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Medikamente werden knapp Wo gibt's hier bitte Hustensaft? Wie der Fall der türkischen Lira plötzlich die Gesundheit der Bevölkerung gefährdet

Die türkische Währung Lira verliert rasch an Wert.
Die türkische Währung Lira verliert rasch an Wert. Recep Tayyip Erdogan rief einen "wirtschaftlichen Unabhängigkeitskrieg" aus.
© Adem Altan / AFP
Apotheken und Patienten in der Türkei schlagen Alarm: Das Land beklagt dramatische Engpässe bei den Medikamenten. Schuld ist Erdogans "wirtschaftlicher Unabhängigkeitskrieg".

Emin Durmus ist auf der Suche nach Hustensaft. "Sie haben das Mittel nicht. Also gehe ich los und hole ein neues Rezept. Dann komme ich in diese Apotheke und das Medikament ist auch nicht verfügbar", sagt der 62-Jährige, der etwas gegen den Husten seines fünfjährigen Enkels braucht. Er ist nur einer von tausenden Türken, die derzeit von einer Apotheke in die nächste rennen, auf der Suche nach importierten Medikamenten.

Arzneimittel sind in der Türkei gegenwärtig ähnlich schnell ausverkauft wie die türkische Lira an Wert verliert. Der Verfall der Währung beschleunigte sich im vergangenen Monat noch, als Präsident Recep Tayyip Erdogan einen "wirtschaftlichen Unabhängigkeitskrieg" ausrief.

Erdogan will die rasante Inflation in seinem Land mit niedrigen Zinsen bekämpfen – das genaue Gegenteil dessen, was Länder normalerweise in ähnlichen Situationen tun. Als Resultat büßte die türkische Währung seit Anfang November zwischenzeitlich 40 Prozent ihres Wertes ein. Im Januar war eine Lira noch 13 US-Cent wert. In diesem Monat war es nur noch gut die Hälfte.

Apotheken: Lieferschwierigkeiten bei 645 Mitteln, Tausende Präparate schlecht aufzutreiben

Eine Folge ist die Knappheit bei Medikamenten. Importierte Mittel gegen Krankheiten wie Diabetes, Krebs, Herzleiden oder die Grippe sind in den etwa 27.000 Apotheken der Türkei nahezu unmöglich zu finden. Ärzte melden auch Schwierigkeiten bei Medikamenten gegen Fieber, Übelkeit und Magenschmerzen, Apotheker warnen vor einer Knappheit bei Arzneimitteln zur Behandlung von Diabetes, Bluthochdruck und Asthma.

Der 35-jährige Fatih Yüksel leidet unter einer seltenen, als Behcet-Syndrom bekannten Autoimmun-Krankheit. "Manchmal gibt es Phasen, in denen ich die Medikamente, die ich brauche, nicht bekomme und meine Krankheit wird schlimmer", sagt der Verkäufer aus Ankara. Dann leide er unter Schmerzen. "Es ist manchmal schwer, aber ich muss arbeiten."

Der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca schob die Schuld zuletzt den Arzneimittelherstellern zu, die versuchten "der Türkei teure Medikamente zu verkaufen". Nachrichten über Arzneimittel-Engpässe in der Türkei seien unwahr, sagte Koca.

Doch Apotheker berichten von herzzerreißenden Nachrichten von Patienten, die flehend fragen, wo sie ihre Medikamente bekommen können. Die türkische Apothekervereinigung erklärte im November, dass 645 Medikamente von Lieferschwierigkeiten betroffen seien. Seit sich die Situation noch verschärft habe, seien etwa tausend Mittel schlecht aufzutreiben, sagte der Apotheker Berna Yücel Mintas der Nachrichtenagentur AFP.

Preisverfall und Preissteigerungen

Teil des Problems ist die Art und Weise, wie die Türkei Arzneimittel beschafft. Das Gesundheitsministerium setzt jeden Februar Standardpreise für Medikamente fest, die sich an einem von der Regierung festgesetzten Wechselkurs orientieren. Für dieses Jahr wurde der Wechselkurs auf 4,57 Lira für einen Euro festgelegt.

Auf dem Devisenmarkt kostete ein Euro jedoch zwischenzeitlich 20 türkische Lira. Die Hersteller würden deswegen keine Medikamente in die Türkei verkaufen, weil sie andernorts mehr Geld dafür bekommen könnten, erläutert Taner Ercanli von der Apothekerkammer in Ankara. Die Apotheker fordern von der Regierung, die Preise mindestens drei Mal im Jahr anzupassen.

Doch es gibt noch mehr Probleme: Durch die Corona-Pandemie sind die Preise für die meisten Rohstoffe gestiegen, wodurch auch die in der Türkei produzierten Medikamente teurer geworden sind. Die betroffenen Pharmaunternehmen sind zudem verärgert über verspätete staatliche Zahlungen, die angesichts des Währungsverfalls doppelt schmerzhaft sind. Arbeitgeberverbände warnen bereits vor Firmeninsolvenzen.

Den Apotheken droht derweil ein allgemeiner Arzneimittel-Engpass – nicht nur für chronisch kranke Menschen wie den Fatih Yüksel eine beängstigende Entwicklung.

cl AFP

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