stern.de exklusiv Gab es Hinweise auf den Selbstmordanschlag in Kabul?


Nach Informationen des stern hat es vor dem Selbstmordattenat in Kabul vom 7. Juni offenbar konkrete Hinweise auf unmittelbar bevorstehende Terrorschläge gegeben.

Nach Informationen des stern hat es vor dem Selbstmordattenat in Kabul vom 7. Juni offenbar konkrete Hinweise auf unmittelbar bevorstehende Terrorschläge gegeben. Bei dem Sprengstoffanschlag auf einen Bus waren damals vier deutsche Soldaten getötet und 29 weitere verletzt worden, vier davon schwer. Sie wollten an jenem Tag heimkehren.

Informationen aus Soldatenkreisen

Der stern hat aus Soldatenkreisen erfahren, dass am Mittwochabend vor dem Anschlag bei einem Briefing im Stab der ISAF-Schutztruppe Warnungen französischer und britischer Geheimdienste erörtert worden seien, wonach ein Anschlag für Freitag geplant sei. Sogar ein Szernario sei Thema gewesen. Als Bettler oder Behinderte verkleidete Gestalten könnten am Straßenrand hocken - mit Sprengstoff unter der Kleidung. Das Bundesverteidigungsministerium blieb am Freitag auf Anfrage des stern bei seiner Darstellung, dass es vor dem Anschlag keine konkrete Warnungen gegeben habe.

"Ich glaube nicht an Zufälle"

Dies widerspricht der Darstellung eines Betroffenen. Ihm wurde von einem Offizier geraten, Freitag das Lager möglichst nicht zu verlassen. Entsprechende Warnungen waren am Vorabend Thema in der Lagebesprechung. Dabei sei gesagt worden, dass die Franzosen ihre Befürchtungen relativiert, die Briten aber weiter auf einer dringenden Anschlagswarnung bestanden hätten. Der Soldat sagt: "Ich glaube nicht an Zufälle. Diese Warnung hängt mit dem Anschlag auf uns zusammen."

Der zum damaligen Zeitpunkt in Kabul anwesende ranghöchste deutsche Militär, Brigadegeneral Werner Freers, sagt: "Es gab täglich sehr viele Warnungen, die unterschiedlich bewertet werden mussten." Er wisse, wie die Sicherheitslage damals eingeschätzt worden sei. "Aber ich gebe dazu keine Auskunft." Er glaube aber, die damals Handelnden hätten das Bestmögliche getan, um Anschläge wie diesen zu verhindern.

Viele Erkenntnisse, wenig Auswertung

Das sehen die bei dem Attentat verletzten Soldaten anders. Sie glauben, dass der Selbstmordattentäter und seine Hintermänner von den Reiseplänen der Deutschen rechtzeitig erfahren haben und darauf reagieren konnten. Auch wird in der beim Anschlag getroffenen Aufklärungskompanie der Vorwurf laut, dass die Deutschen zwar sehr viel geheimdienstliche Erkenntnisse sammelten, aber nicht mehr mit der Auswertung hinterkämen. Die Untersuchungen des Anschlages, unter anderem durch das Bundeskriminalamt, sind noch nicht abgeschlossen.

Entlassungen bei den "locals"

Offenbar haben afghanische Zivilisten, die im Feldlager der Deutschen beschäftigt waren, ihre Arbeitgeber schon seit längerer Zeit regelrecht ausspioniert. Darum kam es in den Wochen nach dem Anschlag zu einer Entlassungswelle unter den sogenannten locals. Zehn Angestellte warfen die Deutschen hinaus, darunter allein sechs Dolmetscher und Sprachmittler. Denn bei Durchsuchungen am 21. Juni, zwei Wochen nach dem Attentat, hatte man bei den Afghanen - 360 arbeiten im Camp - unter anderem eine Liste mit persönlichen Daten deutscher Soldaten, Mobiltelefone, Diktiergeräte, die Skizze einer Rakete russischer Bauart und "vieles andere mehr" gefunden, wie ein Zeuge berichtet. Acht weitere Männer wurden nach Hinweisen afghanischer Sicherheitsbehörden festgenommen, berichtet das Bundesverteidigungsministerium. Sie stünden im Verdacht, "einer terroristischen Vereinigung anzugehören". Das heißt: Man hatte womöglich den Feind im eigenen Lager.

"Der Konvoi war kein Konvoi"

Den Vorwurf, dass der Konvoi nicht ausreichend gesichert gewesen ist, konnten Bundeswehr und Ministerium bis heute nicht entkräften. Die Jeeps waren nicht gepanzert, die Soldaten im Bus nicht bewaffnet, die Reise nicht geheim. "Der Konvoi war kein Konvoi", sagt einer der Soldaten, die verletzt wurden. Als er sich nach Explosion ins Freie rettete, "hätte man mich jederzeit abknallen können". Ob Transporte jetzt besser gesichert würden, will Brigadegeneral Freers nicht beantworten.

Die Gefahr von Anschlägen auf die internationale Schutztruppe ist nicht gebannt, sie ist offenbar sogar gestiegen. Man rechne täglich damit, berichtet ein deutscher hochrangiger Militär, der noch in Kabul ist. Anfang Juli sei das Camp von Deutschland aus alarmiert worden - dort werden die Erkenntnisse der Aufklärer ausgewertet. Zum Glück Fehlalarm. Kein Fehlalarm dagegen: In den Bergen unmittelbar beim Camp Warehouse wurden in den vergangenen Monaten zweimal Raketen sicher gestellt, die auf das Lager der Deutschen gerichtet waren.

Dorit Kowitz print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker