HOME

Sadiq Khan: So tickt der erste muslimische Bürgermeister von London

Er will ein Anwalt der kleinen Leute sein: Sadiq Khan, Sohn pakistanischer Einwanderer und pro-europäisch, ist neuer Bürgermeister von London. Rückschlüsse von der Wahl auf das Brexit-Referendum im Juni sind allerdings schwierig.

Sadiq Khan

Die Wohnungsnot in London war ein großes Thema in Khans Wahlkampf

Irgendwann in der Nacht von Freitag auf Samstag stand offiziell fest, was eigentlich alle vorab schon prognostiziert hatten: Sadiq Khan ist neuer Bürgermeister von London und damit Nachfolger des ewigen Boris Johnson. Der strebt bekanntlich nach Höherem – erst raus aus der EU und dann in die Downing Street.

Khans Sieg im liberalen London ist keine große Überraschung. Sein Kontrahent, der bis zur Unkenntlichkeit blässliche Milliardärssohn Zac Goldsmith, hatte zwar auf den letzten Metern mächtig ausgeteilt und den Labour-Mann immer wieder in die Nähe von Radikalen trompetet. Aber dieser Schachzug entsprang offenkundig mehr der Verzweiflung. Khan gewann am Ende deutlich mit 57 zu 43 Prozent.

Sadiq Khan also, 45 Jahre alt, Sohn pakistanischer Einwanderer, der Vater Busfahrer, die Mutter Näherin. Aufgewachsen in Earlsfield, im Süden der Stadt, in einer kleinen Dreizimmerwohnung mit sieben Geschwistern. Dem jungen Khan wurde nichts geschenkt, er arbeitete schon als Schüler, trug Zeitungen aus, malochte auf dem Bau, wollte eigentlich Zahnarzt werden. Und wurde dann Rechtsanwalt, Spezialgebiet: Menschenrechte. Ein Labour-Mann durch und durch. Smart und streetwise zu gleichen Teilen. Ein Politiker und als solcher auch gewieft. Aber eben mit Bauchgefühl und Sensibilität für die Nöte seiner Bürger. Er muss sich nur umgucken, wenn er in Tooting aus der Haustür tritt.


Ein schweres Erbe

Nun ist er der erste muslimische Bürgermeister einer Metropole, die wächst und wächst und wächst. Und mit ihr die Aufgaben. Khan erbt von Boris Johnson vor allem ein gigantisches Wohnungsnotproblem. Sein Vorgänger, business-affin, holte vor allem das Kapital in die Hauptstadt, gab sich clownesk und bürgernah. Und war in Wahrheit beides nicht authentisch. Die Stadt ist sozial gespalten wie nie: in Reiche und solche, die sich London nicht mehr erlauben können. Mehr als 20.000 Häuser stehen als Anlageprojekt ausländischer Investoren leer, Abertausende suchen zugleich Wohnraum. Die Aufräumarbeiten bleiben für Khan, einen sehr umtriebigen Mann, der "Housing" ins Zentrum seines Wahlkampfes rückte. 50.000 Wohnungen pro Jahr versprach er. Daran wird er sich messen lassen müssen.

Es war eine alles in allem recht matte Kampagne, die lediglich in den vergangenen Wochen Fahrt aufnahm. Vor allem deshalb, weil sich die Labour-Party – wie so oft – das Leben selbst schwer machte. Und zwar in Person von Ken Livingstone, auch er einst Bürgermeister von London. Livingstone firmiert unter dem Kosenamen "Red Ken", roter Ken, und ist für sein loses Mundwerk berühmt und berüchtigt. Zuletzt sprang er einer jungen Abgeordneten bei, die vor Jahren einen im Ton antisemitischen Tweet abgesetzt hatte und dafür erst jetzt suspendiert wurde. Auch Livingstone vergriff sich in Wortwahl und Metaphorik, bemühte Hitler und Zionisten - und wurde gleichfalls suspendiert. Plötzlich entwickelte der maue Wahlkampf Feuer. Auch, weil der maulfaule Labour-Chef Jeremy Corbyn erst einmal auf Tauchstation ging und sich nach tagelangem Rumdrucksen mit dem Vorschlag aus der Versenkung meldete, eine Untersuchungskommission über Labour und Antisemitismus ins Leben zu rufen. Führung geht anders.

Khan, dem der Ruf vorauseilt, bei wichtigen Wahlen nie zu verlieren, ging jedenfalls erst mal auf Distanz zum vermeintlich toxischen Parteiboss. Und hätte das gar nicht gemusst. Denn auch den Konservativen wohnt seit einiger Zeit eine Tendenz zur Implosion und Selbstzerfleischung inne. Zac Goldsmith, der konservative Kandidat, verprellte mit seiner tumb-aggressiven Wortwahl moderate Wähler und vor allem Muslime. Und bekam die Quittung. Er wurde dafür auch von Parteikollegen scharf kritisiert. Es sei "bizarr" und "lächerlich", als Politiker ausgerechnet im ethnisch bunten London mit islamophoben Äußerungen punkten zu wollen, sprach Andrew Boff, der Tory-Fraktionsführer in der "Greater London Assembly". Goldsmith habe eher Brücken zerstört als gebaut.Selbst Goldsmith’ Schwester Jemima kritisierte die Kampagne ihres Bruders auf Twitter, "traurig, dass sie nicht reflektierte, wer der Zac ist, denn ich kenne". Beobachter fühlten sich an Zeiten erinnert, als die Konservativen auf der Insel als die "nasty Party", die böse Partei, galten.

Der Ton nahm zuweilen eine ähnlich schrille Klangfarbe an wie bei der simultan laufenden EU-Kampagne.

Rückschlüsse auf das Brexit-Referendum schwierig

Ohnehin wusste die britische Wählerschaft bei diesen Regionalwahlen sechs Wochen vor dem Referendum offenbar nicht so genau, was sie aus den vielen merkwürdigen Allianzen machen sollte, die sich gerade auftun. Premier David Cameron, von Haus aus oberste Stimme des Remain-Lagers, unterstützte beim Wahlkampf in London den Parteikollegen Goldsmith, einen prominenten Vertreter des Brexit-Flügels. Khan wiederum ist bekennender Pro-Europäer – auch das half natürlich in der kosmopolitisch geprägten Hauptstadt, in der jeder dritte Bewohner außerhalb des Königreichs geboren ist. Ab sofort sind Cameron und Goldsmith bis zum 23. Juni wieder in verschiedenen Fraktionen unterwegs – Cameron ausgerechnet mit dem neuen Bürgermeister Khan, Goldsmith mit dem alten, Boris Johnson.

So ist das zur Zeit in Großbritannien. Die Wahlen waren zwar wichtig, standen aber stets im Schatten des Getöses um die EU.

Die Tories lieferten ein bescheidenes Ergebnis ab und kamen landesweit auf 30 Prozent, Labour schlug sich mit 31 Prozentpunkten besser als erwartet und verlor längst nicht so viele Stimmen und Sitze wie zuvor geunkt worden war. Im Falle eines Wahldebakels hätte Jeremy Corbyn eine unangenehme Debatte die Parteiführung gedroht. Das blieb ihm erspart. Er gab sich denn auch moderat zufrieden, Labour habe durchgehalten, "we hung on".

Man ist bescheiden heutzutage.

London ist und bleibt pro-europäisch

In Schottland allerdings, der einstigen Hochburg, verabschiedete sich die Arbeiterpartei in die Bedeutungslosigkeit. Im neuen schottischen Parlament von Holyrood in Edinburgh ist Labour künftig nur noch drittstärkste Kraft (24 Sitze) nach der Scottish National Party (63) und den Tories (31). Die SNP hatte bereits bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr den Norden großflächig abgeräumt und verpasste diesmal die absolute Mehrheit nur minimal.

In Wales, das von EU-Subventionen am meisten profitiert, schafften die Anti-EU-Populisten von UKIP mit erstaunlichen sieben Kandidaten den Einzug ins Regionalparlament. Als Stimmungsbarometer fürs Referendum taugt das alles aber nur bedingt.

Außer in London vielleicht. Die Stadt ist und bleibt pro-europäisch. Und hat nun auch wieder einen pro-europäischen Bürgermeister. Dieser Sadiq Khan will ein Anwalt der kleinen Leute sein. Das hat er studiert und gelernt. Er kommt von der Straße. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie sich Wohnungsnot anfühlt, "ich bin selbst so aufgewachsen." Jetzt darf und muss er liefern. Mindestens vier Jahre lang.

Themen in diesem Artikel