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U-Boot-Kollision: Still und heimlich, bis es knallt

Es war eine gruselige Meldung: Zwei mit Atomraketen bestückte Atom-U-Boote aus Frankreich und Großbritannien sind im Atlantik miteinander kollidiert. Ein Wunder, dass es nicht zu mehr als Blechschäden gekommen ist. Allerdings wäre es ohne die Kalte-Kriegs-Manier beider Länder auch nie zu dem Unfall gekommen.

Von Peter Thomsen

Es war Schleichfahrt. Das hat die britische Admiralität inzwischen mitgeteilt. Jeweils mit Fußgänger-Geschwindigkeit halten die französische "Le Triomphant" und die britische "Vanguard" aufeinander zu. Plötzlich ein Rucken mit Getöse. Die zwei Atom-U-Boote haben sich Anfang Februar mitten im Atlantik auf Tauchfahrt gerammt.

Seither rätselt die Öffentlichkeit, wie das passieren kann. Verstehen ließe sich noch, wenn sich zwei Boote gegnerischer Lager beim Katz-und-Maus-Spiel unter Wasser unabsichtlich rammen. Aber U-Boote zweier Nato-Staaten? Informieren sich die Verbündeten untereinander nicht über die Übungseinsätze ihrer U-Boote und deren Routen?

Frankreich verweigert sich

Es gibt zwar eine Stabsstelle bei der Nato, die Bewegungen von alliierten U-Booten koordiniert. Die jeweilige Marineleitung soll dieser Stelle melden, welche eigenen Fahrzeuge sich wann und wo bewegen. Das geschieht auch, aber Frankreich, Gründungsmitglied der Nato, spielt nicht mit. 1966 ist die Grande Nation aus dem militärischen Teil der Nato ausgetreten, weil dem damaligen Präsidenten Charles de Gaulle die Dominanz der USA in dem Bündnis zu groß war. Seither gehört Frankreich nicht mehr der Kommandostruktur des Nordatlantikpaktes an, und muss auch niemanden darüber informieren, wo die eigenen Atom-U-Boote unterwegs sind. Jüngst hat der französische Präsident Nikolas Sarkozy allerdings angekündigt, bald in das Bündnis als Vollmitglied zurückkehren zu wollen. Solange das nicht der Fall ist, solange sind die Franzosen Einzelkämpfer unter Wasser und müssen sich nicht zu erkennen geben.

Ohren auf im U-Boot-Verkehr

Weil Radar unter der Meeresoberfläche nicht funktioniert, bleiben nur die Geräusche, mit denen man selbst zu orten ist und andere ausfindig machen kann. Denn Wasser leitet Töne bestens. Deswegen achten U-Bootfahrer stets darauf, möglichst lautlos durch das Nass zu gleiten. Andernfalls ist der Maschinenlärm meilenweit zu hören. Ein geübter Horchposten an Bord kann allein mit seinem Kopfhörer und den außenbords montierten Mikrofonen mühelos einen Zerstörer von einem Frachter unterscheiden. Zumindest amerikanische U-Boote führen eine Art Atlas mit heimlich aufgezeichneten Geräuschen potenziell feindlicher Schiffe mit sich. Daraus kann der Horcher sogar einzelne Klassen von Zerstörern unterscheiden, die ihm vors Mikrofon laufen.

Elektro- schlägt Atom-U-Boot

Das funktioniert allerdings nur, wenn Eigengeräusche weitgehend vermieden werden. Antriebsmaschinen stehen deshalb auf Gummifüßen und Schiffsschrauben sind ummantelt, um möglichst lautlos zu fahren. Der französische Verteidigungsminister Hervé Morin brüstete sich nach dem Vorfall damit, dass Atom-U-Boote "weniger Lärm machen als eine Krabbe." Deshalb sei es zu der Berührung gekommen. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn im Reaktor, der vor allem den Dampf für eine mächtige Antriebsturbine liefert, müssen Pumpen ununterbrochen Kühlwasser umwälzen, um die Brennelemente zu kühlen und den GAU zu vermeiden. Wasserpumpen sind laut. Konventionelle U-Boote mit Elektroantrieb hingegen sind in der geräuschlosen Fortbewegung jedem Atom-U-Boot überlegen.

Überraschte Navy

Neben dem passiven Horchen können U-Boote auch aktiv Schall-Signale aussenden. Das Echo verrät dem geübten Horcher, ob das Signal von weichem Meeresgrund oder von hartem Metall reflektiert wurde. Die Laufzeit verrät die Entfernung zum angepeilten Objekt. Diese Suchtechnik, im Deutschen "Sonar", englisch "Asdic" genannt, wurde im Ersten Weltkrieg von den Engländern erdacht. Nachteilig ist, dass ein U-Boot, das derlei "Ping-Signale" aussendet, sich damit selbst verrät. Wer klammheimlich unterwegs ist, wie wohl mindestens eines der beiden Atom-U-Boote im Atlantik, unterlässt vorsichtshalber die aktive Sonar-Suche.

"Wenn wir in der Karibik mit unseren deutschen U-Booten zu Übungen unterwegs waren, sind gelegentlich amerikanische Navy-Leute von ihrem Atom-U-Boot zu uns übergestiegen", berichtet der ehemalige Marineoffizier Dieter Stockfisch, der bei den U-Boot-Jägern gedient hat und sich inzwischen als Fach-Journalist auf Marine-Themen spezialisiert hat. "Die waren entsetzt, als sie mitkriegten, dass wir ihr Atom-U-Boot oft schon auf 50 Seemeilen hörten. Von unserer Anwesenheit hatten sie im Atom-U-Boot dagegen keine Ahnung".

Das Mittel, wie auch Atom-U-Boote die Lärmquelle Kühlwasserpumpen ruhig stellen können, ist die Schleichfahrt. Sobald ein Boot sein Einsatzgebiet erreicht hat, befiehlt der Kommandant meist, die Fahrt von 30 Knoten Höchstgeschwindigkeit (knapp 60 km/h) auf sechs oder fünf Knoten zu drosseln. Dann haben auch die Kühlwasserpumpen weniger zu tun und geben Ruhe.

In gewohnter Manier

Das dürfte die Ursache der Kollision im Atlantik gewesen sein. Beide Boote schlichen so langsam und leise aufeinander zu, dass sie sich gegenseitig nicht hörten. Ein gemeinsames Kommuniqué aus London und Paris spricht von "kurzem Kontakt bei sehr niedriger Geschwindigkeit". Hätten die Boote ihr Aktiv-Sonar benutzt, wäre den Horchern die gefährliche Nachbarschaft nicht entgangen. Aber das trauten sie sich nicht, weil sie als Träger der strategischen Abschreckung nach alter Gewohnheit aus dem Kalten Krieg ihren Standort geheim halten wollten. "Dass sie sich in der Weite des Atlantiks trafen, war reiner Zufall", glaubt Dieter Stockfisch.

Die Gefahr einer nuklearen Katastrophe bestand nicht. Der leichte Rammstoß fand Bug an Bug statt. Der Schiffsreaktor befindet sich aber im Achterschiff. Zusätzlich ist das Reaktor-Druckgefäß, das die Brennelemente mit dem hochradioaktiven Inhalt umschließt und unter einem Dampfdruck von mindestens 100 Bar steht, entsprechend gepanzert. Falls ein Reaktor in große Meerestiefe sinkt, wo durch immensen Wasserdruck schließlich doch Bruchgefahr droht, wird das Druckgefäß automatisch geflutet und damit Druckausgleich hergestellt. Alle atomgetriebenen Schiffe sind mit einer derartigen Sollbruchstelle versehen, die ab einem bestimmten Außendruck nachgibt.