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Offener Brief: US-Presse an Trump: Sendezeit und Spalten nicht für jene, die die Wahrheit verzerren

Das Verhältnis zwischen Donald Trump und den Medien ist bekanntlich mehr als schwierig. Nun hat die US-Presse dem künftigen Präsidenten einen offenen Brief geschrieben - er liest sich stellenweise wie eine Kampfansage.

Donald Trump

Beim Thema Journalisten ist Donald Trump besonders dünnhäutig

Wohl kein anderer US-Präsident stand Journalisten je so offen feindselig gegenüber wie Donald Trump. Der künftige US-Präsident, der es selbst mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt, beschimpft die Medien gerne als unehrlich, reagiert auf Kritik mit persönlichen Beleidigungen und bedient sich für seine Öffentlichkeitsarbeit lieber des Kurznachrichtendienstes Twitter. Dort kann er Behauptungen erstmal unwidersprochen verbreiten und braucht nicht auf kritische Nachfragen einzugehen. Auch die Pressefreiheit findet er unbequem. Am liebsten, das wurde heute bekannt, würde Trump den Zugang zu den regelmäßigen Pressekonferenzen im Weißen Haus beschränken und die teilnehmenden Journalisten selbst auswählen.

Nun hat Kyle Pope, Chefredakteur der Columbia Journalism Review, im Namen der US-Presse (US Press Corps) einen offenen Brief an den künftigen Präsidenten geschrieben. "In diesen letzten Tagen vor Ihrer Amtseinführung", beginnt das Schreiben, "dachten wir, es wäre vielleicht hilfreich klarzustellen, wie wir die Beziehungen zwischen Ihrer Regierung und dem amerikanischen Press Corps sehen. Es wird Sie nicht überraschen, dass wir diese Beziehung als angespannt empfinden."

"Wir glauben an eine objektive Wahrheit"

Dann zählt Pope in knappen Sätzen auf, wie Trump in den vergangenen Monaten gegen die Presse vorgegangen ist: Er habe Medien daran gehindert, über ihn zu berichten. Er habe Twitter benutzt, um Reporter zu verhöhnen und zu bedrohen, und seine Anhänger ermutigt, dasselbe zu tun. Er habe mit Klagen gedroht, die Regeln von Pressekonferenzen missachtet und einen behinderten Reporter verspottet. "All das ist natürlich Ihre Wahl und, auf eine Art, auch Ihr Recht", schreibt Pope. "Aber so wie Sie jedes Recht haben, Ihre Regeln für den Umgang mit der Presse festzulegen, haben wir ebenfalls einige Rechte. Schließlich ist es unsere Sendezeit, es sind unsere Zeitungsspalten, die Sie zu beeinflussen versuchen. Wir entscheiden, wie wir am besten unseren Lesern, Hörern und Zuschauern dienen, nicht Sie."

Was dann kommt, liest sich stellenweise wie eine Kampfansage. Wenn Trump, so Pope weiter, die Medien von der Berichterstattung ausschließen wolle, so werde man alternative Wege finden, um an Informationen zu kommen. "Die ‚Off the record‘- und andere grundsätzliche Regeln bestimmen wir, nicht Sie. Vielleicht sprechen wir ‚off the record‘ mit ihren Leuten, vielleicht auch nicht." Man selbst bestimme, wieviel Sendezeit man Trumps Sprechern und Vertretern einräumen werde. "Wir werden uns bemühen, Ihre Sichtweise darzustellen, auch wenn Sie uns auszuschließen versuchen. Das heißt aber nicht, dass wir verpflichtet sind, unsere Sender und Spalten Leuten zu überlassen, die immer wieder die Wahrheit verzerren."

Vor allem aber: "Wir werden uns obsessiv mit den Details Ihrer Regierung beschäftigen", so Pope. "Wir glauben an eine objektive Wahrheit, und wir werden Sie daran messen. Wenn Sie oder Ihre Vertreter etwas sagen oder twittern, das nachweisbar falsch ist, so werden wir das sagen, immer wieder." Und: "Wir werden zusammenarbeiten. Sie haben versucht, uns gegeneinander auszuspielen, aber das hat ein Ende." Erst kürzlich hatte Trump einen CNN-Reporter während seiner Pressekonferenz angeblafft, er werde ihm keine Frage beantworten und ihn als "Fake News" beschimpft. Eine Szene, die den Journalisten offenbar zu denken gegeben hat. "Wir sind uns darüber klar geworden, dass die Berichterstattung über Sie es erfordert, zu kooperieren und einander zu helfen", heißt es in dem Brief. "Wenn Sie also einen Reporter auf einer Pressekonferenz ignorieren oder niederschreien, weil er etwas gesagt hat, was ihnen nicht passt, werden Sie einer einheitlichen Front gegenüberstehen."

Erste Pressekonferenz Donald Trumps als US-Präsident


"Wir müssen dieses Vertrauen wiedergewinnen"

Dabei enthält der Brief auch Selbstkritik. Die US-Medien haben viel Vertrauen verloren, auch weil sie den Wahlausgang falsch vorhergesehen hatten. "Wir werden uns höhere Standards setzen als je zuvor", schreibt Pope. Tatsächlich haben US-Medien als Reaktion auf Fake News und den Wahlsieg Trumps bereits Investitionen angekündigt. Die "Washington Post" stellte Dutzende Journalisten ein, auch die "New York Times" will neue Stellen schaffen. Das Geld dafür dürfte da sein: In der ersten Woche nach Trumps Wahlsieg gewann die Zeitung 41.000 Neuabonnenten hinzu. "Wir müssen dieses Vertrauen wiedergewinnen", schreibt Pope. "Und das werden wir durch genaue, furchtlose Berichterstattung tun, in dem wir unsere Fehler erkennen und die strengsten ethischen Standards einhalten, die wir uns setzen."

Der Brief schließt mit einer als Gruß getarnten Drohung. "Sie haben uns gezwungen, ganz grundsätzlich darüber nachzudenken wer wir sind und wozu wir hier sind. Dafür sind wir Ihnen sehr dankbar. Genießen Sie Ihre Amtseinführung."

Den offenen Brief des Press Corps im englischen Original lesen Sie hier.

Donald Trump Schlammschlacht Hans-Ulrich Jörges


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