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US-Vorwahlen: Hillary muss sich schmutzig machen

Ja, Hillary Clinton hat drei wichtige Vorwahl-Siege eingefahren, sie hat wieder einmal ein Comeback geschafft. Aber sie hat zugleich verloren. Denn hinter Konkurrent Barack Obama stehen nach wie vor mehr Delegierte. Nun bleibt Clinton nur noch eine Chance.

Von Katja Gloger, Washington

"Ich laufe mich doch gerade erst warm", hatte sie vor ein paar Tagen noch gelacht, und schon damals klang es mehr wie eine Drohung als ein Scherz. Will sie Barack Obama jetzt wirklich den Krieg erklären, seine Glaubwürdigkeit zerstören? Möchte Hillary Clinton wirklich Wahlkampf für die Republikaner machen? Ausgerechnet Rush Limbaugh, der erzkonservative Provokateur des amerikanischen Talk-Radios, brachte es auf den Punkt: er hatte seinen republikanischen Zuhörern empfohlen, bei den Vorwahlen doch bitte für Hillary Clinton zu stimmen - damit sie weiterhin im Rennen um die Kandidatur bliebe. Dann ginge "die Seifenoper" weiter, sagte er. Und er meinte: sollen sich die beiden doch ruhig gegenseitig niedermachen.

Offenbar ist Hillary Clinton fest entschlossen, ihm diesen Gefallen zu tun.

Wichtiger Sieg in Ohio

In den letzten Tagen hatte sie sich als glückliche Kriegerin präsentiert, übermüdet, aber gut gelaunt, sie hatte geschäkert, war sogar noch in Comedy-Shows aufgetreten und hatte über ihr Double gelacht. Ansonsten hatte sie auf Angriff gegen Obama geschaltet. Und dabei hatte sie vor allem auf den Faktor Angst gesetzt.

Gestern Abend musste sie eigentlich die beiden Bundesstaaten Texas und Ohio gewinnen. Nach elf Siegen in Folge musste sie Barack Obama stoppen. Texas und Ohio waren ihre Festungen, in denen lag sie schon mal mit 20 Prozent vorn. Doch je besser die Meinungsumfragen für Obama in den vergangenen Wochen wurden, desto niedriger wurde die Hürde für das Clinton-Camp. Erst galt: Hillary Clinton müsse beide Staaten mit überwältigender Mehrheit gewinnen. Dann hieß es, ein Sieg in beiden Staaten reiche aus, um den Wahlkampf fortzuführen. Zum Schluss ging es nur noch um einen echten Sieg in Ohio. Und immerhin, den holte sie.

Gestern Abend, es war 23.15 Uhr Ortszeit in Columbus, Ohio, trat sie 15 Minuten vor ihre Fans, es regnete Konfetti, sie las vom Teleprompter und sie sagte: "Ich bin gestolpert und bin wieder aufgestanden, ich arbeite hart und ich gebe niemals auf. Wie sagt man doch: Wer Ohio gewinnt, der gewinnt Amerika. Wir werden weitermachen und zwar bis zum Ende. Ich fange gerade erst an. Und ich bin eine Kämpferin."

Jetzt wird sie den Wahlkampf nach Pennsylvania tragen. Dort wird am 22. April gewählt. Das ist in sieben Wochen - eine Ewigkeit in diesem mörderischen Wahlkampf. Sie ist grimmig entschlossen. Und wenn das nicht reicht - und es wird nicht reichen, um Obama bei der Delegiertenzahl zu überholen - dann könnte sie weiterkämpfen. Und wenn es sein muss, vielleicht sogar auch bis zum Parteitag im August. Dort werden die Super-Delegierten entscheiden, die Parteifunktionäre, die an kein Wählervotum gebunden sind.

Doch obwohl Hillary Clinton gestern Abend gewonnen hat: Sie hat auch verloren.

Sie hielt zwar ihre Festung Ohio, einen der ärmsten Staaten in den USA , sie hielt ihre klassische Wählerkoalition: die weißen Frauen, die älteren Wähler, die Niedrigverdiener - obwohl auch dort Obama seinen zunächst großen Rückstand aufholte. Und auch in Texas hat sie zumindest einen Teil des Wahlgangs gewonnen.

Aber sie verlor. Denn immer noch, immer mehr gilt die grimmige Realität in diesem Vorwahlkampf: Hillary Clinton hat nicht genug Delegierte hinter sich, um Barack Obama bei den Wahlen in den kommenden Wochen überholen zu können. "Die Mathematik spricht einfach gegen sie", heißt es im Obama-Lager.

Clinton muss nun alle Register ziehen

Hillary Clinton weiß, sie hat nur eine Chance - den psychologischen Sieg. Sie muss ihre Partei überzeugen, dass sie, die harte Arbeiterin, wählbar ist, und nicht der nette Redner aus Chicago. Und dabei lautet das Motto: "Go negative". In den kommenden Wochen muss sie den charismatischen Botschafter der Zukunft klein kriegen, seine Glaubwürdigkeit zerstören. Und dabei nutzt man natürlich auch die Schmierentaktik, die man bei den Republikanern stets so kritisiert. Es geht um den Sieg mit allen Mitteln - um Wahlkampf nach klassischer Clinton Art. Wie sagte Bill Clinton einst, als er ins Oval Office einzog: "Man muss eben tun, was man tun muss."

Doch das bereitet manchem Demokraten ordentlich Kopfschmerzen. Denn würde sich der Wahlkampf immer weiter ziehen, würde der immer negativer werden, könnten Hillary und Bill die demokratische Partei mit in den Abgrund ziehen. Und Obama gleich dazu.

Die vergangenen Tage boten einen Vorgeschmack. Sie hatte alle Register ziehen lassen. Eine TV-Werbung, ein unschuldig schlafendes Kind, es ist mitten in der Nacht, und wer nimmt im Weißen Haus den Hörer ab, wenn etwas Schlimmes passiert? Etwa ein Unerfahrener wie Obama?

Sie hatte sich über die Presse beschwert, die angeblich zu kritisch mit ihr umgehe. Sie duckte sich weg, als man sie aufforderte, ihre Steuererklärung zu veröffentlichen - denn die würde auch Auskunft über die Geschäftsgebahren ihres Mannes geben. Und sie nutzte einen günstigen Termin. Denn zufällig begann gestern das Gerichtsverfahren gegen den zwielichtigen Chicagoer Geschäftsmann und politischen "Fixer" Tony Rezko. Rezko hatte 150000 Dollar für Obamas Wahlkampf gespendet, vor Monaten schon hatte Obama das Geld an Wohltätigkeitsorganisationen weitergegeben. Doch jetzt will man wissen: Wie viele Spendenveranstaltungen organisierte Tony Rezko für Obama? Wieviel Geld sammelte er für ihn? Gab es etwa Geschäftsbeziehungen irgendwelcher Art?

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Obama Gesetze gebrochen hätte. Und doch geriet er zum ersten Mal seit Wochen in die Defensive: auf einer Pressekonferenz redete er um die Sache herum, und als es ihm zuviel wurde, grummelte er, er habe jetzt keine Zeit mehr und eilte unter Protestrufen der Reporter davon.

Zum ersten Mal zeigte Barack Obama Nerven. Denn anders als bei Hillary Clinton basiert sein Wahlkampf auf seiner persönlichen Glaubwürdigkeit, seiner Ehrlichkeit und Integrität. Er kann sich keinen Fehler leisten. Und bislang hat er bewusst einen negativen Wahlkampf vermieden. "Niemand wird dämonisiert", hatte er seinen Wahlkampfmanagern befohlen, "ich trete niemandem gegen das Schienbein." Und hatte sich als Gentleman präsentiert, der bei Fernsehdebatten Hillary Clinton den Stuhl zurechtrückte.

In den vergangenen Tagen begann die Entzauberung des Barack Obama. Und das ist gut so. Er selbst muss jetzt die Realität in seinen Wahlkampf einführen. Sonst tun es andere. Hillary Clinton. Und ganz sicher John McCain, der Kriegsheld, der immer gut ist für einen ordentlichen Kampf.

Seit über 13 Monaten tobt dieser Vorwahlkampf. Er wurde, vor allem durch Barack Obama, zum Fest Demokratie. Aber jedes Fest muss ein Ende haben. Amerika will Gewinner sehen. Einen Sieger. Und da draußen, da wartet John McCain. Und sein Motto heißt: Gib niemals auf.