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Schriftsteller György Konrad "Man muss Europa als komplexen Roman verstehen"

Europa nimmt der ungarische Schriftsteller György Konrad in Wellenform war. Derzeit befinde es sich in einem Tal, sagt der ehemalige Pen-Präsident im Interview.

Fühlen Sie sich als Europäer?
Ja natürlich.

Wie definieren Sie das?
Ich reise gern in andere europäische Länder, bin neugierig auf die Bücher anderer europäischer Autoren, ich fühle die europäische Literatur als meine eigene. Hier gibt es so viele Religionen, Weltanschauungen, es ist ein heterogener und schöner Kontinent.

Wenn ich Menschen direkt frage, sagen die normalerweise: Ich bin Deutscher. Ungar. Italiener.
Ich bin Weltbürger, Europäer, Ungar, Jude, Budapester, ein Hegymagaser, ein Mensch von dieser Straße, von diesem Haus.

Und das ist alles möglich?
Nur das ist möglich. Es ist die einzig reale Darstellung des Menschen. Alles andere sind Ideologien. Etwas Gewolltes.

Ich bekomme oft als Antwort: Es gibt keine europäische Identität.
Die gibt es auch nicht. Wenn sie nach einer nationalen Identität fragen, bekommen sie Plattitüden. Es gibt die Identität einer Nation nicht. Es gibt nur eine persönliche, und nicht mal die gibt es wirklich. Heute sind Sie so, morgen so. In einer Liebesbeziehung waren sie so, in einer anderen wieder ein anderer Mensch. Diese Identität ist ein mittelalterlicher Begriff, ein scholastischer Begriff. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte.

Gern.
Einmal besuchte ich in Australien einen Freund entlang der Küste und ging in eine Kneipe. Der Kellner fragte mich, woher ich komme. Ich sagte: Hungary. Das hat ihm kein klares Bild gegeben. Da sagte ich: Eastern Europe. Das verstörte ihn noch mehr. Da trat ein Mann an den Tisch und sagte: Der Herr kommt aus Europa. Erst da verstand der Kellner. Dann fragte er: Sagten Sie vorher, sie haben Hunger?

Momentan hört man oft, dass dieses Europa bald kollabieren wird. In drei Monaten, zwei Monaten, vier Wochen.
Nein. Das passiert nicht. Ein Prozess der Integration hat notwendigerweise einen Gegenprozess, und diese beide kämpfen miteinander und schaffen ein gewisses Gleichgewicht. Es ist unmöglich, sich immer nur zu integrieren, weil alle Gruppen natürlich auch ihre Eigenart verteidigen. Wir sind unterschiedlich und verteidigen diese Unterschiedlichkeit gern und finden dafür sonderbare Wörter. Europa aufzugeben entspräche einer schrecklichen Verdummung und Verarmung. Wir sind reich, weil wir diesen bunten Garten haben.

Wie nehmen sie diesen Kontinent derzeit wahr?
In Wellenformen. Gerade gehen wir durch ein Tal.

Erleben wir eine Renationalisierung?
Es gibt diese Tendenz. Es gibt einen eingebauten Widerspruch im europäischen Gebilde. Wir sind bisher kein Verein europäischer Bürger, sondern ein Verein europäischer Nationalstaaten. Natürlich haben dann die Nationalpolitiker das Sagen. Nationalpolitiker gibt es in Europa viele, europäische Politiker wenige.

Wie stellen Sie sich das Europa der Zukunft vor?
Wahrscheinlich hat Herr Schäuble Recht. Der Prozess europäischer Integration muss weitergehen. Fortschritt heißt Souveränität abzugeben. Europäische Führungsgremien werden direkt gewählt. Es wird also noch ein Stockwerk gebaut auf das Stockwerk der Nationalstaaten. Nationalstaaten selber sind nichts anderes als die Integration von Märkten und kleineren gesellschaftlichen Einheiten. Was war Deutschland denn vor 500 Jahren?

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der Prozess, der zu den Vereinigten Staaten Europas fürht, wird ein sehr langsamer Prozess sein>

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Eine Ansammlung vieler Kleinstaaten.
Europa wird so etwas sein wie die Vereinigten Staaten. Dort war es auch ein 150-jähriger Prozess. Hier wird es ebenfalls ein sehr langsamer Prozess sein. Manchmal geht es voran, manchmal bleiben wir stehen, manchmal gehen wir sogar zurück.

Mögen Sie diesen Gedanken - die Vereinigten Staaten von Europa mit der Hauptstadt Brüssel?
Ja, wenn es größere Freiheiten für die Bürger gibt. Der Nationalstaat war mir meist unangenehm, ich kenne ihn in faschistischer Form, in kommunistischer Form und jetzt wieder in einer sehr unangenehmen Form. Ich finde Nationalpolitiker nicht sehr weise und eher langweilig. Die Nationalphraseologie ist leer. Europa als Gesamtgebilde mit dieser Komplexität und Pluralität ist interessanter und intelligenter. Europa ist ein superkomplexer interessanter Roman.

Sie könnten damit leben, dass Politik nicht mehr in Budapest gemacht wird?
Was in Budapest derzeit gemacht wird, empfinde ich als große Katastrophe für das Land. Es ist gut, wenn Nationalregierungen kontrolliert werden, von den Bürgern, von der Opposition, aber auch von draußen - von Beobachtern, von Kollegen in der europäischen Führung. Ein Ministerpräsident soll nicht unabhängig von denen sein.

Funktioniert das derzeit in Europa? Ist die EU stark genug, um auf die nationalkonservative Regierung in Ungarn Einfluss zu nehmen?
Interessanterweise nein. Der Druck war stärker, als Ungarn noch kein EU-Mitglied war, weil man da rein in die EU wollte. Wenn man erstmal drin ist, hat man ein Sicherheitsgefühl. Es ist wie in einer Schulklasse voller böser Buden, wo der Lehrer zu liberal ist und seinen Stock nicht benutzt. Dort können sie sich viel erlauben.

Sie wünschen sich mehr Stockeinsatz?
Wer den Weg zu liberalen und demokratischen Ideen nicht findet, darf kein normaler Europäer ein. In einem nationalistischen, autoritären Staat ist die Würde des Menschen der Würde des Staates untergeordnet.

Sie beschreiben gerade den Zustand ihres eigenen Landes?
Bis 2010 wagte es keiner, die demokratischen Grundprinzipen und Instanzen wie Gerichtshof, Nationalbank oder Presse in Frage zu stellen, sie unter Regierungsobrigkeit zu stellen. Herr Orban, der Ministerpräsident, sagt, er müsse eine nationale Revolution gegen das machen, was er als unordentlich empfindet. Jetzt möchten alle jungen Leute nur noch weggehen.

Ich habe auf meiner Reise durch Europa junge Ungarn getroffen, die sich nicht vorstellen können, in ihr Land zurückzukehren.
Ich sehe es bei allen Freunden mit Kindern. Wenn sie intelligent und tapfer sind, gehen sie irgendwo hin auf diesem Kontinent oder einem anderem. Es gibt keine guten Jobs in Ungarn, und das was sie mögen - Kunst, Journalismus - wird ihnen unmöglich gemacht. Es ist ein geschlossenes System. Es umfasst nicht nur die Regierungspolitik, sondern auch Kultur, Journalismus.

Woran merkt man das?
Die Medien sind todlangweilig geworden. Es gibt einen einzigen Radiosender, wo man oppositionelle Stimmen noch hören kann. Seit anderthalb Jahren läuft nun ein Prozess gegen diesen Sender. Er musste einen Antrag über 200 Seiten einreichen, und jetzt hat man verkündet: Der Antrag ist abgelehnt, weil die Rückseiten nicht unterschrieben waren.

Das klingt eher nach Komödie.
Es hat etwas Komödiantisches, das stimmt.

Sie haben Faschismus und Kommunismus überlebt. Wie sehr schmerzt Sie es, dass Künstler in Ungarn heute wieder als Saujuden beschimpft werden?
Ich versuche, nicht all zu viel Schmerz zu empfinden. Ich werde es darstellen in literarischer Form und in Essays.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum es ein fleißiges, eher stilles Europa und ein etwas bequemeres, lebenslustiges Europa gibt>

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Sie nennen die Stimmung in ihrem Land depressiv.
Ja, aber natürlich begegnet man dem auch mit Humor, Galgenhumor.

Was sollte die EU mit ihrem Sorgenkind Ungarn tun?
Nicht nur Wirtschaftsfragen ins Zentrum rücken, nicht nur den freien Verkehr von Waren und Gütern. Es müsste so etwas wie Democracy Watch geben. Die Freiheit unter Beobachtung halten. Früher gab es Radio Freies Europa. Heute gibt es keinen europäischen Rundfunk, kein Fernsehen.

Es gibt nicht mal eine europäische Zeitung.
Stimmt.

Gibt es große europäische Politiker?
Langes Schweigen
Es ist nicht unmöglich, dass Frau Merkel eine gute Europäerin wird. Vielleicht auch Herr Schäuble. Herr Barroso hat auch dazu gelernt. Daniel Cohn-Bendit ist eine große europäische Figur.

Mir sagte der italienische Künstler Oliviero Toscani: Wir bräuchten einen Gandhi für Europa. Einen, der die Wirkung Obamas hätte.
Man sollte Sakralisierung und Politik trennen. Die Religion soll in der Kirche bleiben. Religiöse politische Strukturen führen meist zu Terror.

Ich meine einen großen Europäer, der die Menschen begeistern kann.
Das würde ihn verdächtig machen.

In einigen Ländern regt sich Widerstand gegen 'Mehr Europa', auch in Deutschland.
Die Deutschen haben große Vorteile von Europa, zum Beispiel dass sie ihr Kapital hier investieren. In einer Audi-Fabrik hier bekommt eine Arbeiterin 400 Euro, in Deutschland mindestens das Dreifache. Deutschland wird das Geschäft weiter führen, weil es davon profitiert. Die Länder im Norden werden nicht austreten, weil sie sonst auch in die Grube springen.

Es gibt Überlegungen über einen Nord-Euro.
Bis 1989 gab es West- und Osteuropa. Im 16. Jahrhundert gab es den westfälischen Frieden zwischen Norden und Süden, zwischen Protestantismus und Katholizismus. Man kann Europa auch in Bier-Europa und Wein-Europa teilen. Sie können auch die Friedrichstraße in Berlin in Ost und West teilen. Mit etwas Phantasie können wir noch alle möglichen Linien ziehen. Neulich war ich in Amsterdam und wollte um 23 Uhr noch etwas essen, aber nichts war mehr offen. Wenn wir in einem katholischeren Gebiet sind, im Süden, ist da noch richtig Leben auf den Straßen. Vielleicht können wir sagen: Es gibt ein fleißiges, eher stilles Europa und ein etwas bequemeres, hedonistischeres, lebenslustiges Europa.

Und die passen zusammen in einem wirtschaftlichen und politischen Verbund?
Ja. Sie ärgern einander, aber schon Goethe mochte Süditalien. Und denken Sie an die Toskana-Fraktion. Die ganzen Touristen fühlen sich von Südeuropa angezogen.

Sie sollten in Deutschland mal das Schimpfen auf Griechenland hören.
Ja, auf irgendetwas muss man ja schimpfen. Für uns in Osteuropa war das immer überraschend, dass Kollegen und Freunde, die uns ähnlich sind, über etwas schimpfen, was wir uns so gewünscht hatten: die Demokratie.>

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Jan Christoph Wiechmann

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