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Saddam Hussein: Vom Gewaltherrscher zum Gärtner

Beklagen kann sich Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein nicht. In seine Zelle strömt frische Luft aus einer Klimaanlage. Täglich darf er sich die Beine vertreten. Dann pflegt er im Gefängnishof liebevoll seinen Garten.

Kurz nach Beginn der US-Offensive im März 2003 tauchte er in den Untergrund ab. Nun lebt Saddam Hussein nach Informationen der "New York Times" in einer etwa 12 Quadratmeter großen Zelle mit Klimaanlage, liest den Koran und Bücher über die glorreiche Vergangenheit Arabiens. Er darf Bücher aus der Gefängnisbibliothek leihen, Romane, Reisebände, aber keine Zeitungen. Auch TV und Radio sind verboten. Oder er schreibt an einem Versband. "Auch über George W. Bush hat er ein Gedicht verfasst", weiß Menschenrechtler Bakthiar Amin laut "New York Times" zu berichten.

Seit 1979 hatte Saddam Hussein die Fäden im Irak fest in der Hand gehalten und in den 24 Jahren seiner Herrschaft ein engmaschiges Netz der Macht und Kontrolle über das Land gesponnen. Alle wichtigen Ämter bekleidete er selbst, seine Söhne Udai und Kussai kontrollierten den Sicherheitsdienst, die Geheimdienste und die Milizen. Die Schlüsselpositionen wurden mit treuen Gefolgsleuten, häufig aus der eigenen Verwandtschaft, besetzt.

Sieben vorläufige Anklagepunkte

Nach wie vor hält er sich für den legitimen Herrscher des Irak. Er erkennt keinerlei Fehler an, die er während seiner Herrschaft gemacht haben könnte. Seine Position als Präsident rechtfertige alle Taten. Die Opfer seiner Politik bezeichnete er in Verhören als "Verräter". Saddam Hussein ist seit seiner Festnahme im Dezember an einem geheim gehaltenen Ort in Haft. Gegen ihn liegen bisher sieben vorläufige Anklagepunkte vor, darunter Verbrechen in Zusammenhang mit der Unterdrückung der Kurden, der Invasion Kuwaits 1990 und der Verfolgung der Schiiten und seiner politischen Gegner.

Laut der Zeitung trägt Saddam Plastiksandalen und eine lange Kutte, wie sie im Orient üblich ist. Sein Tag in Einzelhaft beginnt mit einem herzhaften Frühstück (1300 Kalorien) - Fertignahrung wie sie auch US-Soldaten zu sich nehmen. Mittags und abends gibt es Reis und Brokkoli, dazu Fisch, Rindfleisch oder Huhn. Jeden Tag habe er drei Stunden Ausgang. In dieser Zeit darf er sich im Hof des Anwesens aufhalten.

In demselben Gefängnis werden den Angaben zufolge mehr als 80 hochrangige Häftlinge festgehalten, darunter mehr als 40 der meist gesuchten Mitglieder des früheren Regimes. Sie würden jedoch von Saddam fern gehalten. Dem Kern dieser Gefangenen - elf davon erschienen mit Saddam am 1. Juli vor dem Richter - ist es erlaubt, zusammen zu trainieren, Schach, Poker, Domino oder Backgammon zu spielen. Dafür mussten sie Latrinen ausheben, eine Arbeit, die wiederum Saddam erspart wurde. Laut Amin sprechen sich die früheren Granden noch immer mit den alten Titeln an, "Herr Minister...". "Als ob sich nichts geändert hätte", sagt Amin.

Nach Angaben Amins hat Saddam weiß gestrichene Steine um die Pflanzen gesetzt, um die er sich kümmert. Amin zeigte sich äußerst irritiert: "Dieser Mann hat die schwersten Umweltverbrechen in der Geschichte begangen, als er die südirakischen Sümpfe trocken legte, er hat chemische Waffen gegen 250 kurdische Dörfer eingesetzt, er ließ ganze Palmenplantagen zu den betrügerischen Herrschern der arabischen Welt transportieren, die ihm dafür die Schuhe putzten." Und nun, so Amin, nun betätige er sich als Gärtner.

"Muffins, Kekse und Zigarren"

Gelegentlich bittet der ehemalige Dikatator um einige der Annehmlichkeiten, die er genoss, als er noch ständig zwischen seinen Dutzenden Palästen wechselte. "Dieser Mann", echauffiert sich Amin laut "New York Times", "dessen Regime menschliche Körper zu Hackfleisch machte, sitzt nun da, und fragt nach Muffins und Keksen und Zigarren".

Der Zeitung zufolge sei Saddam zumindest einmal mit einem Black Hawk Hubschrauber der Streitkräfte in ein Krankenhaus in Bagdad geflogen worden. Die Ärzte hätten eine vergrößerte Vorsteherdrüse diagnostiziert - was auf Krebs im Frühstadium hinweisen könne. Er bekommt starke Medikamente gegen seinen Bluthochdruck, Antibiotika gegen seine chronische Prostata-Entzündung. Nach den Worten des irakischen Ministerpräsidenten Ajad Allawi bat Saddam Hussein inzwischen um Gnade. Der ehemalige Staatschef habe ihm eine mündliche Botschaft übermitteln lassen, sagte Allawi der arabischen Tageszeitung "Al Hajat". "Er sagte, sie hätten für das Gemeinwohl gearbeitet und keinen Schaden anrichten wollen." Allawi habe darauf nur geantwortet, dass es Sache der Gerichte sei, über sein Schicksal zu entscheiden. Allawi selbst habe Saddam Hussein noch nicht im Gefängnis aufgesucht. Er wolle keinen Einfluss auf den Prozess nehmen.

Als der frühere Präsident vor kurzem zu einer Anhörung vor Gericht geführt wurde, habe er am ganzen Körper gezittert, berichtete Allawi: "Er dachte, die Dinge würden gehandhabt wie zu seiner Zeit und dass man ihn zur Hinrichtung führt." Erst als Saddam Hussein die Richter und die versammelte Presse gesehen habe, habe er sich beruhigt.

Prozessbeginn vielleicht schon im Oktober

Weiter sagte Allawi, auch Saddam Husseins Cousin Barsan al Tikriti habe ihm eine Botschaft zukommen lassen. Er habe sich von dem früheren Präsidenten distanzieren wollen. "Andere haben das Gleiche getan", ergänzte der Chef der irakischen Übergangsregierung. Der irakische Expräsident ist seit seiner Festnahme im Dezember an einem geheim gehaltenen Ort in Haft, offenbar auf dem Gelände einer seiner Paläste. Schon im Oktober könnte der Prozess gegen ihn beginnen. Allawi sagte dem US-Fernsehsender ABC, er gehe nicht davon aus, dass der Prozess lange dauere. Die Beweislast sei erdrückend. Der irakische Ministerpräsident erwähnte in diesem Zusammenhang auch die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Dagegen wollen die Verteidiger des prominenten Gefangenen ankämpfen. Ein Anwalt Saddam Husseins hat Exil in einem neutralen Land für den Inhaftierten gefordert. In einem von der schwedischen Zeitung "Aftonbladet" verbreiteten Interview sagte Giovanni di Stefano, man solle Saddam Hussein freilassen und ihm erlauben, in die Schweiz, nach Österreich oder Schweden ins Exil zu gehen. Die Anklagepunkte bezeichnete der in London ansässige Anwalt als "Müll".

Schweiz leitet Einziehung von Geldern ein

Unterdessen will die Schweiz die gesperrten Vermögenswerte des gestürzten Regimes von einziehen und sie dem Wiederaufbau des Iraks zuführen. Es handelt sich um Gelder der irakischen Zentralbank und zweier weiterer irakischer Banken. Die betroffenen Parteien haben nun 30 Tage Zeit, um Stellung zu nehmen. Die Einziehung selber kann beim Schweizer Bundesgericht angefochten werden. Um welche Beträge es geht, war der Erklärung nicht zu entnehmen.

Der Bundesrat hatte die Verordnung zur Einziehung irakischer Vermögenswerte am 18. Mai im Einklang mit einer UN-Resolution erlassen. Damit sollen die im Zuge der Sanktionen gegen das Saddam-Regime eingefrorenen Vermögenswerte dem irakischen Wiederaufbau-Fonds zugeführt werden. Beim Erlass der Verordnung hatte sich die Summe der blockierten Vermögenswerte auf rund 180 Millionen Franken belaufen.

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters