt

Zwei Tage vor Favreaus 28. Geburtstag steht wieder eine große Rede an. Um die Mittagszeit wird Barack Obama am 4. Juni in Kairo die lang erwarteten Worte an die islamische Welt richten. Es wird einer der wichtigsten Auftritte in seiner noch kurzen Amtszeit sein. Es gehe um nichts weniger, als "mehrere große Missverständnisse" zwischen dem Westen und den Muslimen zu klären, sagte der Präsident vor seiner Abreise. Eine ganze Stunde nimmt er sich dafür Zeit. Diesmal entstammen die passenden Worte allerdings nicht aus dem Laptop des 27-Jährigen, sondern aus dem seines Kollegen Ben Rhodes.

Mit 31 Jahren ist er nur unwesentlich älter als sein Chef. Bis er 2007 zum Obama-Team stieß, schrieb er unter anderem an einem Roman mit dem Titel "Oase der Liebe". Auch Rhodes ist einer von diesen jungen Typen, die es in Windeseile in den Dunstkreis des mittlerweile mächtigsten Mannes der Welt geschafft haben. Wie Favreau lungerte er früher gerne bei Starbucks rum und trank einen Espresso nach dem anderen oder schlug sich die Nächte mit Videospielen um die Ohren. Einer von denen, die unkonventionell aber professionell ihre Ideen verfolgen.

Zuständig für Außenpolitik

Im Obama-Team ist Rhodes für die außenpolitischen Reden zuständig. Er formulierte die Video-Botschaft zum iranischen Neujahrsfest sowie die Rede Obamas in der Türkei. Kurz bevor der Präsident beim EU-Gipfel in Prag öffentlich von einer atomwaffenfreien Welt träumte, hatte Nordkorea eine Langstreckenrakete getestet. Da saß Obama gerade in seiner Air Force One und feilte an seiner Rede. "Wie so oft machte er seine Änderungen in letzter Minute und ich war im Autokonvoi um sie einzuarbeiten und musste zusehen, dass ich ein Computer-Laufwerk auftreibe, um die endgültige Version auf den Teleprompter übertragen zu können", sagte Rhodes in einem Interview.

Wie sein Kollege Farveau, hat er Obamas Stimme und Art zu sprechen verinnerlicht, weiß, wie er in Pressekonferenzen auf Fragen reagiert, kennt seine Art zu denken und vor allem die präsidialen Standpunkte zu allen außenpolitischen Themen. Als einziger aus dem Redenschreiberteam hat sich Rhodes sogar eine Art Beraterstatus erarbeitet. Er darf an allen Sitzungen zur nationalen Sicherheit teilnehmen, und macht sich "dort gerne mal zum Sprachrohr des Präsidenten", wie das US-Magazin "Politico" bemerkt. Obama bedankt sich, in dem er Rhodes um Rat und Einschätzungen bittet.

Seit fast einem Monat nun sitzt Rhodes an der Rede für Kairo. Mindestens 1,5 Milliarden Muslime weltweit werden aufmerksam den Worten zuhören, die der 31-Jährige wochenlang hin- und hergewogen, diskutiert, verworfen und neu ersonnen hat. "Diese Rede ist sehr wichtig für die nächsten Schritte unserer Regierung", sagt Rhodes. Auch wenn sie "natürlich nicht alle Probleme des Nahen Ostens lösen wird", wie Obama selbst sagt. Auch zu einem neuen Friedensfahrplan werde sich der US-Präsident nicht äußern, heißt es im Weißen Haus. Trotz solcher Einschränkungen versucht Rhodes, die hohen Erwartungen nicht zu enttäuschen: "Wir wollen konkret definieren, wie wir uns den Dialog und die Beziehungen in Zukunft vorstellen." Klingt vielleicht abstrakt, aber wenn Barack Obama etwas nicht ausstehen könne, so Rhodes, dann sei es "Wischi-Waschi-Sprache".


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