Tibet-Konflikt stern.de für Propaganda missbraucht


Wie Manipulation funktioniert, begreift man am besten, wenn man selbst davon betroffen ist. Chinas Staatsmedien haben plötzlich ihre Liebe zu stern.de entdeckt, mussten dafür aber meinen Blog, auf den sie sich beziehen, gründlich verfälschen.
Von Adrian Geiges, Peking

An sich sind ausländische Journalisten in diesen Tagen in China nicht willkommen. Die Regierung organisiert eine beispiellose Hetzkampagne gegen sie. Wie die anderen Kollegen bekomme auch ich dies zu spüren. Kürzlich wollte eine Gesprächspartnerin das Interview abbrechen, weil sie im stern das Foto einer Chinesin sah, die zur Hinrichtung gebracht wird: "Ich rede nicht mit Zeitschriften, die China gegenüber nicht wohlwollend sind."

Bei einer anderen Gelegenheit fragten mich Jugendliche, ob wir auch so lügen wie CNN. Auf Rückfrage mussten sie zugeben, dass sie CNN noch nie gesehen hatten. Denn chinesische Haushalte dürfen den Sender nicht empfangen. Wer selbst eine Satellitenschüssel aufstellt, muss eine Geldstrafe bezahlen, die den Monatslohn einfacher Bürger übersteigt. Ausländische Nachrichtensendungen sind nur in Vier- und Fünf-Sterne Hotels zu sehen, und da werden sie oft ausgeblendet, wenn sie etwas Kritisches über China berichten.

Für die meisten Chinesen beschränkt sich das Wissen über die ausländischen Medien deshalb auf wenige Zitate außerhalb des Zusammenhangs. Tatsächlich gibt es im Westen einseitige Vorstellungen über die derzeitigen Konflikte um Tibet und Olympia, darüber habe ich in meinem Blog geschrieben. Doch in demokratischen Ländern hat man den Vorteil, zwischen verschiedenen Medien und Meinungen auswählen zu können. Die derzeitigen Berichte in China über die ausländischen Medien hingegen sind so einseitig und verzerrt wie kein Bericht in diesen Medien selbst.

Als Kronzeuge missbraucht

Wie ich gerade am eigenen Leib erfahren habe. Nur wurde ich diesmal nicht angegriffen, sondern als Kronzeuge benutzt für etwas, was ich gar nicht gesagt habe. Der Dalai Lama sei "ein Anti-China-Diplomat", heißt es in der Überschrift der Zeitung Shanghai Daily, als Urheber dieser und anderer Meinungen wird im ganzen Artikel genannt: "Adrian Geiges, Korrespondent der deutschen Wochenzeitschrift stern". Geschrieben hat den Artikel ein Journalist, der als Autor der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua vorgestellt wird. Tatsächlich hatte ich den Dalai Lama in meinem Blog als erfolgreichen Diplomaten bezeichnet, aber nicht als antichinesischen, im Gegenteil: "Ausgerechnet der von Peking verteufelte Dalai Lama akzeptiert Autonomie Tibets innerhalb Chinas und spricht sich gegen die Gewalt aus. Statt mit ihm zu reden, hofft die KP-Führung auf seinen baldigen Tod. Das stärkt radikale Kräfte wie den 'Tibetischen Jugendkongress'."

Frei erfindet der Xinhua-Propagandist, tibetische Gewalttäter (die ich tatsächlich kritisiere) "'verletzten die Menschenrechte der Han-Chinesen', sagt Geiges". Er setzt das in Anführungszeichen, um die Leser glauben zu lassen, dies sei ein Zitat von mir. Der Satz, auf den er sich bezieht, lautet in Wirklichkeit: "Zu Recht wird darauf verwiesen, dass Chinas Führung die Menschenrechte der Tibeter verletzt. Leider verletzt sie auch die Menschenrechte ihrer anderen Untertanen, vor allem der Han-Chinesen selbst."

Bewusste Lüge oder Flüchtigkeitsfehler?

"Geiges war unter den wenigen ausländischen Journalisten in Tibet während der gewaltsamen Unruhen im März", behauptet das von der Shanghaier KP-Führung kontrollierte Blatt weiter. Leider nicht. Ausländischen Journalisten wird die erforderliche Reisegenehmigung verweigert, auch darüber hatte ich in dem Text geschrieben und kritisiert: "Hauptschuldiger am falschen Bild ist jedoch die chinesische Führung selbst. Sie lässt uns Pekinger Korrespondenten nicht nach Tibet, obwohl wir von dort ausgewogen und sachkundig berichten würden." Eine bewusste Lüge der Shanghai Daily, weil sie so den Eindruck erwecken will, "meine" (weitgehend von ihr selbst erfundene) Meinung sei deshalb kompetenter als die anderer? Oder ein Flüchtigkeitsfehler, weil der Kollege vielleicht unter Zeitdruck geschrieben hat oder nicht genug Deutsch versteht? Beides möglich, aber falls letzteres, muss er das Recht auf Fehlbarkeit auch westlichen Medien zugestehen (in China wird derzeit immer das Beispiel von ausländischen Fernsehsendungen genannt, in denen bei Bildern von Auseinandersetzungen zwischen der Polizei in Nepal und Tibetern der Eindruck entstand, es sei chinesische Polizei).

Nein, es ist nicht die Schuld der Chinesen und auch nicht die Schuld der chinesischen Journalisten, die durch die Zensur stark beschränkt werden. Es ist die chinesische Führung, die Halbwahrheiten mit Lügen mischt, vor allem aber die andere Hälfte der Wahrheit unterdrückt.


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