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Kampf jeder gegen jeden Die Verlorenen: Wie Menschen in Syrien die Bomben erleben

Syrien: Warum der andauernde Terror Assads Regime nutzt
Nach einem Bombenangriff auf die östliche Ghuta in Syrien irren Menschen im Staub umher. Mehr als 500 Tote gab es hier allein vergangene Woche
© Bassam Khabieh/Reuters
Der Krieg in Syrien wird zu einem Kampf jeder gegen jeden. Die Türkei, Iran und Russland ringen um Einfluss, Diktator Assad geht brutal gegen die letzten Rebellengebiete vor – für die Menschen dort ist Überleben ein Zufallsspiel.
Von Raphael Geiger

Das Schlimme am Tod aus der Luft ist, dass er zufällig kommt, unberechenbar. Meter entscheiden, Sekunden. Man kann nichts richtig machen und nichts falsch. Hussam Srewel, 31, ein Ingenieur aus Duma östlich von Damaskus, war gerade noch erreichbar auf Whatsapp, Status: online, dann auf einmal ist die Verbindung unterbrochen, keine Nachricht kommt mehr zu ihm durch.

Man starrt auf das Handydisplay, hofft, dass das zweite Häkchen neben der letzten Nachricht erscheint, das hieße, sie wäre zugestellt.

Und Srewel vermutlich am Leben.

Vielleicht ist nur seine Internetverbindung unterbrochen, vielleicht ist sein Akku leer. Aber wahrscheinlicher ist, dass gerade wieder eine Bombe oder eine Granate eingeschlagen ist und sich Hussam in den Keller flüchten musste.

Terror ist genau das, was Baschar al-Assad will

In den Keller, in dem er sich mit allen anderen aus seinem Haus seit Tagen vor den Angriffen versteckt, die syrische und russische Kampfjets fliegen. In Sicherheit sind sie nicht in dem Keller, das wissen sie. Wenn sie Pech haben und eine Fliegerbombe genau ihr Haus trifft, kann sich der Keller in ein Grab verwandeln. Und die Angriffe kommen unablässig, sie hören nie auf. Es macht die Menschen fertig. Es ist Terror. Genau das, was Baschar al-Assad will, was der syrische Herrscher mit seinem Regime verbreitet. Nachricht von Srewel, es ist Freitagnachmittag: Konnte gerade nicht, es gab einen Angriff. Melde mich in fünf Minuten, wenn bis dahin nichts passiert.

Duma liegt in der Ghuta, einer Ebene vor Damaskus, die in die Hauptstadt übergeht. Eines der letzten Gebiete, das die Rebellen noch halten. Journalisten gelangen nicht hierher, die Ghuta ist eingeschlossen. Nach sieben Jahren hat der Diktator fast gewonnen. Seine Verbündeten haben ihm den Sieg geschenkt, weil sie ihn brauchen. Russland, Iran, die libanesische Hisbollah. Jetzt fühlt er sich stark genug, er erobert nicht mehr nur einzelne, strategisch wichtige Städte, er will sein ganzes Territorium zurück. In seinem Denken gehört ihm Syrien. Und wer ihm einen Teil davon nimmt, wie die Rebellen in der Ghuta, muss mit Strafe rechnen.

Hinten explodieren Bomben, vorn stehen nur noch Häusergerippe. Ein Blick über die Vorortlandschaft der Ghuta, nur wenige Kilometer vom Zentrum von Damaskus entfernt
Hinten explodieren Bomben, vorn stehen nur noch Häusergerippe. Ein Blick über die Vorortlandschaft der Ghuta, nur wenige Kilometer vom Zentrum von Damaskus entfernt
© Ammar Suleiman/AFP

Darum geht es, wenn Bomben auf Hussam Srewels Viertel fallen. Assad bekämpft seine Gegner nicht, er bestraft sie. Er führt nicht Krieg, er vernichtet.

Als Srewel endlich ans Telefon geht, steigt er gerade die Treppe hinauf und tritt vor sein Haus. Auf der Straße ist es gefährlich, aber hier hat er Internet, und er will der Welt erzählen, was Assad ihnen antut. Auch wenn er dafür sein Leben riskiert.

"Man gewöhnt sich an vieles", sagt er. An das dreckige Wasser aus Tanks, das den Leuten Durchfall macht und Fieber. An den Hunger. "Aber", sagt er, "manchmal hält man es einfach nicht mehr aus. Wenn ein Flugzeug über dir kreist und du überlegst, wo die Bombe einschlagen wird, und dann trifft sie das Haus nebenan ..."

Aus der Ghuta gab es kein Entkommen

Srewel stockt, man kann hören, wie er ein- und ausatmet. "Oder wenn dein Freund in der Haustür steht, und plötzlich schlägt eine Granate ein, und – er stirbt in deinen Armen. Und deine Frau muss das mit ansehen."

Neben ihm auf der Straße liegen die Reste der Granate, sein Freund starb genau hier, wo er gerade steht und telefoniert.

Srewel ist einer dieser jungen Syrer, die studierten, Englisch lernten und dann vom Krieg um ihre Zukunft gebracht wurden. Hätte er noch gekonnt, wäre vielleicht auch er geflohen, aber aus der Ghuta gab es kein Entkommen mehr.

Kinder und Frauen versuchen, sich vor den Bombardements durch syrische und russische Kampfjets in Sicherheit zu bringen
Kinder und Frauen versuchen, sich vor den Bombardements durch syrische und russische Kampfjets in Sicherheit zu bringen
© Abdulmonam Eassa/AFP

Er schloss sich einer der vielen kleinen Organisationen an, die die Revolution hervorbrachte, eine, die sich um Kinder in der belagerten Region kümmerte. Er dachte, es sei vorübergehend. Aber der Krieg ging nicht vorüber. Srewel wurde erwachsen, heiratete, und sie waren immer noch eingeschlossen, es war nichts gewonnen, es wurde nur schlimmer.

Aus der Revolution wurde ein Krieg, den Arabischen Frühling kaperten radikale Islamisten, auch in der Ghuta, die heute verschiedene islamistische Gruppen beherrschen. Sie kämpfen nicht mehr für Demokratie, sondern für den Glaubensstaat.

Während der IS weite Teile von Syrien überrollte, stabilisierte sich Assad. Er inszenierte sich als kleineres Übel. Das war die zweite Phase des Krieges.

Eine neue Phase des Krieges

Jetzt beginnt die dritte, die Rebellen sind aufgerieben, tot oder geflüchtet, der IS so gut wie besiegt, jetzt geht es um Einflusssphären. In diese Phase fällt die Eskalation, die wir gerade erleben, in der Ghuta und anderswo. Im Norden, wo die Türkei in die Kurdenregion Afrin einfällt. Oder wenn Israel eine iranische Drohne abschießt und das Assad-Regime daraufhin einen israelischen Jet.

Es wird jetzt um das Danach gekämpft. Die Türkei will die Kurden aus dem Norden verdrängen und hat kein Problem mehr damit, wenn sich ihre Truppen mit den Islamisten eines Al-Qaida-Ablegers absprechen.

Russland will sich als Macht in der Region etablieren, wichtiger sein als die USA.

Der Iran will einen schiitischen Block von Teheran über den Irak und Damaskus bis Beirut etablieren. Die libanesische Hisbollah ist dabei einer der wichtigsten Verbündeten.

Baschar al-Assad bei Wladimir Putin. Russlands Hilfe hat das Regime stabilisiert
Baschar al-Assad bei Wladimir Putin. Russlands Hilfe hat das Regime stabilisiert
© Getty Images

Israel wiederum will genau das verhindern. Es ist das einzige Land überhaupt, das noch gegen Assad kämpft, alle anderen haben sich mehr oder weniger mit ihm arrangiert.

Die arabischen Länder, die mal die Revolution unterstützten, haben sich zurückgezogen. Die Kurden in Afrin, eigentlich die Verbündeten des Westens, riefen gerade erst Assad um Hilfe. Das ist ihnen lieber, als sich von der Türkei besetzen zu lassen. Während Assads Regime 400 Kilometer weiter südlich die Ghuta in eine Ruinenlandschaft verwandelte, fuhren in Afrin regimetreue Milizen ein, und die Kurden hießen sie willkommen.

Alles ist kompliziert in Syrien, aber am Ende gewinnt immer Assad.

Es gewinnen die Zyniker. Die, die kein Problem damit haben, dass es nach fast einer halben Million Toten ausschließlich um Interessen geht. Kriegsverbrecher landen nur dann auf der Anklagebank, wenn sie verlieren.

"Ich finde keine Worte dafür"

Wie hält man es aus in einem Freiluftgefängnis wie der Ghuta, zusammen mit 400.000 Menschen und jeden Tag Dutzenden Toten, weil es auf das Gefängnis Bomben regnet? Wie geht man damit um, dass man aus Zufall jederzeit sterben könnte?

"Ich finde selbst keine Worte dafür", sagt Hussam Srewel. "Ich weiß gar nicht, wie wir hier leben. Es ist kein Leben." Er versucht zu verstehen, warum Assad das tut. "Ich bin nicht radikal, ich habe keinen Bart", sagt er. "Ich bin kein Terrorist. Wir sind Zivilisten."

Die ganze vergangene Woche über fielen Bomben auf die Ghuta, ohne dass am Boden gekämpft worden wäre. Die Bomben und Granaten fielen, als diese Ausgabe gedruckt wurde, lediglich kurzen täglichen Feuerpausen stimmte Putin zu. Und wenn es doch zu einer Waffenruhe kommen sollte, dann könnte es danach umso brutaler weitergehen.

Israels Premier Benjamin Netanyahu präsentiert in München ein angebliches Teil einer iranischen Drohne, abgeschossen über Israel
Israels Premier Benjamin Netanyahu präsentiert in München ein angebliches Teil einer iranischen Drohne, abgeschossen über Israel
© Lennart Preiss/DPA

Die Bomben fielen, als der UN-Sicherheitsrat die Lage sondierte, Hussam Srewel verfolgte die Sitzung auf seinem Handy, während er in der Nähe Einschläge hörte. Die Vereinten Nationen gaben eine Pressemitteilung ohne Worte heraus; man finde einfach keine mehr.

Mit Putins Hilfe ließ Assad erst Homs kaputtbomben, dann Aleppo, jetzt die Ghuta. Es ist seine Art, zu kämpfen. Das war nie anders, auch vor dem Krieg nicht. Immer wenn sich eine Volksgruppe oder eine Stadt erhob, ließ das Regime die Hölle losbrechen. Setzte Giftgas ein, folterte Tausende zu Tode, bombardierte wahllos Wohngebiete. Diesmal kann Assad die Bomben von seinem Palast aus einschlagen sehen, er residiert auf einem Berg bei Damaskus, die Ghuta ist nur sieben Kilometer Luftlinie entfernt.

Die allermeisten Rebellen wurden besiegt

Er hat zuletzt so viele Schlachten gewonnen, dass ihm die Fronten ausgehen, vielleicht ist das auch ein Grund, warum die Ghuta jetzt dran ist. Die allermeisten Rebellen hat er besiegt. Nicht er allein, zusammen mit der russischen Luftwaffe, russischen Soldaten, russischen Söldnern, dazu Iranern, Irakern, Libanesen, Afghanen.

Vor allem aber, glaubt Hussam Srewel, habe die Bombenkampagne gegen Ghuta damit zu tun, dass die Rebellen hier sich nicht ergeben wollten. Sie wollten keinen Deal machen. Andere eingeschlossene Rebellenstädte gaben irgendwann auf, ließen die Revolution sterben, damit ihre Kinder was zu essen bekamen. Die Menschen in der Ghuta bauten selbst Weizen und Gemüse an, sie ergaben sich nicht.

Ihr Gebiet reicht bis fast an die Altstadt von Damaskus heran, eine ständige Bedrohung für Assad. Eine Blamage dazu. Damit soll jetzt Schluss sein.

Nur noch Trümmer: Ein Mann blickt aus einem einstigen Wohnhaus in der Ghuta
Nur noch Trümmer: Ein Mann blickt aus einem einstigen Wohnhaus in der Ghuta
© Abdulmonam Eassa/AFP

Er bombardiere Terroristen, sagt Assad, Islamisten, Staatsfeinde, das sei sein Recht. Und die Welt tut nichts gegen sein neuestes Verbrechen, obwohl sie alles sieht. Die Helfer der Weißhelme, die ausrücken, wenn ein Haus getroffen wird, filmen alles, was sie sehen, ihre Helme tragen Kameras. Menschen wie Hussam Srewel posten in den sozialen Medien, was passiert. Ein Twitter-Account heißt "Noor and Alaa", mit Beiträgen von Noor, 11, und ihrem Bruder Alaa, 8.

Ihre Nachrichten sind auf Englisch, ihre Mutter hilft ihnen dabei. Es sind knappe Tweets, nicht pathetisch, eher nüchtern. Sie berichten, was passiert. "Unser Haus wurde getroffen, Alaa ist verletzt." Oder: "Niemand schläft hier heute Nacht wegen der Kampfjets." Oder nur: "Es geht weiter."

Hungern in den Trümmern

Noor geht ans Telefon, sie ist zu Hause, verkriecht sich unter einer Decke. Sie haben keinen Keller, erzählt Noor, so bleiben sie in der Wohnung. Eine Bombe habe die Außenmauer weggerissen und die Fenster zerstört. So ist es drinnen so kalt wie draußen. Der Kriegslärm ist nicht dumpf wie in einem Keller, es ist laut, als wären sie direkt neben der Front.

"Helft uns!", ruft Noor in die Whatsapp-Leitung. "Bevor es zu spät ist. So schnell wie möglich. Wir haben solche Angst."

An diesem Tag, Freitag, ist ihr Vater losgegangen, Essen holen. Was es noch gibt: Kichererbsen, Bulgur, Reis. Brot ist schon lange aus. Auch die Läden sind schon lange geschlossen, nur ein paar Hilfsorganisationen haben noch Vorräte, und die Rationen werden kleiner. Und manchmal kommt Noors Vater ohne irgendetwas nach Hause. Auch heute.

Wann war das letzte Essen, Noor?

"Gestern Mittag. Meine kleine Schwester hier, neben mir, sie weint. Sie hat Hunger."

Schachbrett Syrien  Die Rebellen und der "Islamische Staat" sind zurückgedrängt. Jetzt versuchen das Assad-Regime und ausländische Mächte ihre Einflusszonen für die Zeit nach dem Krieg abzustecken
Schachbrett Syrien
Die Rebellen und der "Islamische Staat" sind zurückgedrängt. Jetzt versuchen das Assad-Regime und ausländische Mächte ihre Einflusszonen für die Zeit nach dem Krieg abzustecken
© stern-Infografik

Es gibt kein Leben mehr in der Ghuta, die Schule fällt seit Wochen aus, niemand arbeitet mehr, niemand verlässt das Haus öfter als irgend nötig. Die Menschen in den Kellern gehen manchmal hoch in ihre Wohnungen, wo sie über Feuerholz ihre Mahlzeiten kochen. Dann verschwinden sie so schnell wie möglich wieder unter der Erde.

Noor hat gelernt, die Geräusche zu unterscheiden, eine Granate klingt anders als eine Fliegerbombe, und Noor kann einschätzen, wie weit ein Einschlag entfernt ist. Als der Krieg begann, war sie vier, sie kann sich kaum an den Frieden erinnern. "Wir träumen von Essen", sagt sie. "Und dass keine Flugzeuge mehr kommen."

Syrien ist Mord mit Zeugen

Sie sind den Jets am Himmel ausgeliefert. Auch der Angst vor ihnen. Die Angst ist immer da, weil nichts ablenkt. Hussam Srewel sagt, er sei so müde, aber nachts könne er nicht schlafen. "Du willst nur die Augen zumachen", sagt er. "Aber du kannst nicht, weil ständig eine Bombe einschlägt."

Die Ghuta ist ein isolierter Ort, umgeben von Regime-Territorium. Den Menschen in der Ghuta hilft niemand.

Es gibt Solidarität, Demos, es gibt Schlagzeilen. Twitter, die "Tagesschau". Die Welt sieht nicht weg, sie sieht zu, aber sie macht nichts dagegen. Wahrscheinlich kann sie nichts tun, aber sie ist auch dieses langen Kriegs viel zu müde, um überhaupt nur darüber nachzudenken. Es ist Mord mit Zeugen, aber der Täter kommt trotzdem davon. Das ist unsere Zeit, 2018, wir dachten, so etwas könne nicht mehr passieren.

Syrische Medien schrieben vergangene Woche, das Regime werde bald eine Bodenoffensive in die Ghuta starten. "Wenn er kommt, bringt er uns alle um", sagt Hussam Srewel. Er muss nicht erklären, wen er meint. Ein dumpfes Geräusch in der Leitung, "hast du das gehört? Das war eine Granate." Er rennt los, in den Keller. "Danke", sagt er noch. Dann legt er auf.

Der Artikel über den Krieg in Syrien ist dem aktuellen stern entnommen:


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