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Schlag 12 - Der Mittagskommentar: Schluss mit Fakelaki

Die wahre Troika, die Griechenland beherrscht, besteht aus Bürokratie, Korruption und Vetternwirtschaft. Für die Rettung des Landes braucht es weit mehr als frisches Geld: einen Mentalitätswechsel.

Von Jan Rosenkranz

Bürokratie, Korruption und Vetternwirtschaft in Griechenland: Mentalitätswechsel ist nötig

Schwarzarbeit im Fakelaki-Land: Zum Ausweg aus der Krise muss auch ein Mentalitätswechsel in der griechischen Bevölkerung her

Forscher haben herausgefunden, dass der Anteil der Schattenwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt bei zwölf Prozent liegt. In Deutschland. Nicht so in Griechenland. Hier liegt der Anteil bei einem Viertel bis einem Drittel des BIP. In ihrer Studie "The hard shadow of the Greek economy" kommen fünf Ökonomen sogar zu dem vernichtenden Schluss: 60 Prozent der griechischen Wirtschaft liegen im Schatten.

Ja, Griechenland ist pleite. Ja, Angela Merkel und die Troika mögen das ihre dazu beigetragen haben. Dass Griechenland heute ein Dasein als renitenter "failed state" am Rande Europas fristet, liegt jedoch vor allem daran, dass in diesem sonnigen Land nach wie vor so vieles im Schatten passiert. Dass Steuerhinterziehung der Normallfall ist. Dass bei allen Fortschritten, die es in den vergangenen fünf Jahren gegeben haben mag, in Griechenland noch immer eine andere Troika herrscht: die Troika aus Korruption, Bürokratie und Vetternwirtschaft.

Wozu Steuern zahlen?

Natürlich muss jetzt der unmittelbare Staatsbankrott abgewendet werden. Das schafft Luft - für Wochen, vielleicht für einige Monate. Doch wenn Griechenland nicht zum dauerhaften "EU-Protektorat" werden will, braucht das Land dringend einen grundlegenden Mentalitätswechsel.

Weder Angela Merkel noch der Internationale Währungsfonds tragen Schuld daran, dass die Menschen zwischen Korfu und Kreta seit Jahrzehnten gewohnt sind, ihre Probleme mit "Fakelaki" zu lösen, kleinen Umschlägen, die mal mehr, mal weniger Scheine enthalten. Weder die Euro-Gruppe noch die Europäische Zentralbank haben erzwungen, dass jedes dritte Unternehmen Griechenlands Mitarbeiter beschäftigt, für die es weder Steuern noch Abgaben leistet.

Wenn der Staat nicht funktioniert, wenn er die grundlegenden Aufgaben nur schlecht oder gar nicht erfüllen kann, wenn er reiche Reeder verschont und arme Rentner schröpft, wenn alle für Alles selbst bezahlen müssen oder leer ausgehen - wofür soll man dann Steuern zahlen? Bei ihren bisherigen Versuchen, Griechenland vorm Untergang zu retten, sind bislang alle auch an eben dieser Haltung gescheitert.

Es ist auch mein Staat

Das Land steckt fest im Teufelskreis: Steuererhöhungen und steigende Arbeitslosenzahlen führen zu mehr Schwarzarbeit und weiter sinkenden Staatseinnahmen. Leere Kassen führen wiederum zu noch mehr Steuererhöhungen, zu noch mehr Arbeitslosen, noch mehr Schwarzarbeit, noch weniger Staatseinnahmen. Und der Schuldenberg wächst weiter.

"Bei einer renitenten Bevölkerung und bei Unternehmen, die an Schwarzarbeit gewöhnt sind, ist eine Verhaltensänderung nur sehr schwer zu erreichen", hat Athanassios Pitsoulis, einer der Autoren der "Schatten"-Studie, kürzlich gewarnt. Doch genau darin liegt, bei aller Schuldenlast, Griechenlands wahres Problem: Der Staat muss funktionieren, damit seine Bürger Steuern zahlen. Der Staat kann nur funktionieren, wenn seine Bürger Steuern zahlen. Das ist die eigentliche Aufgabe der Griechen-Retter: die Quadratur des Kreises.

Wahrscheinlich wird es Jahre dauern, vielleicht eine ganze Generation bis die große Mehrheit der Griechen sagen kann: Es ist auch mein Staat. Bis dahin ist Krise.