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Russlands geheime Schattenarmee "Man verwandelt sich in einen gehorsamen Gehilfen. Für das Böse" – Ex-Söldner der Gruppe Wagner packt aus

Marat Gabidullin - Ex-Söldner Gruppe Wagner
Marat Gabidullin gehörte der Gruppe Wagner von 2015 bis 2019 an. In Syrien war er auch an Kämpfen der Söldnertruppe beteiligt, zu der Russland seit jeher Verbindungen leugnet
© privat
Die Gruppe Wagner ist für ihre Brutalität berüchtigt. Russland soll die Söldner in mehreren Kriegen eingesetzt haben – aktuell auch in der Ukraine. Ex-Kämpfer Marat Gabidullin gewährt nun erstmals Einblicke in die Organisation, über die nur wenig bekannt ist.
Von Sergej Maier

Dieser Beitrag erschien zunächst bei ntv.de.

Vier Jahre kämpfte Marat Gabidullin für die russische "Gruppe Wagner", von 2015 bis 2019. Über seine Zeit bei der berüchtigten Söldnertruppe, die jetzt auch im russischen Krieg gegen die Ukraine eingesetzt wird, hat er ein Buch geschrieben: "Putins geheime Armee – ein Insiderbericht". Gabidullin war in Syrien im Einsatz, das Angebot, an Russlands Überfall auf die Ukraine teilzunehmen, lehnte er nach eigenen Angaben ab. Derzeit hält er sich in Europa auf. Eine Rückkehr nach Russland ist für ihn zu gefährlich.

Zwei Schlüsselnamen tauchen weder in Gabidullins Antworten in diesem Interview noch in seinem Buch auf: Jewgeni Prigoschin und Dmitri Utkin. Der Oligarch Prigoschin, auch bekannt als "Putins Koch", gilt als Geldgeber der Gruppe Wagner, Utkin als ihr Gründer. Statt Utkin namentlich zu nennen, spricht Gabidullin im Buch von "Beethoven", ein Deckname, "der den Leser kaum im Unklaren darüber lässt, um wen es sich hier handelt", wie es im Vorwort heißt. Eigentlich ist Utkins Kampfname der eines anderen Komponisten: Wagner, Hitlers Lieblingskomponist. Der Bezug ist nicht zufällig gewählt: Utkin hat sich SS-Runen in Form eines Uniformkragens auf das Schlüsselbein sowie ein Hakenkreuz auf die Brust tätowieren lassen.

Herr Gabidullin, warum haben Sie das Buch über die Gruppe Wagner geschrieben?
Ich möchte die Dinge beim Namen nennen. In Russland sollten wir nicht denken, dass wir alles richtig machen, dass Söldnertum etwas ist, das nur mit der westlichen Lebensweise zu tun hat. Und ich wollte das wahre Bild des Kriegs in Syrien zeigen. Unsere Medien in Russland lügen. Der Sieg in Syrien wurde mit viel Blut gewonnen, dem Blut russischer Söldner. Wir haben in diesem Krieg viele Menschen verloren.

War es vor allem die Wagner-Gruppe, die viele Soldaten verloren hat?
Die Verluste waren sehr hoch.

Marat Gabidullin, Ex-Söldner der Gruppe Wagner
Vier Jahre gehörte Marat Gabidullin der Gruppe Wagner an. Der heute 55-Jährige ist der erste Ex-Söldner, der Einblicke in das Innenleben der Organisation liefert.
© privat

Warum sind Sie zu der Gruppe Wagner gestoßen?
Nachdem ich aus der Armee ausgeschieden war, hatte ich kein Ziel im Leben. Ich war depressiv, ich wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Da rief mich ein alter Freund aus Sibirien an. Ich habe die Chance genutzt und bin zu der Adresse gegangen, die er mir gab. Hier wurde mir gesagt, welche Dokumente ich benötige. Dann habe ich bestimmte Prüfungen bestanden und wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Offizielle Informationen über die Gruppe Wagner gibt es nicht, Sie sind der erste ehemalige Söldner, der ein Buch über die Gruppe geschrieben hat. Haben Sie Angst, nach Russland zurückzukehren?
Es ist nicht so, dass ich keine Angst hätte. Ich werde vorerst nicht nach Russland zurückkehren. Ich werde für eine Weile in Europa bleiben.

Was war Ihre Motivation, als Söldner zu arbeiten? Welche Rolle spielte Geld für Sie?
Nun, das war Teil der Motivation. Ich kann Ihnen sagen, dass der größte Teil der Männer, die in dieser Struktur arbeiten, nur dort ist, um Geld zu verdienen. So viel Geld können sie nirgendwo sonst in Russland verdienen.

Was hat Ihre Familie dazu gesagt, dass Sie als Söldner arbeiten wollten?
Sie sahen, in welchem Zustand ich war. Niemand hielt mich auf. Es war ein Job. Und ich habe meinen Seelenfrieden und mein Selbstvertrauen zurückgewonnen. Irgendwie habe ich den Sinn meiner Existenz wiederentdeckt. Als wäre es eine erfolgreiche Psychotherapie gewesen.

"Die Gruppe Wagner tritt nicht an Kunden heran. Ihr werden Aufträge erteilt"

Wie muss man sich den Bewerbungsprozess vorstellen?
Wir nennen dieses Unternehmen PMC, Private Military Company. Sie werden auf Schulden und eventuelle Gerichtsverfahren überprüft. Dann wird geklärt, ob man gültige Dokumente hat und reisen darf. Ein Reisepass ist eine Voraussetzung. Sie führen Gespräche mit den Bewerbern, um herauszufinden, welche militärischen Vorkenntnisse vorhanden sind. Oder ob du überhaupt welche hast. Ab 2017 wurde aber nicht mehr darauf geachtet, ob man eine militärische Ausbildung hatte oder nicht. Wenn man all diese Voraussetzungen erfüllt, bekommt man den Job und kann einen Vertrag unterschreiben.

Wurden nur russische Staatsbürger aufgenommen?
2017 wurde eine Regel eingeführt, die Personen mit einer anderen Staatsangehörigkeit als der russischen ausschloss. Jetzt glaube ich, dass sie diese Regeln und Vorschriften wieder aufweichen. Um die Gruppe Wagner für Kampfeinsätze in die Ukraine zu verlegen, müssen ja keine Zollkontrollen und andere mit dem Überschreiten einer Staatsgrenze verbundenen Verfahren durchlaufen werden.

Die Basis der Gruppe Wagner ist im Militärbereich "Molkino", wo sich auch die Basis einer Einheit des russischen Militärgeheimdienstes GRU befindet. Gab es dort Verbindungen?
Es handelt sich um einen Übungs- und Schießplatz. Dort findet man Vertreter fast aller Teile der Landstreitkräfte. Mit anderen Worten, es handelt sich nicht direkt um eine Art GRU-Stützpunkt. Aber in der Nähe ist eine militärische Einheit der GRU-Spezialkräfte stationiert.

Eigentlich sind private Militärfirmen in Russland verboten. Wer tritt offiziell als Kunde der Gruppe Wagner auf?
Ich bereite die Veröffentlichung eines Projekts vor, das so ziemlich alles im Detail abdeckt. Diese private Militärfirma ist nicht wirklich unabhängig. Das ist der Unterschied zu ihren westlichen Pendants wie Blackwater (das größte private US-Sicherheits- und Militärunternehmen, Anm. d. Red.). Die Gruppe Wagner ist weder in der Wahl ihrer Auftraggeber noch in der Entscheidung, in den Markt für private Militärdienstleistungen einzutreten, unabhängig. Sie treten nicht an irgendwelche Kunden heran. Ihr werden Aufträge erteilt.

"Man verwandelt sich in einen gehorsamen Gehilfen"

Neben anderen wird auch Oligarch Jewgeni Prigoschin mit der Organisation in Verbindung gebracht. Finanziert er die Wagner-Gruppe?
Wenn man mir Fragen zu bestimmten Personen stellt, sage ich, dass ich zu bestimmten Personen nichts sagen kann. Ich habe in diesem Buch alles klar dargelegt. Es ist der Beweis, dass es sich nicht um eine unabhängige paramilitärische Gruppe handelt, die autonom auf irgendeinem ausländischen Markt agieren kann. Es gibt einen Konzern und einen Konzernchef, der den militärischen Flügel dieses Konzerns führt. Die Militäreinheit setzt dessen persönliche Geschäftsprojekte um. Es spielt keine Rolle, wer das Unternehmen leitet. Wenn er es nicht ist, ist es jemand anderes. Die wichtigste Voraussetzung ist, dass man dem inneren Kreis des Zaren angehört.

Haben Sie mal Dmitri Utkin (ein russischer Unternehmer und Ex-Soldat, der Gründer der Wagner-Gruppe sein soll, Anm. d. Red.) getroffen?
Sehen Sie, die Person, die seit 2015 in dieser Struktur arbeitet, hat mit allen kommuniziert, Kontakt aufgenommen, auf die eine oder andere Weise interagiert, und so weiter und so fort. Es war Wagner selbst.

Sie waren im Donbass und ebenfalls in Syrien.
2015 war meine erste "Geschäftsreise" nach Luhansk. Aber das war nach Kriegsende. Das war im Juli oder August 2015. Die Kämpfe waren beendet.

Marat Gabidullin in Syrien
Marat Gabidullin während seines Einsatzes in Syrien. Über die hohen Verluste während des Krieges werde die russische Bevölkerung von der Regierung belogen, sagt Gabidullin.

Aber in Syrien waren Sie an Kämpfen und Einsätzen beteiligt?
In Syrien fand der erste Einsatz im September 2015 statt, als die russische Regierung offiziell bekannt gab, dass sie an dem Krieg teilnimmt.

Gibt es eine Ideologie, die die Kämpfer der Gruppe Wagner vereint? Spielt eine politische Ideologie eine Rolle?
Manches scheint aus der ideologischen Maschinerie der Sowjetunion während des Kalten Krieges zu kommen, versehen mit einer Art Patina. Aber in Wahrheit geht es nicht um Ideologie. Sie gehen alle wegen des Geldes dorthin. Das wahre Motiv ist Geld.

Gab es Situationen, in denen Sie moralische Bedenken hatten? Haben Sie irgendwann bereut, sich der Gruppe angeschlossen zu haben?
Ich habe diese Schule des Lebens vier Jahre lang durchlaufen. Es hat mir viele Denkanstöße gegeben. Nein, ich bereue nichts. Aber Anfang 2019 kam ich zu dem Schluss, dass ich dort einfach nicht mehr sein will. Mir wurde klar, dass ich ein bestimmtes Stadium erreicht hatte. Man verwandelt sich in einen gehorsamen Gehilfen. Du verwandelst dich in einen Primitiven, in die primitive Version eines Söldners, der auf jede Weise eingesetzt werden kann. Und für das Böse.

Der Gruppe Wagner werden viele Kriegsverbrechen vorgeworfen, zum Beispiel in Syrien oder in Afrika. Können Sie dazu etwas sagen?
Ich möchte mich im Moment nicht zu den Gräueltaten in der Zentralafrikanischen Republik äußern. Ich bin der Meinung, das ist eine übertriebene Dämonisierung. Andererseits wird Wagner-Mitarbeitern freie Hand gelassen, es gibt keine strafrechtliche Verfolgung. Deshalb hängt hier alles vom einzelnen Menschen ab, von seinem Charakter, davon, wie viel Kontrolle er über sich hat. Dazu kommt, dass diese Menschen sich an den Krieg gewöhnen. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Verstößen. Ich sagte Ihnen ja, sie arbeiten außerhalb des Gesetzes.

Waren Sie persönlich mal Zeuge solcher Gräueltaten?
Wenn sie sich außerhalb des Heimatlandes befinden, befinden sie sich in einer großen Drucksituation. Sie üben Kontrolle über die Menschen dort aus. Aber ich denke nicht, dass solche Gräueltaten dort begangen wurden. Ich glaube nicht, dass sie Köpfe abgeschnitten, Massenvergewaltigungen und alles andere begangen haben. Ich glaube das nicht, aber es gab viele Verstöße. Da bin ich mir sicher.

"Putin ist ein Mann, der sich von der Realität gelöst hat"

Wie ist Ihre Meinung zum Krieg in der Ukraine?
Das ist der größte Fehler und grenzt an ein Verbrechen. Zunächst einmal ist es natürlich ein Verbrechen gegen die Ukraine, aber gleichzeitig ein Verbrechen gegen das eigene Volk. Für mich ist die Ukraine ein Teil des Landes, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Das ganze Land, seine Bürger, sind meine Landsleute. Außerdem ist dies das Land, das jetzt aus gutem Grund seine eigene Staatlichkeit aufbaut. Sie unterscheiden sich ein wenig von den Russen, denn sie haben viel getan, um die Demokratie voranzubringen. Das ist ein weit hergeholter Vorwand, um die sogenannte Sonderoperation zu rechtfertigen. Meine Mitbürger schauen nur die staatlichen Sender. Und dort sehen sie dieses Gift, dass die Bürger vergiftet.

Wurden Sie auch gefragt, ob Sie am Krieg gegen die Ukraine teilnehmen möchten?
Es gab ein Angebot, aber natürlich habe ich es abgelehnt. Das war im November. Ich habe mich geweigert, aber damals dachte ich nicht einmal, dass dieser Krieg möglich sein würde. Um ehrlich zu sein, habe ich bis zum letzten Moment gehofft, dass es nicht dazu kommen würde, denn meiner Meinung nach ist das der größte Unsinn. Aber es ist trotzdem passiert.

Es gibt Gerüchte, dass die Gruppe in der Ukraine sehr hohe Verluste hat.
Ja, das habe ich auch gehört. Die Verluste sind beträchtlich. Denn die Söldnerformationen werden als Frontalangriffseinheiten eingesetzt. Deshalb haben sie höhere Verluste erlitten als alle anderen. Außerdem gibt es einen anderen sehr wichtigen Faktor: Die Generäle haben kein Mitleid mit ihnen. Sie werden dafür nicht zur Rechenschaft gezogen. Diese Verluste werden in den offiziellen Berichten nicht erfasst. Das ist die typische Missachtung des menschlichen Lebens, der schon immer ein Teil unserer Geschichte war. Wir kümmern uns nicht um die Menschen. Russische Frauen werden neue Kinder zur Welt bringen.

Was halten Sie eigentlich von Wladimir Putin?
Er ist ein Mann, der sich von der Realität gelöst hat. Er hat sich eingeredet, dass er die Idee seiner historischen Bestimmung für sich selbst erfunden hat.


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