Sängerwettstreit in Kabul Afghanistan sucht den Superstar


Seit dem Sturz der Taliban ist Musik wieder erlaubt, trotzdem gelten beim Sängerwettstreit in Kabul besondere Regeln. Kopftuch ist Pflicht, die Waffenkontrolle streng und die Volkszugehörigkeit fast wichtiger als die Stimme.
Von Christoph Reuter und Sarah Caron

Angst habe ich nicht", sagt Lima. "Das hier ist die größte Chance meines Lebens. Ich muss ein Star werden!" Jede Woche in den vergangenen drei Monaten ist die 19-Jährige, von Kopf bis Fuß verhüllt, im Kleinbus nach Kabul gefahren - und zehn Stunden später als Fernsehstar angekommen, umringt von kreischenden Fans, geschützt von bewaffneten Leibwächtern, im Akkord Autogrammkarten, Kaffeetassen und T-Shirts signierend. Dabei stets auf der Hut, nicht zu viel zu lächeln, beim Singen nicht zu sehr die Hüften zu wiegen.

Denn Lima Sahar kommt aus Kandahar, der erzkonservativen Stadt des Südens, wo die Taliban einst ihren Aufstieg begannen. Wo wieder gekämpft wird und zuletzt Mitte Februar verheerende Selbstmordanschläge etwa 80 Menschen töteten. Wo keine Frau sich aus dem Haus wagen kann ohne Burka, jene Ganzkörpervermummung mit Sehgitterchen, deren klassischer Farbton "Kandahar-Blau" heißt.

Lima ist die letzte Frau im Rennen, eine von drei Halbfinalisten in einem Programm, das jeden Freitagabend die halbe Nation vor die Fernseher treibt: "Afghan Star", eine fast identische Kopie von "Deutschland sucht den Superstar". Die Regeln sind fast die gleichen: Wer immer glaubt, zum Star berufen zu sein, kann sich bewerben. 5000 Dollar winken dem Gewinner. Aus Tausenden jungen Männern und Frauen bei den Vorausscheidungen kommen zwölf Finalisten in die Show mit Jury, das Publikum wählt per SMS seine Favoriten, jede Woche fliegt einer raus. In Deutschland nichts Besonderes.

Zwei der zwölf Finalisten sind Frauen

Aber es funktioniert auch in Afghanistan, und wie: "Afghan Star" läuft bereits das dritte Jahr in Folge, bei den Vorausscheidungen in sechs Provinzhauptstädten drängten 2000 zum Vorsingen. Nach jeder Sendung gehen 100.000 und mehr SMS-Stimmen bei den Mobiltelefonfirmen ein. Zwei der zwölf Finalisten sind Frauen. Und das in einem Land, dessen Süden und Osten im Krieg sind, wo eifernde Mullahs das Singen, Tanzen und den Hüftschwung für gottlos erklären. Wo Frauen vielerorts weiterhin wie Eigentum verkauft, verheiratet werden und nicht mal verschleiert das Haus verlassen dürfen. Wo Tolo TV, der erste und größte Privatsender, der auch "Afghan Star" produziert, aus indischen Seifenopern alle Götterbilder zensieren muss, um nicht wegen unislamischer Götzenverehrung angeklagt zu werden.

Und es bewegt sich doch: Der Erfolg der Sendung zeigt ein anderes, heitereres Afghanistan. Zur Autogrammstunde im Kabuler Hauptquartier des Sponsors "Roshan", Afghanistans größter Mobiltelefonfirma, sind ein paar Dutzend Mädchen und Hunderte Jungen gekommen. Die Sicherheitsmänner am Tor werden nervös, halten die andrängende Menge mit Schlagstöcken in Schach, zwei kommen mit Kalaschnikows zur Verstärkung.

Als endlich der weiße Kleinbus mit den Halbfinalisten auftaucht, kreischen die Teenies nicht anders als in Europa. Es ist die vorletzte Runde, noch drei Kandidaten sind dabei: Hamid Sachizada, 21, Sohn eines Polizisten. Rafi Nabzada, 19, Sohn eines Arbeitslosen, der immer lächelt und nur einmal ernst wird, als er sagt: "Wenn ich kein Star werde, muss ich als Tagelöhner anfangen.“ Und schließlich Lima, zur sittlichen Flankensicherung stets in Begleitung ihrer Mutter unterwegs, die heiter das Gewusel der Kabelträger bestaunt.

Jeder kann ein Star sein

Aus Khost, einer Taliban-Hochburg an der pakistanischen Grenze, hat sich der 17- jährige Aschraf auf den Weg gemacht: „Wir haben zu Hause eine Fan-Gruppe gegründet“, erklärt er stolz: „Wir gucken freitags immer gemeinsam und trommeln dann so viele Telefonbesitzer zusammen wie möglich, damit sie ihre SMS für Lima senden!“ Sechs Stunden ist er unterwegs gewesen, hat weitere Stunden in der Schlange gestanden, um Lima einmal live zu erleben. Wie kommt das, wollen wir wissen, dass dieselben Männer, die im Zweifelsfall ihre Schwester steinigen würden, spräche sie auch nur mit einem Fremden, nun zehntausendfach ihre Stimmen per SMS für Lima schicken, eine Frau, die nur leicht verschleiert auf der Bühne singt? „Na ja, einen Mann fänden wir schon besser“, wälzt Aschraf das Dilemma: „Aber sie ist halt Paschtunin, das zählt mehr!“ Hamid ist Hazara, Angehöriger eines kleinen Schiitenvolkes aus Zentralafghanistan, Rafi ist Tadschike. So ruhen denn die Hoffnungen der stockkonservativen Volksgruppe der Paschtunen auf einer Frau.

Dass sie keinen Ton halten kann, dass auch die beiden anderen Finalisten über eher bescheidene Sangeskünste verfügen, spielt die geringste Rolle – es geht um den Traum, dass jeder ein Star sein kann. Die Menschen merken, dass sie eine Stimme haben, im doppelten Sinne: dass jeder die Chance hat, seinen Traum zu leben. Und dass Demokratie funktioniert – wenigstens bei der Wahl zu Afghanistans Superstar.

Am Ende siegt Rafi

Aufgezeichnet wird die Show jeden Donnerstag in der „Marco Polo Wedding Hall“, die mal ein Kino war, bis es die Taliban schlossen. „Wer wird bleiben? Wer fliegt raus?“, heizt Moderator Daud Sediqi die Menge an. Seine Karriere begann damit, dass er unter den Taliban heimlich Fernseher reparierte, was ihn um ein Haar ins Gefängnis gebracht hätte. Favorit des Publikums ist Rafi, der mit Schmalztolle und Lipgloss auf die Bühne kommt. Hamid dahinter im cremefarbenen Anzug und mit schräg gestreifter Krawatte, Lima in Pluderhose und lockerem Kopftuch. Gemeinsam singen die drei eine kleine Hymne auf Afghanistan, dann verkündet Zeremonienmeister Sediqi das Wahlergebnis: Lima ist draußen.

Der Saal johlt, die Geschlagene schaut stolz und traurig, aber verdrückt keine Träne und wirft der Menge entgegen: „Ihr mögt Paschtu für die Stimme des Hasses halten. Aber ich sage euch: Paschtu ist die Stimme des Paradieses, jedenfalls für mich!“ Dann singt sie ihr letztes Lied, eine weitere Variation des immergleichen Themas: „Mein Liebster ist in Paktika, ich in Kandahar, er kann nicht zu mir kommen. Wo ich lebe, ist es karg und heiß, so will ich zu ihm, ach...“

Alle singen afghanische Lieder über Liebende, die nicht zueinanderkommen. Am Ende siegt Rafi, und auf die Frage eines britischen Reporters, ob er jetzt nicht viele Freundinnen habe, wird der Junge ganz rot: „Ähm, also, ich habe sicherlich Fans, und da sind vielleicht auch ein paar Mädchen darunter. Aber so genau weiß ich das nicht.“ Falls sie reich werden, haben alle Kandidaten angekündigt, sie wollten das Geld den Armen geben. Nicht mal ein Anflug jener Rotzigkeit ist zu spüren, die „DSDS“ so unterhaltsam macht. Dafür, dass es nicht langweilig wird, brauchen sie keinen Dieter Bohlen. Sie haben ja Mullah Omar, „Emir der Rechtgläubigen“, Mentor dutzendfacher Selbstmordanschläge.

Anrufe aus einer Hochburg der Taliban

Die Angst vor Attentaten ist immer gegenwärtig, erkennbar an den Stacheldrahtrollen um die Aufzeichnungshalle, an den Männern mit Kalaschnikows, die jeden Besucher abtasten. Doch die Taliban haben sich in Sachen „Afghan Star“ nicht zu Wort gemeldet, nicht den Sender gesprengt und keinen der Sänger ermordet. Vielleicht, weil sie Fernsehen ohnehin für gottlos und Koranlesungen für den letzterträglichen Grenzfall halten. Vielleicht auch, weil sie gemerkt haben, wie populär „Afghan Star“ auch unter ihresgleichen ist.

Wie viele SMS aus welchen Provinzen kommen, bleibt geheim. Das Ranking besorgt die Software der Telefonfirmen. Doch bei einer anderen Sendung, einer Art afghanischem MTV aus einem Ministudio mit Schallschutz aus angetackerten Eierpappen, registriert Tolo TV die Region, aus der die Hörer anrufen. „Wir kriegen dauernd Anrufe aus Helmand“, ebenfalls einer Hochburg der Taliban im Süden, „und dann singen die Jungs ein paar Takte, sagen, dass sie gern dieses Lied hätten da, von dieser Frau, die immer so mit den Beinen wackelt“, amüsiert sich der Moderator. „Die wollen Shakira! ,My Hips Don’t Lie‘, die können gar nicht genug davon bekommen!“ Dabei seien sie da unten doch radikal gegen Gesang, unverschleierte Frauen und Hüftschwung. „Aber wir spielen, was sie hören wollen.“

Als ein britisches TV-Team kürzlich nach Stimmen für die telegene Verdammnis von „Afghan Star“ suchte, geriet es in eine Versammlung von Stammesältesten in der Nordprovinz Balch. Würdige Bartträger saßen da, und als die Reporterin einen nach seiner Meinung zum Sangeswettstreit fragte, verdüsterte sich dessen Miene. Doch dann kam es anders als erwartet: „Nein, also das ist doch total ungerecht“, zeterte der Clanführer, „dass Chaled Chelwat aus Masar-e-Scharif rausgeflogen ist. Der konnte viel besser singen!“

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker