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Berichte über Verschwörung: Bewaffnete Maskierte nehmen saudische Prinzen fest – drohte eine Palast-Revolte?

Regte sich Widerstand gegen Saudi-Arabiens Kronprinz, war gar eine Verschwörung im Gange? Medienberichte über die Festnahmen mehrerer Prinzen lassen vermuten, dass Mohammed bin Salman Rivalen ausschalten will. Ein offener Machtkampf käme äußerst ungelegen.

Mohammed bin Salman bin Abdelasis al-Saud, Kronprinz von Saudi-Arabien

Mohammed bin Salman bin Abdelasis al-Saud, Kronprinz von Saudi-Arabien

DPA

Mohammed bin Salman war noch kein halbes Jahr neuer Kronprinz Saudi-Arabiens, da ließ er mehr als 200 führende Persönlichkeiten des Landes festsetzen – Prinzen, Geschäftsleute, ranghohe Politiker. Die Verhaftungswelle war beispiellos. Nach offizieller Darstellung aus Riad ging es um einen Kampf gegen Korruption. Kritiker sahen dagegen den Durchgriff eines jungen Kronprinzen, der seine Macht in der schwerreichen Öl-Monarchie mit aggressiven Schritten ausbaute.

Mohammed bin Salman, 34, ist schon jetzt der faktische Herrscher Saudi-Arabiens. Nun scheint es, als wolle "MBS" weitere potenzielle Hindernisse bei seinem Aufstieg zum Thron aus dem Weg räumen. Nach Berichten von "Wall Street Journal" und "New York Times" wurden vier hochrangige Prinzen festgenommen, darunter König Salmans Bruder, Prinz Ahmed bin Abdulasis al-Saud, 78, und Prinz Mohammed bin Naif bin Abdulasis al-Saud, 60. Die Zeitungen berufen sich auf mit dem Fall vertraute Personen, darunter Berater und Angehörige des Königshauses. Das saudische Königshaus äußerte sich vorerst nicht.

Nach Beschreibung beider Zeitungen scheint eine angeblich drohende "Palast-Revolte" mit harten Mitteln zerschlagen worden zu sein: Maskierte, bewaffnete Wächter hätten die Prinzen festgesetzt, zudem seien Dutzende Würdenträger im Innenministerium, ranghohe Armeeoffiziere und deren Unterstützer festgenommen worden. Auch der saudische Innenminister und dessen Vater sollen zu der angeblichen Verschwörung befragt worden sein.

Die Zeit drängt

Die Festnahmen dürften die saudische Führung erschaudern lassen. Prinz Ahmed als jüngerer Bruder des Königs Salman sowie der einstige Thronfolger Mohammed bin Naif schienen eigentlich besonderen Schutz zu genießen. König Salman hatte Mohammed bin Naif im Juni 2017 als Kronprinz abgesetzt, seitdem stand er Medienberichten zufolge unter Hausarrest. Auch vor diesen einflussreichsten Mitgliedern der Königsfamilie schreckt "MBS" offenbar nicht mehr zurück.

Eigentlich rotierte die Macht in dem Königreich zwischen sieben Familien, schreibt Professor Juan Cole von der Universität Michigan. Dieses oligarchische System hätten König Salman, der seinen Sohn Mohammed bin Salman 2017 zum Kronprinzen machte, dann aber in eine Erbmonarchie nach britischem Vorbild verwandelt. Einen drohenden Aufstand hätten sie nur mit hartem Vorgehen gegen die mächtigsten Prinzen verhindern können. Ein riskanter Zug, da damit sechs Fürstenhäuser von der Monarchie ausgeschlossen wurden, so Cole.

Die Zeit drängt, denn der 84 Jahre alte König Salman könnte den Thron aus Altersschwäche abgeben - oder sterben. Gerüchte über seinen Tod schien König Salman am Sonntag ausräumen zu wollen. Die staatliche Nachrichtenagentur SPA veröffentlichte Fotos, wie er zwei neue saudische Botschafter begrüßt. Auf den Bildern wirkt er gesund. Auch beim Treffen mit US-Außenminister Mike Pompeo vor zwei Wochen sei er in guter Verfassung gewesen, berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf einen US-Regierungsvertreter.

Saudi-Arabien müsste Geschlossenheit demonstrieren

Ein offener Machtkampf käme für Saudi-Arabien äußerst ungelegen. Wegen des neuartigen Coronavirus - im Land sind elf Fälle gemeldet - wurden Pilgerreisen nach Mekka und Medina ausgesetzt, auch die Große Wallfahrt Hadsch im Juli könnte betroffen sein. Mit Russland tobt ein Streit über Kürzungen der Rohölförderung als Reaktion auf die wirtschaftlichen Folgen des Virus. Aktien des staatlichen Ölkonzerns Aramco fielen am Sonntag erstmals unter den Ausgabepreis des Börsengangs vor drei Monaten. Alles Fragen, in denen die Führung in Riad nach außen eigentlich Geschlossenheit demonstrieren sollte.

Vor dem Tresen eines Cafés steht eine junge Frau mit Kopftuch und rappt

Als Gastgeber des G20-Gipfels im November will Saudi-Arabien sich weltoffen zeigen, als Wirtschaftsstandort und als Land, das sich dem Tourismus öffnet. Zugleich hat das Ansehen nach der Ermordung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi und dem brutalen Krieg im bitterarmen Jemen deutlich gelitten. Und trotz einiger Lockerungen im Land wurden etwa prominente Frauenrechtlerinnen inhaftiert. Kritik an der Führung wird nicht geduldet.

Das könnte nun auch für Mitglieder der Königsfamilie gelten. Den Prinzen, schreiben US-Medien, wird eine Verschwörung gegen den König vorgeworfen. Möglicherweise droht ihnen die Todesstrafe.

Johannes Schmitt-Tegge / fs / DPA