Strategie Kein Stalingrad am Tigris


Wie jeder junge Offizieranwärter im Taktik-Unterricht lernt, empfiehlt es sich, den Krieg stets mit einer Überraschung anzufangen. Der Krieg im Irak begann mit vielen Überraschungen

Wie jeder junge Offizieranwärter im Taktik-Unterricht lernt, empfiehlt es sich, den Krieg stets mit einer Überraschung anzufangen. Eine gelungene Überraschung ist der halbe Sieg. Die Überraschung der Amerikaner war, dass sie statt des vernichtenden Luftschlages, den sie wochenlang angekündigt hatten, den Bombenkrieg nur zögerlich begannen. Die Überraschung der irakischen Armee aber ist, dass sie kämpft. Das hat in der "Koalition der Willigen" niemand erwartet. Deswegen ist sie jetzt in Schwierigkeiten.

Irak militärisch chancenlos

Militärisch ist der Irak ohne Chance, auch im Häuserkampf um Bagdad. Ein "Stalingrad am Tigris" wird es nicht geben. Seit den Tagen des Russland-Krieges hat sich nämlich einiges ereignet – zum Beispiel die Erfindung des Kampfhubschraubers.

Bodenunterstützung durch Angriffshubschrauber

Zwar hat die alte Regel, dass gepanzerte Kräfte sich aus Städten heraus halten sollen, nach wie vor Gültigkeit - weil sie dort ihre Geschwindigkeit nicht entfalten können, weil sie keinen Platz zum Manövrieren haben und weil hinter jeder Ecke eine Panzerfaust lauern kann. Aber für wendige Hubschrauber, die dem Feind nur eine messerscharfe Silhouette zuwenden, gilt diese Einschränkung nicht. Sie können jederzeit nach oben ausweichen.

Der AH-64 "Apache" in der neuesten Version "Longbow", mit dem die Amerikaner in den Irak eingerückt sind, hat noch einen besonderen Vorteil: Er kann sich unsichtbar machen. Seine optischen, infraroten und Radar-Sensoren befinden sich allesamt in der schwarzen "Untertasse" über dem Rotor. Die Verbindungsleitungen durch den rotierenden Rotormast nach unten ins Cockpit zu verlegen, hat die Ingenieure von McDonnell-Douglas (heute Boeing) viel Mühe gekostet. Aber sie hat sich gelohnt: Der Hubschrauber kann hinter Bäumen, hinter einer Mauer, hinter Häusern, im Schwebeflug verharrend, in Deckung gehen. Nur die schwarze Untertasse über dem Rotor lugt aus der Deckung heraus. Damit ist der Hubschrauber verborgen. Aber der Richtschütze, der im Cockpit vorn sitzt, sieht alles.

Nur zum Angriff muss er auftauchen und seine schmale Front zeigen. Dann schießt er aus allen Knopflöchern – mit einer Maschinenkanone, mit ungelenkten Raketen und mit der gelenkten "Hellfire", einem gefürchteten Panzer-Killer. In dieser Phase ist er verwundbar gegen Flugabwehrwaffen. Aber die sind im Irak nach den verheerenden Luftangriffen amerikanischer Bomber kein Thema mehr. Die Fachwelt ist gespannt, wie sich Kampfhubschrauber im Kampf um Bagdad bewähren.

Neuheit "E-Bombe"

Jeden Krieg nutzen die Militärs zur Erprobung ihrer waffentechnischen Neuheiten. Die Amerikaner sind mit der Entwicklung der "E-Bombe" weit gediehen. Diese Konstruktion sendet einen elektromagnetischen Puls aus, von dem auch die Bezeichnung EMP-Waffe rührt. Der EMP erzeugt in allen Elektronik-Schaltkreisen der Umgebung eine kurze, aber steile Spannungsspitze, die Transistoren und Chips dauerhaft lahm legt.

Die zerstörerische Wirkung des EMP wurde in den sechziger Jahren zufällig bei einer Atomexplosion in großer Höhe über dem Pazifik entdeckt. Auf Hawaii heulten nach Zündung des Megatonnen-Sprengkopfes zahllose Alarmanlagen los, und Fernsehgeräte fielen reihenweise aus. Inzwischen ist es findigen Ingenieuren gelungen, den elektromagnetischen Puls auch mit konventionellem Sprengstoff zu erzielen. In den USA, so wissen Fachblätter wie die New Yorker "Aviation Week", werden frontreife EMP-Waffen "innerhalb von vier bis fünf Jahren" erwartet. Da wäre es schon mal Zeit für einen Test unter Kriegsbedingungen.

Bei einer Anwendung des Elektronik-Killers sind nämlich noch zwei Fragen offen: Wie erfährt man etwas über die Wirkung des EMP-Angriffs? Kaputte Computer sind aus der Luft schwer aufzuklären. Die Wirkung zeigt sich dem Angreifer womöglich erst nach Stunden – zu spät für die Bedürfnisse der Militärs.

Die zweite Frage enthält noch mehr Brisanz: Wie schützt der Angreifer seine eigene Elektronik vor dem elektromagnetischen Puls? Je höher die Entwicklungsstufe der Schaltkreise, desto empfindlicher reagieren sie nämlich auf den EMP. Das ist fatal für die modern ausgerüstete US-Armee.

Uralt-Panzer auf dem Gefechtsfeld ohne Bedeutung

Die 2000 Panzer aus russischer Produktion, der der Irak vom ersten Golf-Krieg übrig behielt, werden für den Kriegsausgang jedenfalls keine Rolle mehr spielen. Sie stammen aus den sechziger und siebziger Jahren und sind hoffnungslos veraltet. Moderne Wucht-Geschosse, die mit sechsfacher Schallgeschwindigkeit daher kommen, durchschlagen ihre Panzerwände mühelos. Wenn die "Penetratoren" gar aus schwerem Wolframkarbid oder noch schwererem Uran bestehen, dass ist die mit ihnen transportierte Energie noch größer. Die Wirkung auf betagte Panzer ist vernichtend.

Wie man aus dem ersten Golf-Krieg weiß, neigen russische Panzer bei Treffern zur Selbstentzündung. Wenn ausgelaufenes Hydraulik-Öl einmal Feuer gefangen hat, dann gehen meist die im Turm gelagerten Granaten für die Kanone hoch. Die Explosion hebt meist den Turm ab. Das Bild ist vielen Veteranen des ersten Golf-Kriegs noch in schauerlicher Erinnerung: hier der ausgebrannte T-55, daneben der Turm auf dem Wüstenboden und dazwischen die verkohlten Leichen der Besatzung.

Peter Thomsen


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