VG-Wort Pixel

Duma Chemiewaffen-Einsatz in Syrien? Das können Experten noch herausfinden

In der Nacht zum 8. April 2018 sollten diese Kinder Opfer eines Chemiewaffen-Einsatzes geworden sein. Aber wer ist dafür verantwortlich? Oder war es eine Inszenierung? Das untersuchen nun Ermittler der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW)
In der Nacht zum 8. April 2018 sollten diese Kinder Opfer eines Chemiewaffen-Einsatzes geworden sein. Aber wer ist dafür verantwortlich? Oder war es eine Inszenierung? Das untersuchen nun Ermittler der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW)
© Syrian Civil Defense White Helmets/AP / DPA
In Duma in Syrien hat es einen mutmaßlichen Giftgas-Einsatz gegeben. Chemiewaffen-Experten sollen den Vorfall untersuchen. Aber wie arbeiten die Inspekteure vor Ort und was können sie noch herausfinden? Das erklärt Chemiewaffen-Experte Ralf Trapp.

Herr Trapp, der mutmaßliche Giftgas-Angriff von Duma ist nun fast eine Woche her. Was können die Experten der OPCW da noch feststellen?

Das hängt von mehreren Faktoren ab. Zunächst einmal davon, wie freizügig der Zutritt zum Gebiet des mutmaßlichen Chemiewaffen-Angriffs gewährt wird. Dann noch vom verwendeten Giftstoff und ob sich noch Waffenreste finden lassen. An denen lässt sich feststellen, ob mit den verwendeten Waffen überhaupt Gas verschossen werden kann.

Chemische Stoffe halten sich auch eine Weile: an Gebäuden, in Geröll oder im Boden. Durch Proben kann man Reste von Kampfgas finden oder ihre Abbaustoffe. Sollte Chlor eingesetzt worden sein, ist das inzwischen verweht. Aber Chlor reagiert mit der Umwelt, Wasser zum Beispiel. So kann es über den Chloridgehalt nachgewiesen werden. 

Was für Experten außer Chemikern sind noch in so einem Team?

Ärzte und Waffenexperten. Ärzte können die überlebenden Opfer medizinisch untersuchen. Von ihnen können auch biologische Proben genommen werden. Wenn es Todesfälle gegeben hat, lässt sich auch durch Autopsien feststellen, ob sie durch Chemiewaffen ums Leben gekommen sind. So können die Experten feststellen, ob es tatsächlich einen Angriff mit chemischen Kampfstoffen gegeben hat oder nicht.

Lässt sich die Urheberschaft eines Giftgas-Angriffes noch feststellen?

Das ist nicht so leicht. Dafür braucht man andere Angaben. Man kann die Reste der gefundenen Waffen mit den bei früheren Vorfällen verwendeten Waffen vergleichen. Das ist aber nicht unbedingt eindeutig, ist also eher ein Indiz als ein Beweis.

In Fall von Duma gibt es Augenzeugenberichte, dass Hubschrauber eingesetzt worden seien. Da muss man nun schauen: Passen die Waffenreste zu einem Abwurf aus einem Hubschrauber oder sehen sie doch eher so aus, als seien  sie verschossen worden?

Wie findet man vor Ort verlässliche Augenzeugen?

Das ist tatsächlich gar nicht so leicht. Wichtig bei so einer Untersuchung ist, dass man möglichst verschiedene Augenzeugen und Betroffene befragt und die unterschiedlichen Aussagen miteinander vergleicht. Die Verlässlichkeit der Erinnerungen hat schon nach wenigen Tagen ihre Grenzen, aber man bekommt durch die vielen Befragungen ein Gesamtbild und dadurch eine gewisse Verlässlichkeit.

Lässt sich die Untersuchung vor Ort nicht relativ einfach durch Angriffe unterbinden?

Ein Risiko ist immer da. Aber schon Versuche, die Experten vom Ort des Vorfalls fernzuhalten, sind ja Indizien. Und die fließen in die Bewertung der Untersuchungsergebnisse mit ein.

Nun habe ich auch schon gelesen, dass in Duma Rebellen den Vorfall vorgetäuscht haben könnten, um ein militärisches Eingreifen des Westens zu provozieren. Halten Sie das für ein denkbares Szenario?

Das ist eines der Szenarien, das aus meiner Sicht nicht auszuschließen ist und das die Experten vor Ort untersuchen müssen. Da werden die Waffenreste die größte Aussagekraft haben. Es hat ja seit 2013 eine Reihe von Chemiewaffeneinsätzen gegeben, die von unabhängigen Untersuchungen der syrischen Armee zugeschrieben wurden, und wo man charakteristische Merkmale der Kampfstoffen und der eingesetzten Waffen vergleichen kann. Außerdem muss man versuchen, die militärische Lage am Tag des behaupteten Einsatzes zu rekonstruieren, indem man mit militärischen Kommandeuren spricht oder entsprechende Planungsunterlagen einsieht.

Wie lange dauert es, bis das Team in Syrien seine Ergebnisse vorlegen kann?

Das kann man nicht ohne weiteres sagen. Das hängt auch von den syrischen Behörden ab, mit denen sich das OPCW-Team zunächst in Damaskus abstimmt. Wissen die Experten, wo sie genau hinmüssen oder müssen sie das erst einmal herausfinden? Am Wochenende oder Anfang der Woche sind sie dann vor Ort. Dann spielt ihre Sicherheit eine Rolle: Finden dort gerade Kämpfe statt? Was finden sie? Brauchen sie zusätzliche Informationen? Haben sie Proben genommen, die sie im Labor noch untersuchen müssen? Falls Proben außer Landes untersucht werden, dauert es bis zu einem Ergebnis mindestens zwei Wochen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker