US-Präsidentschaftswahl Der General zieht einen Schlussstrich


Colin Powells Wahlempfehlung für Barack Obama ist ein herber Schlag für John McCain. Denn der Ex-Außenminister und Republikaner stellt sich so schützend vor den unerfahrenen Kandidaten der Demokraten. Ein Ritterschlag zum richtigen Zeitpunkt. McCains Schlussoffensive ist erst einmal ausgebremst.
Von Tobias Betz

Endlich ist es raus. Der ehemalige Außenminister und General Colin Powell unterstützt den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama. Seit Monaten kursierten Gerüchte darüber in den US-Medien. Powell selbst ließ die Öffentlichkeit lange im Unklaren. Zwar hatte er stets lobende Worte für Obama, doch festlegen wollte er sich nicht. Am Sonntag hat Powell nun sein Geheimnis gelüftet, und sein Auftritt in der politischen Talkshow "Meet the Press" war bemerkenswert. Ein Meilenstein in einem eh schon bemerkenswerten Wahlkampfjahr.

In sieben Minuten fasste Powell zusammen, warum er Obama für den geeigneteren Kandidaten halte. Sieben Minuten, die wie ein Schlussstrich unter den langen Wahlkampf wirkten. Ein Plädoyer für eine Obama-Präsidentschaft, präzise, eloquent vorgetragen, und in seiner Argumentation überzeugend. Sein Fazit: Obama habe Stil und Substanz. Er erfülle die Kriterien, ein erfolgreicher Präsident, ein außergewöhnlicher Präsident zu sein. "Ich glaube, er ist eine Figur des Wandels."

Normalerweise haben die Empfehlungen von Politikern in den USA wenig Einfluss auf Wahlergebnisse. Meist sind sie nur Futter für die hungrigen Medien, die sich im Konkurrenzkampf um die heißeste Nachricht darauf stürzen und sich ausführlich damit beschäftigen. Doch Colin Powells Bekenntnis zu Obama ist mehr als nur eine Nachricht, seine Empfehlung hat Gewicht.

Powell beseitigt Zweifel an Obama

Zum einen, weil Powell als General, ehemaliger Vorsitzender des Generalstabs und Außenminister über reichlich Erfahrung auf dem Gebiet der Nationalen Sicherheit und Außenpolitik verfügt. Dass ausgerechnet er nun dem jungen Obama den Vorzug gibt vor dem langjährigen Senator und Vietnamkriegs-Veteran McCain, dürfte auch die letzten Zweifel an Obamas Fähigkeiten als Präsident und Oberkommandierender der Streitkräfte aus dem Weg räumen. Powell habe damit "Erfahrung" als Argument gegen Obama beseitig, und zwar in nur einem einzigen Statement, räumte Newt Gingrich, Republikaner und ehemaliger Sprecher des Repräsentantenhauses, ein. McCain muss damit rechnen, dass Powells Worte auch beim Wähler ankommen. Denn Powell wird trotz seiner Befürwortung des Irakkriegs noch immer in der Bevölkerung geschätzt. Seine Popularitätswerte in den Umfragen liegen bei über siebzig Prozent.

Zum zweiten, weil Colin Powell damit seiner eigenen Partei in den Rücken fällt und ein Beweis für Obamas Anziehungskraft auch bei Republikanern ist. Obama wird mit Powells Hilfe zum überparteilichen Kandidaten, der integriert, der ein zersplittertes Amerika wieder vereinen kann. Powell arbeitete für drei republikanische Präsidenten, spielte 1995 selbst mit dem Gedanken einer Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, war ein gerngesehener Gast und Redner auf Parteitagen und Wahlkampfveranstaltungen. Nun kehrt er in aller Öffentlichkeit dem Bewerber der Konservativen den Rücken und wird somit gleichsam zum Symbol für einen Machtwechsel im Weißen Haus. Das könnte konservative Demokraten und unabhängige Wähler überzeugen, und sogar moderate Republikaner auf die Seite von Obama ziehen. Einen Namen für diese Gruppe gibt es bereits: Obama-Republicans.

Unterstützung in einer kritischen Phase

Bemerkenswert ist vor allem der Zeitpunkt der Wahlempfehlung. Normalerweise sprechen sich Politiker schon früh im Wahlkampf für einen der beiden Bewerber um den Präsidentenposten aus. Kommt Powells Unterstützung also zu spät? Mitnichten, sie kommt vielmehr in einer kritischen Phase für Obama. Zwar führt er in allen nationalen Umfragen und ist auch in den wichtigen "Swing States" vorne, doch die Erfahrung aus dem Vorwahlkampf der Demokraten lehrt, dass sich Obama immer dann schwer tat, wenn ihn Demoskopen und Kommentatoren favorisierten. Obamas Schwäche: Den Sack auch zuzumachen, den Sieg einzufahren. "Closing the deal" nennen die Amerikaner das. Da kommt Powell gerade recht, denn er sorgt für neues Feuer in Obamas Wahlkampfmotor und versperrt nun wie ein großer Brocken McCains Weg ins Weiße Haus.

Überraschend ist, dass Powell sein Plädoyer für Obama mit einer harschen Kritik an McCain und seiner Vizekandidatin Sarah Palin verknüpfte. McCain habe unsicher gewirkt, wie man mit den wirtschaftlichen Problemen umgehen soll. "Jeden Tag gab es einen anderen Ansatz", kritisierte Powell. Die Versuche Obama als Muslim und als Terroristenfreund zu brandmarken hätten ihm "Sorge bereitet". McCains-Kampagne sei zu weit gegangen. Sein schärfstes Urteil hatte Powell jedoch für McCains Vize Sarah Palin parat: Sie sei nicht qualifiziert, Präsident zu sein. Damit liefert Powell den Demokraten reichlich Wahlkampfmunition und nahm schon mal die Gründe vorweg, warum McCain diese Wahl wohl verloren haben dürfte. Die Kritik an McCains Art des Wahlkampfs sei "vernichtend", urteilte denn auch Dan Balz, Politikveteran bei der "Washington Post".

McCain verliert wertvolle Zeit

Powells späte Wahlempfehlung ist für McCain bedrohlich, denn im schlimmsten Fall könnte Powell wie der entscheidende Dominostein wirken, der Obamas Sieg in Bewegung setzt. Aber selbst, wenn sich am Ende nur wenige Wähler von Powells Argumenten überzeugen lassen, der Auftritt des Ex-Generals kostet McCain wichtige Zeit. Die US-Medien werden sich in den nächsten Tagen vor allem mit Powell beschäftigen, McCain dürfte es da schwer haben, seine Botschaften noch ans Wählervolk zubringen. Für McCain ein herber Rückschlag, denn die Zeit für ein Comeback wird allmählich knapp.

Eines schloss Powell jedoch aus: Aktiv Wahlkampf werde er nicht für Obama machen, versicherte Powell. Ein schwacher Trost für McCain. Denn ein Wahlkämpfer Powell sei gar nicht nötig, meint Mark Halperin vom US-Magazin "Time". Powells Worte am Sonntag waren schon mehr als genug.


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