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Tote Soldaten: Israel trauert, die Hisbollah feiert

Bis zur letzten Minute hatten die Familien der entführten israelischen Soldaten noch gehofft, dass beide die Grenze lebend passieren würden. Doch beim Gefangenenaustausch wurden lediglich zwei hölzerne Särge übergeben. Israel verfällt in tiefe Trauer, während die Hisbollah ihren Triumph feiert.

Von Sabine Brandes, Jerusalem

Die Konfrontation mit dem Tod beginnt früh in Israel. Schon Vier- und Fünfjährige begehen den Gedenktag für die in den Kriegen gefallenen Soldaten. Schrill ertönt die Sirene am "Jom Hasikaron", die Mädchen und Jungs stehen still, entzünden Kerzen und ehren die Toten. Kaum eine Familie, ist nicht in irgendeiner Weise von Krieg und Terror betroffen. Wie die Harans aus der Küstenstadt Nahariya. 1979 tötete der damals erst 16-jährige Libanese Samir Kuntar den Vater und die vierjährige Tochter der Familie. Für die überlebende Mutter ist der Alptraum bis heute nicht beendet.

Nur wenige Straßen weiter im selben Städtchen wohnen die Goldwassers. Das Schicksal der beiden Familien ist auf tragische Weise verwoben: Vor zwei Jahren verschleppten Mitglieder der Hisbollah-Miliz in einer geplanten Aktion ihren Sohn Ehud sowie seinen Kameraden Eldad Regev, als die beiden ihren Reservedienst an der Grenze zum Nachbarland absolvierten. Die Entführung war der Zündfunke für den zweiten Libanonkrieg im Sommer 2006.

Zwei lange Jahre warteten die Familien der beiden jungen Männer vergeblich auf ein Lebenszeichen, etwas, woran sie sich klammern können, ein Stückchen mehr als die bloße Hoffnung, sie könnten halbwegs wohlauf sein. Sie reisten um die Welt, um ihre Söhne nicht in Vergessenheit gleiten zu lassen, suchten Verbündete für die Befreiung. Das eisige Schweigen, in das sich Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hüllte, suchte seinesgleichen. Keine noch so tränengetränkte Bitte der Angehörigen konnte ihn erweichen, kein noch so drängender Appell ihn von seiner Mission abbringen - einen Sieg gegen Israel zu erzwingen.

Als Sieg über den verhassten Nachbar wurde der umstrittene Gefangenenaustausch nun auch begangen. Eine Triumphfeier mit dröhnender Musik, Flaggenmeer und rotem Teppich. Stundenlang warteten Gesandte der Hisbollah in Feierlaune, gelbe Baseballmützen auf dem Kopf, auf die Rückkehr ihrer Kampfesgenossen aus israelischer Haft.

Auch jenseits der Grenze, in Israel, hatte das Warten endlich ein Ende. Doch von Feierlaune keine Spur. Die zynischen Plakate auf libanesischer Seite "Israel vergießt Tränen der Trauer - während im Libanon Freudentränen fließen" ist düstere Wahrheit geworden. Bei der Ankunft der schlichten schwarzen Holzsärge brachen viele Angehörige der Soldaten zusammen. Die Identifikation der Toten dauerte statt Minuten mehrere Stunden, da sich die Körper nach Auskunft der israelischen Armee in einem schrecklichen Zustand befanden. Einige Tage vor dem Austausch antwortete Ehud Goldwassers Ehefrau Karnit auf die Frage, was sie von jenem Tag erwarte: "Ich will nur endlich nach Hause gehen, um mit meinem Schmerz allein zu sein". Es schien, als wisse sie bereits, was auf sie zukommen werde.

Die israelische Öffentlichkeit wusste es nicht, Regierungschef Ehud Olmert und seine Minister offenbar schon, wie am schnell bekannt wurde. Der Austausch, der vom Kabinett beschlossen werden musste, war monatelang diskutiert worden. Letztendlich wurde der Handel, den der deutsche Vermittler Gerhard Conrad wesentlich mit auf den Weg gebracht hatte, mit einer großen Mehrheit von 22 zu drei Stimmen angenommen. "Es muss einfach ein Ende geben", lautete das häufig geäußerte Argument der Befürworter. Die Gegner sagten, der Preis für die Rückkehr von sterblichen Überresten schlicht zu hoch sei. Ex-Außenminister Silvan Shalom machte deutlich, wie schmerzlich dieser Preis für sein Land sei: "Wir haben diesen Krieg nicht gebraucht, sondern stattdessen 120 junge Soldaten verloren. Und der Gefangenenaustausch zeigt klar, dass nun die Kosten für Gilad Shalit um ein Vielfaches höher sein werden".

Der damals 18-jährige Shalit wurde im Juni 2006 von Hamas-Aktivisten nach Gaza verschleppt. Im Gegensatz zu den im Libanon entführten Männern gab es bereits mehrere Lebenszeichen von dem Soldaten, es wird davon ausgegangen, dass er in einem Keller in Gaza festgehalten wird. Seine Eltern kämpfen verzweifelt für die Freilassung ihres Sohnes.

In Israels Bevölkerung ist der Deal zwischen Israel und der Hisbollah schon lange und immer noch Stoff für endlose Diskussionen. "Man darf niemanden mit 'Blut an den Händen' für Tote austauschen", sagen nicht wenige. Samir Kuntar gilt als notorischer Terrorist, als Personifizierung des Bösen. "Wer ein vierjähriges Kind mit seinen eigenen Händen umbringt, der ist kein Mensch", so die gängige Meinung. Kuntar wurde deswegen zu fünf Mal lebenslänglich verurteilt, und sollte das israelische Gefängnis nie wieder verlassen. Es kam anders.

Für viele Libanesen ist Kuntar ein Held

Statt hinter schwedischen Gardinen sein Leben zu fristen, wartete nun ein roter Teppich auf ihn. Für viele Libanesen ist Kuntar ein Held, einer, der es mit dem Feind aufgenommen und Israel gezeigt hat, wie verwundbar es ist. Schon Tage vor der geplanten Übergabe wurden seine Mutter und Bruder interviewt und auf die Rückkehr vorbereitet. Für diese Glorifizierung hat Schlomo Goldwasser keinerlei Verständnis. Kurz nachdem er die traurige Gewissheit hatte, dass sein Sohn Ehud nicht mehr am Leben ist, sagte er im Hinblick auf die Feierlichkeiten im Nachbarland: "Das ist, was die Menschen dort wollen? Einen Terroristen, der ein vierjähriges Mädchen und einen Familienvater getötet hat, zum Helden machen? Dann verdienen sie wirklich nur noch Mitleid."

Auch diese Worte werden Nasrallah wohl kaum erreichen. Er sonnt sich in Selbstgefälligkeit und lässt sich von seinen Verbündeten feiern. Ismail Hanija, Anführer der Hamas, hat bereits seine Glückwünsche aus Gaza übermittelt. Im Großteil der arabischen Welt wird der Austausch als klarer Sieg für Hisbollah angesehen. Schon vor zwei Jahren galt die Miliz als die einzige, die der übermächtigen israelischen Armee die Stirn bieten konnte. Der jetzige Handel wird als Nasrallahs endgültige Krönung angesehen. Zumindest auf kurzfristiger und oberflächlicher Ebene. Wer tiefer in die politischen Strukturen des Libanon schaut, sieht, dass der Hisbollah-Chef dringend einen Erfolg vorweisen musste. Die Unruhen in und um Beirut und die lauter werdenden Stimmen gegen Hisbollah sowie Israels gesponserte Tötung von Hisbollah-Führungskopf Ihmad Mugnijeh schwächten Nasrallah zusehends.

Handel ein Zeichen der Stärke für Israel

Israels Regierungssprecher Mark Regev sieht dagegen den Feind keineswegs gestärkt. Er beschreibt den Handel als Zeichen der Stärke für sein Land. Für den Judenstaat ist es Tradition, "keinen Soldaten im Feld zurückzulassen und niemanden in Feindes Hand". Der jüdische Glaube schreibt vor, dass der Körper des Verstorbenen so vollständig wie möglich bestattet werden muss. Regev: "Wir mussten unsere beiden Soldaten wiederholen. Es gab keine Wahl. Für die Familien, für unser ganzes Land und alle jungen Menschen, die ihren Dienst in der Armee tun. Wir mussten zeigen, dass wir niemanden zurücklassen." Schwäche hingegen sei, so der Sprecher weiter, einen Mörder zum Helden zu erklären. Regev glaubt, dass Israel trotz des hohen Preises bereit sei, mit dem Libanon Frieden zu schließen. "Doch dafür müssen wir erst sehen, inwieweit sich die neue Regierung gegen die Hisbollah stellen wird."

So traurig der Tag für Israel auch sein mag, für die Moral ist es gut, dass dieses Drama nun ein Ende gefunden hat. Und sich nicht, wie bei dem im Libanon verschwundenen Piloten Ron Arad als endloses Trauma in das Gedächtnis der Generationen einbrennt. Gleichzeitig jedoch ist die Gefahr groß, dass dieser außergewöhnlich hohe Preis den Staat teurer zu stehen kommt und potentielle Terroristen in Versuchung führt, ähnliche Entführungen zu inszenieren.