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stern-Reporter Geiger: "Die türkischen Kollegen, die es noch gibt, sind zu bewundern"

Mit stern-Korrespondent Raphael Geiger hat ein weiterer deutscher Journalist seine Presseakkreditierung für die Türkei verloren. Im Interview sagt er, was die Gründe dafür sind und was Reporter in dem Land zu befürchten haben. Von Christina Pohl

Raphael Geiger Istanbul

Raphael Geiger an seinem letzten Abend in Istanbul vor dem Umzug nach Athen

Herr Geiger, Ihre Akkreditierung für die Türkei wurde nicht verlängert. Worauf führen Sie die Ablehnung zurück?

Der Grund lautet: "Beleidigung des Staatspräsidenten". Wovon genau sich Recep Tayyip Erdogan beleidigt fühlte, weiß ich nicht. Vermutlich ist der Grund konstruiert. Es hätte auch "PKK-Propaganda" sein können oder irgendein anderer Vorwand. Der Regierung geht es darum, dass unter den Korrespondenten Unruhe entsteht. Niemand soll sich sicher sein, dass er in der Türkei bleiben kann.

Inwieweit wirken sich die jüngsten Ereignisse in der Türkei auf Ihre Arbeit als stern-Korrespondent aus?

Man merkt, dass die türkische Regierung mehr und mehr ausländische Korrespondenten einschüchtern will, auch wenn es nicht zu vergleichen ist mit dem, was türkische Kollegen erleben. Die Korrespondenten müssen jedes Jahr ihre Akkreditierung erneuern, die ist nötig für die Aufenthaltserlaubnis. Früher war das nie ein Problem, jetzt versucht die Regierung damit Druck auszuüben. Vergangenes Jahr bekam der "Spiegel"-Kollege Hasnain Kazim keine Akkreditierung, dieses Jahr hat es mich getroffen. Offiziell wird mein Antrag immer noch bearbeitet, seit fünf Monaten, inoffiziell habe ich erfahren, dass es nichts mehr wird. Ich habe Istanbul verlassen und bin nach Athen gezogen - von dort aus versuche ich, über die Türkei zu berichten, so gut es geht.

Wie gestaltet sich Ihre Arbeit nun? Können Sie für Recherchen oder Interviews noch in die Türkei reisen? Wie "frei" können Sie Ihrer Arbeit nachgehen?

Ich bin seit meinem Umzug nach Athen dreimal in die Türkei gereist, zuletzt vergangene Woche. Bisher kam ich immer ins Land und hatte keine Probleme. Ich versuche, unsichtbar zu sein und gebe mich als Tourist aus. Ich telefoniere mit meiner deutschen Sim-Karte und kommuniziere so wenig wie möglich am Telefon. Am wichtigsten ist, türkische Mitarbeiter und Gesprächspartner zu schützen. Mir könnte im schlimmsten Fall passieren, dass ich kurz verhaftet und dann ausgewiesen werde - mein türkischer Fotograf zum Beispiel hätte vermutlich Schlimmeres zu befürchten.

Laut "Reporter ohne Grenzen" sind in der Türkei derzeit 49 Journalisten in Haft, darunter auch der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel. Was bedeutet das für Sie? Sorgen Sie sich wenn Sie vor Ort sind?

Dass die Regierung mir die Akkreditierung verweigert, heißt, dass sie mich loswerden will - ich muss meine Besuche in der Türkei dosieren und sehr vorsichtig sein. Jetzt, nach dem Referendum, werde ich erst mal eine Weile nicht mehr dorthin reisen. Ich werde aber mit meinen türkischen Kollegen und Freunden in Kontakt bleiben und weiter über die Türkei berichten, es ist ja wichtiger denn je. 

Wie erleben Sie die Stimmung unter Journalisten - ausländischen ebenso wie türkischen?

Die spüren, dass sich das Land verändert. Die Fernsehkollegen haben oft Probleme, wenn sie auf der Straße drehen wollen. Immer wieder werden Korrespondenten in den sozialen Netzwerken von den Erdogan-Trolls angegriffen. Und alle fürchten, dass es im nächsten Jahr vielleicht mit der Akkreditierung nicht klappen könnte. Die türkischen Kollegen, die es noch gibt, sind zu bewundern. Eine davon, Banu Güven, bekommt ja den Sonderpreis des Nannen Preises - sie ist eine Kollegin, die immer noch weitermacht, obwohl sie jede Nacht verhaftet werden könnte. Vor ihr verneige ich mich.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht die Türkei mittlerweile auf Platz 151 von 180. Welche Entwicklung erwarten Sie?

Seit gestern sogar auf Platz 155. Ich vermute, dass Erdogan der knappe Ausgang des Referendums beunruhigt und dass er noch härter gegen Gegner vorgehen wird. Journalisten zählen für ihn dazu. 


Interview: Christina Pohl