HOME

US-Kongresswahlen: "Ich bin die Frau ohne Beine"

In Illinois tritt eine Veteranin zur Kongresswahl an, die Demokratin Tammy Duckworth wurde im Irak verstümmelt. Doch die "Frau ohne Beine" ist mehr als ein Aushängeschild der Kriegskritiker.

Tammy Duckworth steht fest mit beiden Beinen auf der Erde, auch wenn es Prothesen sind. "Hi", begrüßt sie oft ihre Zuhörer. "Ich bin eine Veteranin aus dem Irakkrieg. Ich bin die Frau ohne Beine." Nicht, dass sie dies jemandem erklären müsste. Im Wahlkreis Illinois 6 bei Chicago kennt jeder ihre Geschichte, und nicht nur hier. Die Demokratin Tammy Duckworth, die vor fast genau zwei Jahren durch eine Panzerabwehrrakete verstümmelt wurde, gehört zu den berühmtesten Kandidaten bei der US-Kongresswahl. Der Ausgang ihres Rennens um einen Sitz im Abgeordnetenhaus gegen den republikanischen Staatssenator Peter Roskam wird für das künftige Mehrheitsverhältnis mit ausschlaggebend sein.

Die beiden liegen in Umfragen fast Kopf an Kopf, und das sagt viel aus über die Popularität der 38-jährigen pensionierten Heeresmajorin und Hubschrauberpilotin. Tritt sie doch in einem Wahlkreis an, den der namhafte, jetzt in den Ruhestand tretende Republikaner Henry Hyde 32 Jahre lang fest im Griff hatte.

Kritik am Krieg und Patriotismus kein Widerspruch

Ein knappes Dutzend von Veteranen aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan bewirbt sich bei dieser Kongresswahl, mit einer Ausnahme sind alle Demokraten. Die Parteiführung hat sie zur Kandidatur ermutigt, man will damit ganz offensichtlich zeigen, dass Kritik am Irakkrieg und Patriotismus kein Widerspruch sind. So sieht es auch Duckworth selbst, die den Krieg für einen Fehler hält, aber zugleich stolz darauf ist, ihrem Land als Soldatin gedient zu haben. "Es war meine Pflicht zu gehen, und ich würde morgen wieder gehen", wird sie von der "Washington Post" zitiert.

Ironischerweise war es ein Republikaner, der sie zu einem Wechsel in die Politik inspirierte: der im Zweiten Weltkrieg verwundete spätere Senatsmehrheitsführer Bob Dole. Er besuchte Duckworth mehrere Male im Walter-Reed-Hospital bei Washington, wo sie nach dem Verlust der Beine über lange Wochen betreut wurde. Die beiden führten intensive Gespräche, und wenig später wurde Duckworth klar, wofür sie ihre "zweite Chance zum Leben" nutzen wollte.

Hochhackige Schuhe trotz Prothese

Ihr Leben - es hing an einem hauchdünnen Faden an jenem 12. November 2004, als der Black-Hawk-Helikopter, dessen Co-Pilotin sie war, bei Bagdad von der Rebellenrakete getroffen wurde. Der Pilot konnte den Hubschrauber noch sicher landen. Acht Tage später wachte Duckworth im Krankenhaus aus ihrer Bewusstlosigkeit auf und erfuhr es: Sie hatte keine Beine mehr und musste noch dankbar sein, dass die Ärzte ihren ebenfalls teilweise zerfetzten Arm retten konnten.

Inzwischen trägt Duckworth Prothesen, die es ihr erlauben, höher hackige Schuhe zu tragen - die mochte sie schon immer, genau wie die Farbe Pink. Sie sei halt ein richtiges Girl, bekannte sie in Interviews und lachte dabei - ein frisches Lachen, dass wie ihr Humor insgesamt zu ihren Markenzeichen gehört. So scherzt sie etwa, dass ihre Lage auch etwas Gutes habe: "Meine Füße werden nie kalt." Und manchmal trägt sie auch ein Sporthemd mit der Aufschrift: "Kerl, wo ist mein Bein?"

Aber ist auch ihre Invalidität so etwas wie ein Wahlkampfaushängeschild geworden, wie Duckworth selbst einräumt, so bemüht sich die Kandidatin stets darum, das Gespräch schnell auf andere Themen zu bringen. Bildung und Gesundheitsfürsorge liegen ihr dabei besonders am Herzen. Und was immer am Wahltag, dem 7. November geschieht - für Duckworth wird die Welt nicht zusammenbrechen. Nach dem 12. November 2004, so sagte sie der "Chicago Tribune", gebe es nichts mehr, "das ich fürchte".

Gabriele Chwallek/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel