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USA: Kirche, Kühe, Kohle - und Bush

Bei den Zwischenwahlen in den USA wird es eng für die Republikaner. Im ganzen Land? Nein. Ein kleines Dorf in Utah steht in Treue fest zum Präsidenten. stern-Reporter besuchten die Bush-Hochburg Randolph.

Von Michael Streck

Der Weg ins Herz von Utah führt hoch hinauf in die Berge der Rocky Mountains. Er führt über Pässe und durch Prärien, der Himmel ist eins mit dem Horizont, erster Schnee auf den Gipfeln. Der Winter naht, er dauert sieben Monate. Das Herz von Utah liegt auf 1900 Meter Höhe und hat knapp 600 Einwohner. Am Ortseingang steht ein Schild: Randolph, "das Herz von Utah". Das Herz schlägt rechts.

In Randolph macht man keine Witze über die Regierung

Randolph hat eine Hauptstraße, eine kleine Tankstelle, den kleinen Snackshop "Gator's Inn", eine kleine Highschool, einen kleinen Lebensmittelladen, eine große Mormonenkirche und ein Postamt, in dem Gage Slusser, 52, seine Kundschaft gern mit dem Satz begrüßt: "Willkommen im Postamt von Randolph, was kann die Bundesregierung tun, um Ihren Tag zu bereichern?" Manchmal grinsen die Leute, aber meist denken sie, Gage, zugezogen aus Chicago, sei ein "weirdo", ein Sonderling. In Randolph macht man keine Witze über die Bundesregierung.

Utah, erschlossen und gegründet von Mormonen Mitte des 19. Jahrhunderts, ist der republikanischste Bundesstaat in den USA; bei den Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren votierten 71,5 Prozent für George W. Bush. Und Randolph ist im republikanischsten Staat der USA der republikanischste Fleck. Nirgendwo sonst im Land stimmten die Menschen so geschlossen für Bush - 95,6 Prozent. Nirgendwo im Land erfährt der Präsident immer noch so viel Zuneigung und Zustimmung. Nirgendwo im Land sind die Demokraten auf ähnlich aussichtslosem Posten. Weshalb der rührige demokratische Kongress-Kandidat Steve Olsen auf Anraten seines Wahlkampfmanagers gar nicht erst in die Berge auf Stimmenfang fährt, "verlorene Zeit, verlorenes Geld".

Republikaber-Abrechnung stößt auf wenig Interesse

Olsen, einst unter Reagan Republikaner, konvertierte zum Feind, denn er erkannte seine alte Partei nicht wieder. Sah die Ideale von möglichst wenig Regierung und möglichst viel individueller Freiheit bedroht, wechselte zu den Demokraten und hat ein Büchlein verfasst. Es ist eine Abrechnung mit den Republikanern, ihrer Finanzpolitik, ihrem Hang zum Großkapital und verlorenen Tugenden. Aber Mister Olsen ist bescheiden und schon froh, dass sich nach Lektüre ein paar Dutzend Leute bei ihm meldeten und dankten. Aus Randolph war niemand dabei.

Hoch oben in den Bergen ist Steven Olsen ein No-Name, und überhaupt: Washington ist weit, Washington liegt am anderen Ende des Kontinents, Terra incognita. Die Republikaner taumeln drüben von Korruptionsskandal zu Sexskandal, im Irak herrscht Bürgerkrieg, die Mehrheit der Amerikaner hat das Vertrauen in den Kongress verloren, und der Präsident ist unpopulär wie nie. Aber Randolph in Rich County ist wie das gallische Dorf. Uneinnehmbar.

"Damit das klar ist: Wir sind keine Hinterwäldler."

An einem Samstagmittag sitzt Bürgermeister Kevin Kearl, 52, in seinem schmucken Holzhaus an der Main Street und wundert sich darüber, dass ein deutscher Reporter anreist und Fragen stellt über sein Städtchen, das es bislang nur dann in die Nachrichten schaffte, wenn im Winter mal wieder ein nationaler Kälterekord gebrochen wurde, und es wurden viele Rekorde gebrochen. Aber nun kommt einer und will wissen, warum in diesem Mormonen-Örtchen die Menschen dem Präsidenten und seiner Partei derart devot folgen, und er sagt, ein wenig genervt: "Damit das klar ist. Wir sind hier keine Hinterwäldler, wir sind keine rechten Spinner, und wir sind auch nicht geistig zurückgeblieben. Die Leute hier arbeiten entweder in der Kohlegrube von Kemmerer in Wyoming. Oder sie verdienen ihr Geld mit Viehzucht. Sie sind gläubig und fühlen sich von den Republikanern schlicht besser repräsentiert. Das ist alles." Die Sorgen der Menschen im County drehen sich um streunende Hunde und vernünftiges Trinkwasser, und das Leben basiert auf drei Pfeilern: Kirche, Kohle und Kühe. Viele Kühe. Rich County, 2000 Einwohner, ist größer als das Saarland. Sie haben dort verdammt viel Platz für Rinder, Abertausende. Wilder Westen immer noch.

An diesem Samstag treiben Cowboys die Tiere von den Hochplateaus in die Ebene, wo sie überwintern und irgendwann ihrer Bestimmung zugeführt werden - die jungen enden als Steaks, die alten als Burger, und die Stierhoden, die "Austern der Rockies", gebraten in Butter, gelten als, nun ja, Delikatesse. "Born to be killed, das ist der Kreislauf hier", sagt Artie Argyle, 46, Cowboy, der gemeinsam mit seinem Cousin Tyson, 26, in einer Hütte jenseits der Zivilisation lebt, kein Strom, keine Dusche, ein Holzofen in der Ecke, ein Kalenderfoto mit einer Üppigen an der Wand, die Nippel aber sittsam sichtverdeckt durch ein Geweih.

Die beiden Cowboys, Söhne strenger Mormonen, sind so etwas wie gefallene Engel. Artie wurde exkommuniziert. Er lebte in wilder Ehe, und einmal kamen die Mormonen-Chefs von Randolph und sprachen: "Du hast drei Möglichkeiten. Entweder sie zieht aus, du ziehst aus, oder ihr heiratet." Schon war seine Kirchenkarriere beendet. Cousin Tyson ist zwar noch "Member of the Church", lässt sich aber zum Grimm der Eltern kaum noch in der Kirche blicken. Er hat eine Nicht-Mormonin zur Freundin, saß wegen Polizisten-Beleidigung schon mal eine Nacht im Knast. Und beide, Artie und Tyson, ignorieren das Alkoholverbot der Kirche nach Kräften, und sie sind kräftig. Drinnen haben sie eine stattliche Sammlung von Rum- und Whiskeyflaschen, draußen türmen sich leere Bierdosen.

Nach der zweiten Rum-Cola sind die beiden voll im Element. Die Republikaner? "Bush ist von unserem Schlag, ein Rancher, wenn auch nicht richtig. Eher Öl-Mann, aber Öl haben wir hier in den Bergen auch." Die Demokraten? Hat nicht Al Gore vor Jahren geschrieben, dass Methangase eine Gefahr fürs globale Klima sind? "Rinderfürze!", dröhnt Artie, "Rinderfürze! Lachhaft." In Nordkorea zündet ein Irrer eine Atombombe, und in Washington machen sich die Liberalen Gedanken über Darmwinde? Wo leben die denn?

Wer den Menschen in Randolph lange genug zuhört, versteht besser, weshalb die Demokraten im sogenannten Heartland Amerikas nicht punkten. Hier oben in den Bergen mögen sie einen Präsidenten, der immerhin professionell Hemdsärmeligkeit vorgaukelt und - gesagt ist gesagt! - störrisch seinen Weg geht. Sturkopf ist kein Schimpfwort in Rich County. Hier oben verfangen die republikanischen Botschaften noch. Seien sie noch so simpel oder gerade darum.

Demokraten werden als Baum-Umarmer belächelt

Vielleicht auch deshalb, weil die Demokraten keine verständliche Botschaft für diese Leute liefern. Sie nennen die Demokraten hier oben "Treehugger", Baum-Umarmer, und ihre Umweltpolitik eine Gefahr für die Rancher. Das ist purer Unsinn, aber nicht mal das Dementi erreicht die Berge, und also wird alles beim Alten bleiben. Rancher wählen rechts und Punkt.

Was nicht heißt, dass sie nicht gut könnten mit den paar Käuzen, die im County und in Randolph anders stimmen. Und immer dann, wenn es um "anders" geht, verweisen sie auf Postmeister Gage Slusser, den Vorzeige-Außenseiter, der sich selbst als "Randolphs Pseudo-Intellektuellen" bezeichnet und zur persönlichen Weiterbildung in seinem kleinen Amt schon mal Tonbänder laufen lässt über europäische Kunst und Philosophie. Der in einem Gedankenbogen mühelos Dietrich Bonhoeffer, Adolf Eichmann und Jürgen Habermas unterbringen kann.

Das liberale Feigenblatt des Örtchens

Gage ist das liberale Feigenblatt des Örtchens. Da ist zwar noch der junge Thomas Hoskins, 26, der für die Dependance des Landwirtschaftsministeriums arbeitet, seit einem Jahr in Randolph lebt, als einziger Bewohner des Ortes zu einer Anti-Bush-Demo nach Salt Lake City fuhr und prompt mit einem Foto im Magazin "Time" landete. Aber Hoskins ist nicht mal Mormone, er läuft gewissermaßen außer Konkurrenz.

Am Abend lädt Gage Slusser in ein Steakhouse. Es ist von Randolph 50 Kilometer entfernt, wie alles von Randolph mindestens 50 Kilometer entfernt ist. Krankenhaus, Kino, Bars. Gage hat zwei Freunde mitgebracht - die Lehrer Ralph Johnson, 57, und Lonnie Kay, 53. Beide von Haus aus Republikaner, beide enttäuscht vom Präsidenten und seiner Clique. Lonnie lästert über die Bildungspolitik, "die Schüler heute können die Namen der sieben Zwerge aufsagen, kennen aber keinen Richter des Obersten Gerichtshofs".

Ralph sorgt sich um den Irak, "ich fühle mich getäuscht von Bush". Er glaubte an die Mär von den Massenvernichtungswaffen. Und nun dient einer seiner Söhne bei der Air Force in Wichita, Kansas, wird wahrscheinlich in den Irak verlegt, und Ralphs Frau Brenda wird kirre vor Sorge. Sie sitzt unentwegt vor dem Fernseher und schaut CNN. Sie verachtet Bush. Vor den letzten Wahlen diskutierte Brenda mit ihrem Mann, und Ralph sagte: "Aber was ist die Alternative? Kerry?" Sie sagte "Ja", er sagte "Nein". Heute sieht er das anders.

"Unsere Leute wählen das, was Fox News ihnen sagt."

Lonnie, Ralph und Gage essen gewaltige Steaks, fünf Zentimeter dick, und reden darüber, dass den Republikanern neuerdings der Wind ins Gesicht bläst und dass sie selbst in Randolph, dem Herzen Utahs, Bushs Garten Eden, Stimmen verlieren könnten, statt 95,6 "nur noch 70 Prozent vielleicht". Lonnie und Ralph spüren da ein Grummeln bei den Menschen, eine aufkeimende Unzufriedenheit, die womöglich dazu führen könnte, dass... Aber Gage fährt dazwischen. "Seien wir ehrlich", sagt er, "unsere Leute wählen das, was ihnen Fox News sagt." Kein nennenswerter Protest am Tisch. Fox News ist das rechtslastige Kontrastprogramm zu CNN.

Gelegentlich trifft man in Randolph auf Leute, die tatsächlich so reden, als wäre Fox News die einzige Informationsquelle. Am Morgen stand in den Zeitungen zu lesen, dass mehr als 650 000 Menschen seit der Irak-Invasion ums Leben kamen. Es stand auch zu lesen, dass führende Republikaner einen Sexskandal in Washington vertuschen wollten.

Bush hat Moral und Werte zurückgebracht

Es war wieder mal kein guter Tag für den Präsidenten und seine Partei. Aber Aimee Nielsen, 25, steht in ihrer Haustür und sagt, es sei an der Zeit, Klartext zu reden. Sie ruft ihren Mann Scott, 39: schlaksig, Cowboyhut, roter Zwirbelbart, im Halfter ein gigantischer Colt. Scott erscheint brav an ihrer Seite, und Aimee spricht: "George W. Bush ist ein gottesfürchtiger Mann. Und wir hier sind gottesfürchtig. Er stand auf und sagte "Betet." Und das war ein Signal. Er war nach den furchtbaren Clinton-Jahren genau der Richtige. Er hat Moral und Werte zurückgebracht. Das zählt hier bei uns." Scott grinst und nickt.

Irak? "Der Krieg war richtig. Wir haben die Menschen befreit, sie werden nicht mehr gefoltert, sie können frei atmen." Scott grinst und nickt. Das Versagen bei "Katrina"? "Wer kann den Präsidenten für einen Hurrikan verantwortlich machen? Wie kann man eine Stadt unter dem Meeresspiegel bauen?" Scott grinst und nickt.

"Wo bleiben die positiven Nachrichten?"

Es ist erfrischend, Aimee zuzuhören, denn sie verstellt sich nicht. Ihre Sicht der Dinge ist so klar wie die Luft in den Bergen von Randolph. Sie glaubt an Gott und Bush. Die ganze Stimmung gegen den Präsidenten sei Schuld der Medien. "Wo bleiben die positiven Nachrichten?", fragt sie. Das ist eine ziemlich gute Frage.

Aimee und Scott Nielsen wohnen exakt gegenüber von Gage Slussers Haus. Welten liegen zwischen ihren Ansichten. Sie kommen bestens miteinander aus, gute Nachbarn. Bald ist Winter. Dann rücken die Menschen von Randolph noch enger zusammen. Gage sagt: "Alles gute Leute, sehr gute Leute." Selbst wenn sie ihn nicht verstehen. Kohle, Kirche, Kühe. Das ist das Leben hier. Es gibt Wichtigeres als Politik in Randolph, dem Herzen von Utah.

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