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Von Kreml-Truppen besetzte Gebiete Ukrainer verstecken Waisenkinder, damit sie nicht nach Russland deportiert werden

Frühgeborene, die von ihren Eltern zurückgelassen wurden, liegen warm eingepackt in einem Krankenhaus in der Ukraine
Frühgeborene, die von ihren Eltern zurückgelassen wurden, liegen warm eingepackt in einem Krankenhaus in der Ukraine. Die russischen Streitkräfte werden beschuldigt, Kinder nach Russland oder in russisch besetzte Gebiete zu verschleppen.
© Evgeniy Maloletka / AP / DPA
Die russische Armee verschleppt angeblich Waisenkinder aus der Ukraine nach Russland oder in russisch besetzte Gebiete. Um das zu verhindern, greifen Betreuer dieser Kinder zu kreativen Mitteln.

Das Personal eines Kinderkrankenhauses in der Ukraine hat offenbar bereits kurz nach der Invasion Russlands am 24. Februar damit begonnen, die in der Klinik untergebrachten Babys vor einer möglichen Deportation durch die Angreifer zu bewahren. Da die Kreml-Truppen im Verdacht gestanden hätten, Waisenkinder nach Russland zu entführen, hätten die Mitarbeiter des regionalen Kinderkrankenhauses der Stadt Cherson die Krankenakten der Kinder gefälscht, um den Anschein zu erwecken, ihr gesundheitlicher Zustand sei zu schlecht für einen Transport, berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press (AP).

"Wir haben absichtlich falsche Angaben gemacht, dass die Kinder krank waren und nicht transportiert werden konnten", zitiert AP Dr. Olga Pilyarska, Leiterin der Intensivstation der Klinik. "Wir hatten Angst, dass (die Russen) es herausfinden würden [...], aber wir beschlossen, dass wir die Kinder um jeden Preis retten würden."

Mindestens 1000 Kinder soll Russland aus Cherson verschleppt haben

Die russischen Streitkräfte werden beschuldigt, während des Krieges ukrainische Kinder nach Russland oder in russisch besetzte Gebiete zu verschleppen, um sie wie ihre eigenen Kinder aufzuziehen, wie Associated Press schreibt. Mindestens 1000 Jungen und Mädchen seien nach Angaben der örtlichen Behörden während der achtmonatigen russischen Besetzung der Region Cherson aus Schulen und Waisenhäusern entführt worden. Ihr Verbleib sei nach wie vor unbekannt. Nach Aussagen der Einwohner von Cherson wären noch mehr Kinder verschwunden, wenn nicht einige Menschen in der Gemeinde ihr Leben riskiert hätten, um so viele Kinder wie möglich zu verstecken.

Im Krankenhaus in Cherson hätten die Mitarbeiter Krankheiten für elf dort betreute ausgesetzte Babys erfunden, berichtet die Nachrichtenagentur weiter. Dadurch hätten sie verhindern wollen, dass die Kinder ins örtliche Waisenhaus kämen, wo man ihnen womöglich russische Papiere gegeben und sie deportiert hätte. Ein Baby hatte demnach "Lungenblutungen", ein anderes "unkontrollierbare Krämpfe" und ein weiteres musste "künstlich beatmet werden", beschrieb Pilyarska die vorgetäuschten Leiden.

Wolodymyr Sahaidak, Leiter eines Zentrums für soziale und psychologische Rehabilitation im Dorf Stepanivka am Rand von Cherson, fälschte AP zufolge ebenfalls Dokumente, um 52 verwaiste und gefährdete Kinder zu verstecken. Der 61-jährige habe einige der Kinder bei sieben seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verborgen, andere seien zu entfernten Verwandten gebracht worden. Und einige der älteren Kinder seien bei ihm geblieben, erzählt Sahaidak. "Es schien, als würde man mir meine Kinder einfach wegnehmen, wenn ich sie nicht verstecke."

Der Transport der Kinder sei nicht einfach gewesen, berichtet AP. Nachdem Russland im März Cherson und weite Teile der Region besetzt hatte, hätten die Russen damit begonnen, Waisenkinder an Kontrollpunkten auszusondern. Sahaidak habe deshalb kreativ sein müssen. In einem Fall habe er falsche Unterlagen erstellt, wonach eine Gruppe von Kindern im Krankenhaus behandelt worden war und von ihrer Tante zu ihrer Mutter gebracht wurde, die im neunten Monat schwanger war und auf der anderen Seite des Flusses auf sie wartete.

Russland will laut Experten besetzte Teile der Ukraine entvölkern

Doch nicht alle Kinder in der Region konnten vor der Deportation bewahrt werden. Aus dem Waisenhaus in Cherson wurden im Oktober etwa 50 Kinder durch die Kreml-Truppen evakuiert und angeblich auf die von Russland annektierte Krim gebracht, wie die Nachrichtenagentur unter Berufung auf einen Wachmann der Einrichtung und auf Nachbarn berichtet. Zu Beginn der Invasion habe eine örtliche Hilfsgruppe die Kinder noch in einer Kirche verstecken können, aber einige Monate später hätten die Russen sie entdeckt, in das Waisenhaus zurückgebracht und schließlich von dort abtransportiert.

Wie Russland Weizen zur geopolitischen Waffe machte

Nach AP-Recherchen versuchen die Behörden in Russland, Tausende ukrainischer Kinder zur Pflege oder Adoption in russische Familien zu geben. Beamte sollen demnach ukrainische Kinder ohne ihre Zustimmung nach Russland oder in russisch besetzte Gebiete abgeschoben haben, ihnen vorgelogen haben, dass sie von ihren Eltern nicht erwünscht seien, und sie zu Propagandazwecken benutzt in russische Familien gesteckt und ihnen die russische Staatsbürgerschaft gegeben haben.

Die Washingtoner Denkfabrik Institute for the Study of War berichtet, russische Beamte würden in den besetzten Teilen der Ukraine eine gezielte Entvölkerungskampagne durchführen und Kinder unter dem Deckmantel von medizinischen Rehabilitationsmaßnahmen und Adoptionsprogrammen deportieren. Moskau bestreitet die Vorwürfe und behauptet, dass die Kinder nach Russland gebracht würden, um sie vor Feindseligkeiten zu schützen. Die Behörden würden zudem nach Verwandten elternloser Kinder suchen, um sie nach Möglichkeit nach Hause zu schicken.

Quelle: Associated Press, Institute for the Study of War

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