US-Wahlkampf Countdown für die Vize-Show


Der Kandidat der Demokraten steht fest, doch wer wird seine Nummer zwei? Barack Obama will seinen Vizepräsidenten in den nächsten Tagen präsentieren. Ganz Washington spekuliert: Wird es ein alter Haudegen oder doch ein Gesicht des Wechsels? Und was wird aus Hillary Clinton?
Von Matthias B. Krause, New York

Wer es ist, weiß nur ein kleiner Kreis. Aber immerhin steht fest, wann er das erste Mal präsentiert wird. Vor dem Parlamentsgebäude in Springfield im US-Bundesstaat Illinois, dort also, wo er vor mehr als eineinhalb Jahren sein Rennen auf das Weiße Haus begann, will Barack Obama am Samstag seinen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft vorstellen. Angeblich hat er die Entscheidung in seinem Urlaub auf Hawaii gefällt. Den Namen kennen bislang nur seine Ehefrau Michelle, die beiden Mitglieder der Findungskommission und wenige seiner engsten Berater. Möglicherweise noch nicht einmal der Auserwählte selbst.

Derweil wird Katz und Maus gespielt

Derweil spielen sie noch ein bisschen Katz und Maus mit der Öffentlichkeit, schließlich geht es darum, den Spannungsbogen für den am Montag beginnenden Nominierungsparteitag der Demokraten geschickt aufzubauen. "Wir könnten nun jeden Tag verkünden, wer es ist", orakelte Obamas Sprecherin Anita Dunn am Mittwoch verheißungsvoll. Doch es wird wohl mindestens Freitag werden, bis die Nation schlauer ist und Obama seine Anhänger per SMS benachrichtigt hat. Wenn er seinen Vize nicht sogar erst in Illinois aus dem Hut zaubert. Nur Joe Biden, der altgediente demokratische Senator aus Delaware, hatte offensichtlich das Memo nicht bekommen, wonach die Sache im Vagen zu halten sei. "Sorry, ich bin es nicht", rief er den Reportern am Dienstag zu auf dem Weg zu einer Runde Golf. Nur um auf dem Rückweg einzugestehen: "Ich verspreche, ich habe keine Ahnung. Ich habe mit niemandem Kontakt. Ihr wisst genauso viel wie ich." Könnte also sein, dass er durchaus noch im Rennen ist.

Für ihn spräche, dass er Obamas schwache Flanke als politischer Neuling und ohne Erfahrung in der Außenpolitik deckte. Auf der anderen Seite wäre es schwierig, mit Biden auf dem Ticket Obamas Kampagne noch als die des großen Wechsels zu verkaufen, schließlich gehört der Senator zu den Urgesteinen der Washingtoner Politik. Ein bisschen weniger auffällig und somit etwas leichter zu platzieren, wäre Senator Evan Bayh aus Indiana. Auch ein erfahrener Mann, aber eben kein Urgestein. Daneben gäbe es jene, die sich als Outsider vermarkten ließen. Gouverneur Tim Kaine brächte seine Popularität in Virginia auf die Waagschale, ein Bundesstaat, den Obama im Herbst von den Republikanern stehlen will. Kathleen Sebelius wiederum hätte die Vorzüge, dass sie den Kandidaten bei den Frauen attraktiver machen und als Gouverneurin in Kansas Obamas Wurzeln im amerikanischen Heartland betonen würde.

Schließlich bliebe noch Hillary Clinton

Schließlich bliebe noch Hillary Clinton. Die hatten die meisten vor Wochen abgeschrieben. Zudem wabert zwischen den Lagern des Gewinners der Vorwahl und der Verliererin weiterhin viel Missgunst, Neid und Misstrauen. Außerdem machte dann Obamas Entscheidung, ihr am Dienstag auf dem Parteitag das Rampenlicht einzuräumen und ihren Namen auf die Wahlliste zu nehmen, wenn die Delegierten ihn offiziell küren, wenig Sinn. Ausgerechnet Ralph Nader, der unabhängige Präsidentschaftskandidat, der bereits 2000 Al Gore das Rennen verhagelte, glaubt es jedoch besser zu wissen. Es seien alles nur Finten gewesen, verriet er der Online-Publikation "Politico", Obama habe Clinton gewählt.

Bei diesem hübschen Spiel der Spekulationen wollen die Republikaner natürlich nicht fehlen. John McCain gelingt es erstaunlich gut, in dem Rummel um die Demokraten nicht unterzugehen. Er heizt die Gerüchteküche mit der Überlegung an, einen Kandidaten zu wählen, der sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt. Damit würde er die strenggläubige Parteibasis gegen sich aufbringen, aber gleichzeitig bei den Unabhängigen punkten, die er braucht, um im November gegen Obama zu gewinnen. Tom Ridge, einst Gouverneur in Pennsylvania und Chef des Ministeriums für Heimatsicherheit, wäre so ein Kandidat. Seinen Namen fallen zu lassen, sei aber nur ein Versuchsballon gewesen, ist zu lesen, und das Ergebnis sei eindeutig ausgefallen: Fliegt nicht, die Idee.

Ein Außenseiter: Joe Liebermann

Ein anderer Außenseiter, der sich von der konservativen Basis wenig Beifall erhoffen dürfte, wäre Senator Joe Lieberman. Der wechselte 2006 im Streit mit den Demokraten seinen Status zu "unabhängig" und stimmt im Kongress seither mal mit seiner alten Partei und mal mit den Republikanern. Er würde, ebenso wie Ridge, Stimmen aus der Mitte bringen. Zu den anderen üblichen Verdächtigen gehören Charlie Christ, beliebter Gouverneur in Florida, einem heiß umkämpften Bundesstaat mit vielen Wahlmännerstimmen. Und natürlich Mitt Romney, McCains schärfster Rivale aus dem Vorwahlkampf. Die beiden mögen sich persönlich zwar nicht besonders, der Ex-Gouverneur von Massachusetts, Retter der Olympischen Spiele von Salt Lake City und Hedge Fund-Manager glänzt jedoch in einem Bereich, der McCain abgeht: Effektives Management und fundiertes Wirtschaftswissen. Als Zeitpunkt für die Verkündung seiner Wahl hat McCain sich angeblich den 29. August ausgesucht. Das wäre einen Tag nach Obamas Kür auf dem Demokraten-Parteitag und zwei bevor der Parteitag der Republikaner beginnt. Eine perfekte Zeit, um einen neuen Spannungsbogen zu kreieren.


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