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Syrien-Berichterstattung Carsten Stormer: "Ich habe in Syrien Sachen gesehen, die man nicht sehen sollte."

"Ich habe da sehr viele Sachen gesehen, die man als Mensch nicht sehen sollte. Wenn Kinder vor einem verbrennen oder im Krankenhaus sterben. Wenn Zivilisten von Scharfschützen erschossen werden."
 
Carsten Stormer ist einer der wenigen deutschen Journalisten, die immer wieder nach Syrien und in den Irak reisen, um über die Lage vor Ort zu berichten.
 
"Ich habe gesehen, dass Bäckereien bombardiert werden. Ich war in Krankenhäusern, die angegriffen wurden. Ich war in Wohnhäusern, die angegriffen wurden, obwohl weit und breit keine Rebellen waren. Ich habe die Fassbomben erlebt. Ich habe gesehen, wie tote Kinder aus Trümmern herausgezogen worden sind. Das ist alles so kompliziert geworden in den letzten sechs Jahren, dass man wenn überhaupt nur vor Ort verstehen kann, was passiert."
 
Über seine Erlebnisse hat er ein Buch geschrieben: Die Schatten des Morgenlandes. Die Gewalt im Nahen Osten und warum wir uns einmischen müssen.



"Ich glaube, Ehrlichkeit ist das Wichtigste in meinem Beruf. (...) Da wollte ich dem Leser auch vermitteln, was mit jemandem passiert, der dort zwar nicht lebt, aber aus dieser Region berichtet. Man muss auf alle Fälle vorsichtig sein, weil alle Seiten ein großes Interesse daran haben, die Berichterstattung für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Das Wichtigste ist, dass der Journalist Kontakte vor Ort hat und eben einschätzen kann, was dort passiert ist, weil er viel Zeit vor Ort verbracht hat. Die eigene Erfahrung, die man über die Jahre sammelt, ist das Wichtigste an dieser Berichterstattung und diese Erfahrung in der Bewertung einsetzen zu können."
 
Erfahrung, die keine positive Prognose zulässt.
 
"Wenn ich jetzt eine Voraussage machen sollte, würde ich sagen, dass es Syrien – so, wie es jetzt existiert – nicht mehr lange geben wird. Ich sehe auch nicht, dass irgendeine Partei gerade großes Interesse hat, diesen Konflikt zu beenden. Die Kurden profitieren davon, weil sie ihren eigenen Staat bekommen. Assad profitiert davon, weil er immer noch an der Macht ist und von seinen Helfern starke internationale Unterstützung bekommt. Die Russen profitieren, weil sie wieder ein ernstzunehmender Spieler auf dem politischen Parkett geworden sind. Die Syrer, die zu Millionen geflohen sind, leiden wirklich. Das Land ist zerstört, die großen Städte sind zerstört. Aleppo ist kaputt, Deir ez-Zor ist kaputt, Homs ist kaputt. Wer soll das jemals wieder aufbauen?"
 
Antworten will Stormer – trotz aller Gefahren – weiter vor Ort suchen.
 
"Ich versuche seit Monaten, einen Zugang ins Land zu finden. Es ist irre schwierig geworden. Ich habe mehrfach versucht, ein Visum der syrischen Regierung zu bekommen. Es wurde immer abgelehnt. Die Zugänge aus der Türkei sind geschlossen. Man kommt nicht rein. Im Augenblick ist es nicht möglich, unseren journalistischen Auftrag zu erfüllen. Und selbst, wenn es möglich ist, muss man natürlich weiterhin in Betracht ziehen: Wie gefährlich ist das eigentlich? Bei jeder Reise und bei allen Gefahren, die ich bereit war, einzugehen, habe ich immer gedacht: Wie weit kann ich das Risiko kalkulieren? Es gab einige Situationen, die ich auch in meinem Buch schildere, wo ich einfach falsch gelegen habe. Da habe ich großes, großes Glück gehabt, dass ich heil und lebend wieder rausgekommen bin. Aber sollte sich die Möglichkeit ergeben – ich bin da mit verschiedenen Parteien am Verhandeln und Diskutieren: Ich würde sofort wieder hinreisen."
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Carsten Stormer ist einer der wenigen deutschen Journalisten, die immer wieder nach Syrien und in den Irak reisen, um über die Lage vor Ort zu berichten. Im Video-Interview erklärt er seine Arbeit und warum er die Gefahren auf sich nimmt.

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