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Russlands Spionageskandal Das doppelte Spiel von Oberst Schtscherbakow


Ein russischer Geheimdienstoberst soll zu den Amerikanern übergelaufen sein und im Juni den größten Spionageskandal seit Ende des Kalten Krieges ausgelöst haben. Nun bläst Russland zur Jagd auf den Hochverräter.

Gut vier Monate nach der spektakulären Affäre um russische Agenten in den USA haben russische Medien die Jagd auf den mutmaßlichen Verräter eröffnet. Der Leiter der US-Abteilung C beim russischen Auslandsgeheimdienst SWR, Oberst Schtscherbakow, habe die Namen der zwölf Agenten den Amerikanern preisgegeben, berichtete die Zeitung "Kommersant" am Donnerstag. Zu den Ende Juni in den USA enttarnten Spionen gehörte auch die als rothaarige "Agentin 90- 60-90" bekanntgewordene Anna Chapman, die in ihrer Heimat seither als Superstar gefeiert wird. Im größten Spionageskandal seit Ende des Kalten Krieges gibt es aber weiter viele Ungereimtheiten.

Die russischen Spione waren im Juli in einem spektakulären Manöver in Wien gegen vier in Russland inhaftierte US-Spione ausgetauscht worden. Die Anwältin des damals freigelassenen Igor Sutjagin bezweifelte, dass es einen Schtscherbakow überhaupt gebe. Dagegen betonte der frühere Chef des Inlandsgeheimdienstes, Nikolai Kowaljow, es gehe nicht um den Namen. "Das Wichtigste ist, dass hier offenbar lange jemand zweigleisig auch für die Amerikaner gearbeitet hat", sagte Kowaljow nach Angaben der Agentur Interfax.

"Wir wissen, wer er ist und wo er sich aufhält. Keine Sorge - ein Mercader ist schon unterwegs zu ihm", zitierte der "Kommersant" einen Kremlfunktionär. Der Sowjetagent Ramón Mercader (1913-1978) hatte im Auftrag von Diktator Josef Stalin 1940 den russischen Revolutionär Leo Trotzki getötet. Die Zeitung hatte auch ein Foto ohne Bildunterschrift veröffentlicht, das aber - wie sie auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa - mitteilte, nicht Schtscherbakow zeigt, sondern einen anderen Agenten.

Ohne Schtscherbakows Namen zu nennen, hatte zuletzt auch Regierungschef Wladimir Putin dem Überläufer den Tod vorhergesagt. "Verräter enden immer auf schlimme Weise. In der Regel krepieren sie entweder im Suff oder im Drogenrausch", hatte der Ex-Geheimdienstchef bei einem Treffen mit den enttarnten Spionen gesagt.

Der Oberst war dem Bericht zufolge seit dem US-Besuch von Kremlchef Dmitri Medwedew im Juni nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Spionageexperten machten unterdessen auch die SWR- Führung für den Skandal verantwortlich. Die Leitung bestehe aus "Unprofessionellen, die mit den Besonderheiten der illegalen Arbeit nicht vertraut sind", sagte ein Geheimdienstveteran.

Der "Kommersant" weist auch darauf hin, dass übersehen worden sei, dass Schtscherbakows Tochter seit Jahren in USA lebt. Auch sein bei der russischen Drogenfahndung beschäftigter Sohn habe das Land kurz vor dem Auffliegen der russischen Spione verlassen. Die nationale Drogenbehörde wies den Bericht zurück, es habe in ihren Reihen nie einen Schtscherbakow gegeben.

Aus Sicht von Experten hätten bei der SWR-Führung die Alarmglocken schrillen müssen, als der Oberst vor mehr als einem Jahr eine Beförderung abgelehnt habe, heißt es im "Kommersant". Demnach wollte der Offizier den für die Höherstufung notwendigen Lügendetektortest umgehen. Kommentatoren spekulierten darüber, dass der Zeitungsbericht dazu dienen solle, nun im russischen Auslandsgeheimdienst Köpfe rollen zu lassen. Der SWR wird seit 2007 von dem Ökonomen Michail Fradkow (60) geführt, der davor fast vier Jahre Regierungschef gewesen war.

Ungeachtet des Spionageskandals hatten Medwedew und US-Präsident Barack Obama bei ihrem Treffen beschlossen, den Neustart in den russisch-amerikanischen Beziehungen fortzusetzen. Ex-FSB-Chef Kowaljow äußerte erneut die Vermutung, dass die Affäre kurz nach Medwedews Besuch von interessierten Kreisen in den USA veröffentlicht wurde, um eine Annäherung beider Staaten zu verhindern. Die Agenten galten als vergleichsweise ungefährlich. Im Oktober jedenfalls zeichnete Medwedew die Spione mit der Tapferkeitsmedaille aus und lobte sie als "talentierte Abenteurer".

Ulf Mauder, DPA DPA

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