Schweden Furchtbare Erinnerung an den Palme-Mord


Das Attentat sei ein Angriff auf die gesamte schwedische Gesellschaft, reagierte Premier Göran Persson bestürzt und wütend. Außenministerin Anna Lindh war in einem Stockholmer Kaufhaus von einem Unbekannten mit einem Messer schwer verletzt worden.

Das Messerattentat auf Schwedens Außenministerin Anna Lindh am Mittwochnachmittag hat in Stockholm sofort die furchtbare Erinnerung an den Palme-Mord vor 17 Jahren wachgerufen. Die 46-Jährige überlebte - ansonsten aber erinnerten mehrere Umstände an den Mord vom 28. Februar 1986, als der damalige schwedische Ministerpräsident Olof Palme nach einem Kino-Besuch in der Stockholmer City zwei Kugeln eines bis heute nicht ermittelten Attentäters zum Opfer fiel.

Ohne Leibwächter im Kaufhaus

Wie Palme war auch Anna Lindh privat und, wie in Schweden meist üblich, ohne Leibwächter in einem Kaufhaus der Hauptstadt unterwegs, als der Täter plötzlich aus der Menge auftauchte, zuschlug und flüchten konnte. Erste Spekulationen gingen denn auch wieder in Richtung auf einen ohne politischen Hintergrund handelnden Alleintäter.

Mit Anna Lindh war das Opfer die derzeit wohl populärste Politikerin Schwedens. Die kleine, jung wirkende Juristin und Mutter zweier 1991 und 1995 geborener Söhne hat sich spätestens seit der schwedischen EU-Präsidentschaft vor zwei Jahren auch aus dem Schatten von Regierungschef Göran Persson gelöst und gilt als erste Anwärterin auf dessen Nachfolge. Nach vier nicht sonderlich auffälligen Jahren als Umweltministerin wechselte sie 1998 ins Außenministerium und setzte hier immer mal wieder sichtbar andere politische und persönliche Akzente als ihr Chef.

Persönlich strahlte sie mit betont einfacher Kleidung und dem täglichen Pendeln per Bahn zwischen Stockholm und ihrer Heimatstadt Norrköping Normalität und Bescheidenheit aus. Unter ihren EU-Kollegen erwarb sie sich Achtung durch - wie in Skandinavien üblich - unkomplizierten und auf Titel oder Hierarchien nicht fixierten Umgang.

Politisch kritisierte Lindh die Palästina-Politik Israels und der USA wesentlich deutlicher als der Regierungschef. Die Irak-Politik von US-Präsident George W. Bush nannte sie "verrückt". Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hält sie wegen dessen "etwas spezieller Position" für ungeeignet, den EU-Verfassungsprozess mit dem nötigen Verhandlungsgeschick zu Ende zu bringen.

Wichtigste Wahlkämpferin der Ja-Seite beim Euro-Referendum

Vor dem Euro-Referendum am Sonntag agierte Lindh als wichtigste Wahlkämpferin der Ja-Seite neben Persson. Auch hier trat sie auf Marktplätzen, in Schulen und Einkaufszentren in der Regel völlig unbewacht auf. Auch daran gewöhnten schwedischen Reportern fiel dies wieder auf, als Lindh im Sommer auf der Ostseeinsel Gotland mit ihrem nach schwedischen Maßstäben schwer bewachten deutschen Kollegen Joschka Fischer auftrat.

Thomas Borchert DPA

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