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Saddam Hussein: Führer oder Verräter?

Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein sitzt auf der Anklagebank. Seine Rhetorik vor Gericht spaltet die arabische Welt. Für die meisten Araber ist der 67-Jährige dennoch ein Held.

Sein Auftritt vor dem Haftrichter weckt in der arabischen Welt heftige Emotionen. Die einen freuen sich, dass endlich einmal ein nahöstlicher Despot gezwungen wird, für seine Missetaten Rechenschaft abzulegen. Andere empfinden das Verfahren gegen den von den Amerikanern gefangenen Ex-Präsidenten als neue Demütigung für die Araber.

"Richter zu jung"

In Bagdad regten sich Saddam-Anhänger darüber auf, dass "ihr Präsident" dem jungen Richter Raed el Dschawhi, "einem Kind", Rede und Antwort stehen musste. Auch Saddams Versuch, die Kuwait-Invasion zu rechtfertigen, kam bei einigen Irakern gut an, die wenig Sympathien für ihre Nachbarn hegen.

Im Irak selbst verschaffte die Eröffnung des Verfahrens gegen Saddam jedoch auch Millionen von Menschen Genugtuung, die während seiner Herrschaft unter dem Regime gelitten oder Angehörige verloren hatten. Außerhalb des Irak blenden viele Araber aber gerne den brutalen Charakter des Saddam-Regimes aus, das seine Macht über Jahrzehnte mit der totalen Überwachung seiner Bürger, mit Folter und Massenerschießungen gesichert hat.

Saddam als Held

Für die Araber ist der 67 Jahre alte Ex-Präsident trotz seiner schmählichen Gefangennahme durch die Amerikaner im vergangenen Dezember - die sie mit der Theorie entkräften, Saddam sei damals betäubt worden - immer noch ein Held. Sie lieben seine arabisch-nationalistische Rhetorik und bewundern ihn schon allein, weil einige seiner Raketen während des Zweiten Golfkriegs 1991 auch in Israel einschlugen.

"Der Prozess gegen einen nationalistischen kämpferischen Führer ist eine Beleidigung für alle Araber", meint der Generalsekretär der mauretanischen Nationalen Erweckungspartei, Mohammed Ould Mohammed. "(Er) demonstriert die Arroganz der amerikanischen Regierung, die allen arabischen Führern damit sagen will, dass denjenigen, der nicht mit ihr zusammenarbeitet, das gleiche Schicksal erwartet wie Saddam Hussein." Die in Mauretanien verbotene Partei steht Saddams Baath- Partei ideologisch nahe.

Kuwaitis begeistert und entsetzt

Offizielle arabische Kommentare zum Saddam-Prozess gab es denn auch kaum. "Dazu habe ich nichts zu sagen", erklärt der ägyptische Außenminister Ahmed Maer. Lediglich die kuwaitische Führung, die einst vor Saddams Truppen ins Exil geflüchtet war, zeigte sich begeistert über den Prozess in Bagdad, obwohl es ihnen einen Stich versetzte, dass der Ex-Präsident die Kuwaiter im Gericht vor laufender Kamera erneut beschimpfen konnte.

Punkten konnte Saddam bei vielen Arabern auch, als er am Donnerstag während der Anhörung erklärte, "(US-Präsident George W.) Bush ist der eigentliche Verbrecher". Denn die US-Regierung ist wegen ihrer Haltung im arabisch-israelischen Konflikt und der Irak-Invasion bei den Menschen zwischen Rabat und Damaskus äußerst unbeliebt.

"Mottenkiste der Geschichte"

"Wenn Saddam vor Gericht steht, dann muss man auch Bush und dem Verbrecher Scharon den Prozess machen, sonst gibt es keine Gerechtigkeit", erklärten einige Ägypter, nachdem sie die Aufzeichnung der Anhörung im Fernsehen gesehen hatten. Für die saudiarabische Zeitung "ArabNews" steht mit Saddam aber nicht nur ein gestürzter arabischer Machthaber vor Gericht, sondern auch ein Herrschaftsstil, der aus ihrer Sicht in die Mottenkiste der Geschichte gehört. "Die gesamte Kultur der Terrorherrschaft wird hier vor Gericht gestellt, Saddam und seine Gestalten sind Männer der Vergangenheit", schrieb das Blatt.

Anne-Beatrice Clasmann/DPA / DPA