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Rumänien-Serie, Teil 1: Stolz und Vorurteil

Den meisten Menschen fällt zu Rumänien sofort Dracula ein, vielleicht noch Armut, Korruption oder Ex-Diktator Ceausescu. Aber sonst? Dabei ist Rumänien ein tolles Land. Lesen Sie jetzt den ersten Teil der siebenteiligen Rumänien-Serie bei stern.de.

Von Karin Spitra, Bukarest

Warum haben sich diese Motive nur so tief ins kollektive West-Gedächnis gegraben? Das Bild von endlosen Wäldern, über denen ein Schloß thront, aus dem in Vollmondnächten ein Vampir Jagd auf unvorsichtige Dorfschönheiten macht. Wenn man den Vampir weglässt, dann stimmt das Bild sogar, denn unvorsichtige Dorfschönheiten wurden schon immer gejagt - und sei es nur von den üblichen Dorfmachos. Oder die Bilder vom anderen Blutsauger, dem kleinen größenwahnsinnigen Diktator, der dann ohne viel Federlesens in einem tristen Hinterhof erschossen wurde.

Oder die sehr großgemusterten Krawatten der Apparatschiks und ihrer post-kommunistischen Nachfolger. Die Bilder trauriger Kinderaugen durch die Stäbe eiserner Gitterbetten in einem heruntergekommenen Waisenhaus. Die Straßenkinder von Bukarest, für die die Nacht mit einem Pädophilen zumindest Sicherheit vor prügelnden Polizisten bedeutet. Ja, das hat es gegeben, und das gibt es nach wie vor.

Es gibt immer noch brutale Armut, trinkende Männer in tristen Plattenbauten, abgearbeitete Frauen, die mit 40 Jahren so aussehen, als hätten sie ihr Leben bereits hinter sich - und oft stimmt das sogar. Und es gibt immer noch Autoritätshörigkeit, Behördenwillkür, Korruption und ein Landleben wir vor 200 Jahren. Es gibt diese vermaledeite pittoreske Armut mit bunten Planen auf den Zigeunerkutschen, weil hier niemand die Roma "Roma" nennt, sondern bloß Zigeuner. Es gibt bunte Trachten, gläubige alte Frauen, die nie etwas anders als Schwarz tragen, archaische Traditionen und Rituale - und den unbändigen Drang, in Europa anzukommen. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit in den Klauen eines kommunistischen Systems, wollen die Rumänen alles nachholen, am besten alles auf einmal.

22,3 Millionen Menschen wollen eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder, wollen respektiert werden und glücklich sein. Wollen gut essen, gut trinken, tolle Urlaube mache, reisen, viel Geld verdienen, sich schöne Dinge kaufen, wollen dazugehören.

Sie wollen wollen Kunst und Konsum, wollen westliche Freiheit - auch zwischen den Geschlechtern. Nirgendwo sind in Europa die Röcke kürzer und die Absätze höher, sind die Ausschnitte tiefer und werden die langen Haare schwungvoller nach hinten geworfen als in Rumänien. Gut, die Mode erinnert stellenweise recht deutlich an die dunkle Zeit der 80er Jahre (Gold! Silber! Rüschen!), und die rumänische Spielart von Westluxus müffelt oft noch sehr nach Balkanschick. Aber hey, dass diese Aufholjagd nicht ganz einfach wird, ist den meisten Rumänen klar.

Dass zwischen "nicht ganz einfach" und "ganz schön schwierig" ein deutlicher Unterschied besteht, dürfte bald auch angekommen sein. Aber es gibt Vorbilder: Diesen Weg sind schon Tschechien, Ungarn, Slowenien und die Slowakei gegangen - und dabei nicht auseinandergebrochen. Die EU hat sogar den Beitritt Litauens überlebt, damals das ärmste Land Europas. Das ist jetzt übrigens Moldawien.  

Die Probleme sind bekannt

Die Erwartungshaltung ist also hoch, doch ganz unrealistisch sind die Rumänen nicht. Immerhin glaubt über die Hälfte, dass der EU-Beitritt erst einmal alles schlimmer machen wird: Höhere Steuern, explodierende Lebenshaltungskosten und Energiepreise - diese Sorgen kommen einem irgendwie bekannt vor.

Besonders für die Bauern kommt mit der EU der Horror, die Strukturen sind viel zu klein, um in einem vereinten Europa konkurrenzfähig zu bleiben. Wahrscheinlich sind dann sizilianische Tomaten billiger als rumänische - wie soll ein Kleinbauer dann noch überleben? Viele der kleinen Stadtteil- und Dorfmärkte werden aufhören zu existieren. Dafür werden Zwischenhändler und großen Betriebe profitieren. Licht und Schatten eben.

Alte Bilder, neue Bilder

So wird es die alten Bilder der Armut geben: Die Bauern aus den Karpaten mit den viel zu großen Wollwesten und den viel zu kleinen Strohhüten, mit großen Körben voller Pfifferlingen und Walderdbeeren für Italien und Frankreich. Und es wird die neuen Bilder der Armut geben: Bettelnde Rentner, die verschämt in U-Bahnstationen stehen, krampfhaft ein Schild hochhaltend, auf dem sie um eine kleine Spende für die teuren Medikamente bitten. Aber es wird auch Bilder des Wohlstands geben: Väter, die ihre Kinder sorgsam in den Kindersitz des neuen Audi Q7 schnallen. Frauen, die mit Bodyguard einen Shoppingbummel machen. Studenten, die einen Latte Macchiato schlürfend im Café die Welt erklären. Oder eine Frau, die nach der Arbeit noch schnell im Supermarkt die Einkäufe für den Abend macht - auch das ist Rumänien.

Im nächsten Teil der Serie erfahren Sie alles, was Sie über den rumänischen Straßenverkehr, Bettler und Snack-Kultur wissen müssen. Außerdem gibt es noch Wissenswertes über Toiletten, Dracula und die rumänische Mentalität....