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stern-Reporterin berichtet aus Donezk: Schulen, Kindergärten, Geschäfte - alles zerschossen

Ab 20 Uhr sind die Straßen von Donezk leergefegt - dann gilt die Sperrstunde. Doch auch am Tag gleicht die Millionenmetropole einer Geisterstadt - der Krieg hat die Hälfte der Bewohner vertrieben.

Von Bettina Sengling, Donezk

Essensausgabe in der Donbass-Arena. Am Haupteingang gibt es Medizin für Rentner, die in Donezk derzeit völlig verarmen

Essensausgabe in der Donbass-Arena. Am Haupteingang gibt es Medizin für Rentner, die in Donezk derzeit völlig verarmen

Wer sehen will, was der Krieg in Donezk angerichtet hat, der fährt in Richtung Flughafen, den Kiew-Prospekt stadtauswärts. Erst sind nur einzelne Zerstörungen zu sehen, Krater in Häuserwänden und Dächern, zerstörte Läden, ausgebrannte Wohnungen. Hier eilen noch einzelne Passanten über die Gehwege, die vierspurige Straße ist leergefegt.

Irgendwann verwandelt sich das einst dicht bewohnte Viertel in eine Geisterstadt. Kaum eine Wohnung ist noch bewohnt, kaum ein Fenster noch heil. Zerschossen sind Schulen und Kindergärten, Tankstellen, Bürotürme und Läden. Auf den Höfen liegen ausgebrannte Autos und zerfetzte Bäume, in einer Häuserwand ein Panzer. Die Bewohner sind längst geflüchtet vor dem Dauerbeschuss aus Raketenwerfern und Artilleriegeschützen. Hier und da haben sich in verlassenen Kellerwohnungen Separatisten einquartiert und Kontrollposten eingerichtet. Jeder Fremde wird angehalten.

Die Wand zerschossen, in den Händen ein paar Habseligkeiten: Donezk im Februar 2015

Die Wand zerschossen, in den Händen ein paar Habseligkeiten: Donezk im Februar 2015

In den vergangenen Wochen hat sich kaum jemand hierher getraut. So intensiv wie von Mitte Januar bis Montag dieser Woche wurde Donezk nicht einmal im Sommer beschossen, sagen Anwohner. Manche hausen seit Monaten in Kellern. Etwa die Hälfte der Bewohner der Millionenstadt ist längst geflüchtet, selbst das sanierte Zentrum liegt verlassen da, fast alle Geschäfte, Restaurants und Büros sind geschlossen. Ab 20 Uhr ist überall in der Stadt Sperrstunde.

Außer dem Kiew-Prospekt gelten etwa ein halbes Dutzend Viertel als No-Go-Areas, manche sind von Militäreinheiten der Separatisten abgesperrt. Besonders betroffen sind die Gebiete um den Flughafen, der zur EM 2012 für 400 Millionen Euro mit zwei neuen Terminals ausgebaut und modernisiert worden war. 80 Prozent der Kosten übernahm damals der Staat, der Flughafen galt als Prestige-Projekt, eines der modernsten Gebäude des Landes. Eigentlich sollte er einmal als Handelsdrehscheibe zwischen Europa und Asien dienen. Doch er wurde Zentrum monatelanger Kämpfe, ist heute völlig zertrümmert. Ukrainer und Separatisten stehen sich hier fast auf Sichtweite gegenüber, liefern sich täglich Schusswechsel, im Zentrum meist als dumpfer Kanonendonner zu hören.

Die Donbass-Arena - ein fast unbeschädigter Prestigebau

Die Donbass-Arena - ein fast unbeschädigter Prestigebau

Fast unbeschädigt ist bislang noch das Fußball-Stadion von Schachtjor Donezk, ebenfalls ein Neubau zur Fußball-EM und Prestige-Projekt des Donezker Oligarchen Renat Achmetow. Der lebt längst im sicheren Kiew. Die Mannschaft, nächster Gegner von Bayern München in der Champions League, zog bereits vor Monaten ins westukrainische Lwiw. Heute werden im ehemaligen Fan-Shop der Arena Hilfspakete an Eltern von Kleinkindern und Schwangere ausgegeben. Am Haupteingang gibt es Medizin für Rentner, die in Donezk derzeit völlig verarmen.

Die Angestellten der Arena pflegen trotzdem noch den Rasen im Stadion. "Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben", sagt Andrej Sanin, der einst die Consulting-Abteilung von Schachtar leitete und heute die Ausgabe der Hilfspakete koordiniert. "Eines Tages wollen wir hier wieder Fußball spielen."

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