US-Präsident in Kairo "Obama ist unsere große Hoffnung"


In Kairo herrscht Ausnahmezustand: Die meisten haben frei, Schulen und Universitäten sind geschlossen. Alle warten auf US-Präsident Barack Obama und seine Rede an die muslimische Welt. Es wird ein diplomatischer Drahtseilakt, die Erwartungen sind hoch. Aber in der ägyptischen Hauptstadt herrscht vorsichtiger Optimismus.
Von Steffen Gassel, Kairo

Für Farghali Marham und seine Tochter Fairus ist der Weg zu Barack Obama schon am Eingang der Kairoer Universität zu Ende. "Wir sind gekommen, um ihn zu begrüßen. Ihm nur winken zu dürfen, wäre eine große Ehre für uns", sagt der 55-jährige Familienvater. "Ich sage meinen Kindern immer, dass Obama unsere große Hoffnung ist. Er ist das Licht im Dunkeln für den Nahen Osten."

Ausnahmezustand in Kairo

Durch die schmiedeisernen Gitterstäbe des Einfahrtstors schimmert die hohe Kuppel hinüber, unter der der amerikanische Präsident heute Mittag seine lang erwartete Rede an die muslimische Welt halten will. Doch Vater und Tochter dürfen nicht hinein. Aus Angst vor Anschlägen ist nur ein handverlesenes Publikum aus Stundenten und Persönlichkeiten der ägyptischen Gesellschaft zugelassen, wenn Barack Obama ans Rednerpult tritt.

Schon Stunden vor der Ankunft des US-Präsidenten herrscht Ausnahmezustand in Kairo. Weite Teile der Innenstadt sind abgeriegelt, auch anderswo sind die Straßen leer wie selten. Die meisten Arbeitgeber haben ihren Angestellten frei gegeben, Schulen und Universitäten sind geschlossen, die laufenden Abschlussexamen unterbrochen und aufs Wochenende verschoben worden.

"Viel besser als Bush"

E-Mails machen die Runde, in denen die Regierung die Menschen auffordert, entlang der Route, auf der Obamas Tross sich durch die Stadt bewegen wird, in den Häusern zu bleiben. Jubelfeiern entlang der Straßen sind nicht erwünscht, sogar auf die Balkons zu gehen, ist verboten. Doch auch ohne diese Maßnahmen dürfte der US-Präsident in Ägypten keinen überschwänglichen Empfang erwarten, wie ihn ihm die Berliner vergangenen Sommer unter der Siegessäule bereitet haben. Es ist eine Mischung aus abwartender Skepsis und vorsichtigem Optimismus, mit der viele Menschen hier Obamas Besuch entgegensehen.

"Sicher, er ist viel besser als Bush. Aber die Probleme sind doch immer noch dieselben", sagt Nabil Nabawi. Der Chef des Amtes für Stadtreinigung und -verschönerung sitzt in einem Straßencafé vor der prächtigen Sultan Hassan Moschee, die Barack Obama am Nachmittag besuchen will. Er und seine Kollegen hatten in den vergangenen Tagen viel zu tun: Sie haben Bordsteinkanten weiß getüncht, holprige Straßen neu geteert, Blumenkübel aufgestellt, Bäume getrimmt. Überall dort, wo der US-Präsident erwartet wird, haben sie Kairo herausgeputzt.

Ägypter wünschen sich Trendwende nach Bush

Was der Stadtreiniger von Obama erwartet? "Es muss endlich den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern lösen. Der hält doch den Fortschritt im ganzen Nahen Osten auf", sagt der 60-Jährige. "Solange es nicht zwei Staaten für zwei Völker gibt, wird auch Ägypten nicht vorankommen." Sein Kollege Nabil Ismail bringt die Stimmung auf den Punkt. "Bush hat uns gezwungen, Amerika zu hassen. Wir wünschen uns, dass uns Obama Amerika wieder lieben lässt. Wir sind bereit, ihm eine Chance zu geben."

Nicht nur nach seiner Haltung im Nahost-Konflikt werden die Menschen in Ägypten Barack Obama beurteilen. Es gibt noch ein anderes Thema, das ihnen mindestens ebenso wichtig ist - auch wenn nur wenige offen darüber reden: Obamas Umgang mit dem Regime von Präsident Hosni Mubarak. Der 81-Jährige regiert das Land am Nil seit fast drei Jahrzehnten mit eiserner Hand. Wer sich zu lautstark für Demokratie und Menschenrechte einsetzt, muss mit Gefängnis und Folter rechnen.

Obama könnte Fehler alter Präsidenten wiederholen

Doch seit Wochen machen in Kairo Gerüchte die Runde, der Präsident sei schwer krank. Für viele Ägypter ist die Aussicht, dass der alte Diktator vielleicht bald abtreten könnte, Anlass zum Aufatmen. Umso schlechter kam hier Anfang März die Nachricht über den inoffiziellen Washington-Besuch von Mubaraks Sohn Gamal an, den der Vater gern als Nachfolger installieren will. Der Thronfolger wurde in der US-Hauptstadt mit Senator John Kerry und anderen hochrangigen Politikern empfangen, es soll auch Treffen mit engen Mitarbeitern Obamas hinter verschlossenen Türen gegeben haben.

"Wenn er so weitermacht, dann läuft Obama Gefahr, genau in die Fußstapfen seiner Vorgänger zu treten. Die haben alle von Demokratie geredet und gleichzeitig die Diktatoren im Nahen Osten gestützt", sagt Aamel Wassef, ein Künstler, dessen Atelier nahe der Sultan Hassan Moschee im Stadtteil Seyyida Zainab liegt. Er erwartet vom US-Präsidenten auch ein paar deutliche Worte zur ägyptischen Politik.

"Ohne Amerikas Hilfe haben wir keine Chance"

"Hier werden Blogger ins Gefägnis gesteckt, weil sie den Präsidenten oder den Islam kritisieren. Schon wenn man in der Zeitung über die schlechte Gesundheit Mubaraks schreibt, bekommt man Probleme", sagt Wassef. "Wenn Obama die Erbfolge von Gamal Mubarak unterstützt, würde er seine Glaubwürdigkeit bei uns komplett zerstören."

Familienvater Mahram macht sich mit seiner Tochter wieder auf den Heimweg. Auch er hofft, dass Obama seiner Kairoer Rede Taten folgen lässt, die im Nahen Osten nach so vielen Jahren Stillstand und Krieg endlich etwas zum Besseren verändern. "Er muss die Menschen unterstützen, die sich bei uns für Freiheit und Demokratie einsetzen. Ohne Amerikas Hilfe, haben die doch keine Chance", sagt der 55-Jährige. "Wenn Obama das tut, kann er in ein paar Jahren wiederkommen und in einer offenen Limousine mitten durch Kairo fahren. Dann werden die Menschen auf den Straßen stehen und ihm zujubeln. Und er braucht keine Angst zu haben, dass ihm etwas passiert."


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