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Very British: Der Sieg der Flugzeug-Attentäter

Es war einer der größten Terrorprozesse in der Geschichte Großbritanniens: 2006 sollen acht Männer Bombenattentate auf Flugzeuge geplant haben. Doch die Ankläger konnten die Geschworenen nicht überzeugen und so endete die Verhandlung nun ohne Schuldsprüche in den wichtigsten Punkten.

Von Cornelia Fuchs, London

Ein Massenmord unglaublichen Ausmaßes sei verhindert worden, so verkündete es triumphierend der britische Innenminister John Reid im August vor zwei Jahren. Damals waren gerade die ersten mutmaßlichen Attentäter im Londoner Norden, in High Wycombe und in Birmingham verhaftet worden. Und auf dem Londoner Flughafen Heathrow herrschte plötzlich Chaos: Niemand durfte mehr mit Handgepäck fliegen, Eltern mussten Babymilch vor den Augen der Sicherheitsleute trinken, jede andere Flüssigkeit wurde wochenlang aus den Flugzeug-Kabinen verbannt. Seit diesem Herbst 2006 tragen Passagiere kleine Plastiktüten durch Sicherheitskontrollen, darin Fläschchen und Döschen mit nicht mehr als hundert Millilitern Inhalt.

Auslöser dieser verschärften Kontrollen waren die Aktivitäten der acht Männer, deren Prozess jetzt zu Ende gegangen ist. Monatelang hatten britische Sicherheitsbehörden die Gruppe beobachtet, hatten registriert, wie sie Wasserstoffperoxid kauften und Flüge von und nach Pakistan bestiegen. Die Polizei hatte Wanzen in einer Wohnung angebracht, die Gespräche mit seltsamen Code-Wörtern aufnahmen. Regelmäßig brachen Experten in das Haus mit der Nummer 386a der Forest Road im Londoner Norden ein, um genau zu beobachten, wie weit die Männer gekommen waren bei dem Versuch, Wasserstoffperoxid so zu konzentrieren, dass es zu einem Element von Flüssigsprengstoff werden konnte.

In der Anklageschrift führte die Staatsanwaltschaft zu Beginn des Prozesses aus, dass in den durchsuchten Wohnungen keine explosionsfähige Bombe gefunden wurde. Das Peroxid, eine Säure, die von der Polizei schließlich beschlagnahmt wurde, war nicht konzentriert genug, um die notwendige chemische Reaktion auszulösen. Während der Verhandlung erklärte der Staatsanwalt den Geschworenen jedoch, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen sei, bis die Männer die richtige Formel für die Herstellung des Sprengstoffes gefunden hätten.

Wenn es nach der britischen Polizei gegangen wäre, hätten sie mit den Verhaftungen der Männer weiter gewartet. Doch während die Briten noch Beweise sammelten, wurde am 9. August 2006 ein Mann namens Rashid Rauf in Pakistan festgenommen. Er stand in engem Kontakt zu der Gruppe in England und war laut Ermittlern ein mögliches Bindeglied zu al Kaida in Pakistan. Um zu verhindern, dass die Männer Beweise verschwinden ließen oder gar, von der Verhaftung in die Enge getrieben, ihre noch unvollständigen Pläne in überhasteter Eile ausführten, ging die britische Polizei gegen 24 Verdächtige innerhalb von zwei Tagen vor, beschlagnahmte Festplatten, Mobiltelefone und Kisten über Kisten mit Beweismaterial aus dutzenden Häusern von Birmingham bis Walthamstow in Nord-London.

Anderthalb Jahre dauerte es, bis die Staatsanwaltschaft diese Beweise so zusammengeführt hatte, dass der Prozess beginnen konnte. Und die Ankläger waren sich sicher, dass sie trotz der vorzeitigen Festnahmen eine wasserdichte Beweiskette vorlegen konnten, die zur Verurteilung der Angeklagten in allen Punkten führen musste.

Doch diese Annahme hat sich nun als Irrtum herausgestellt. Kein einziger der acht Männer wurde von den Geschworenen schuldig gesprochen, Anschläge auf Flugzeuge geplant zu haben. Das ist zwar nicht mit einem Freispruch zu verwechseln - immerhin wurden drei Beschuldigte wegen "Verschwörung zum terroristischen Massenmord" verurteilt und werden aller Voraussicht nach jahrzehntelange Haftstrafen absitzen müssen. Doch dem Hauptanklagepunkt der Staatsanwaltschaft, der Verschwörung zum spektakulären Massenattentat in der Luft, konnten die Geschworenen nicht folgen.

Ein richtiger Schlag ins Gesicht der Staatsanwaltschaft: Der Mann, den sie in ihrer Anklageschrift als den Drahtzieher und Kopf der Terrorgruppe bezeichneten, wurde sogar von allen Anklagepunkten freigesprochen. Vier weitere der acht Angeklagten wurden lediglich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses für schuldig befunden. Das Ärgernis bestand in der Aufnahme von Märtyrer-Videos, die von der Polizei im Auto und in der Wohnung eines Angeklagten gefunden wurden. Darin kündigen sie unter anderem eine Abfolge von Selbstmordattentaten an, "die auf die Ungläubigen herabregnen sollen".

Die Angeklagten bestritten in der Verhandlung, dass sie in diesen Aufnahmen Flugzeugattentate ankündigten. Ihre Verteidigungsargumente: Sie wollten diese Videos im Internet veröffentlichen und mit "kleineren Explosionen" im Flughafen Heathrow die Aufmerksamkeit der Medien auf einen Dokumentarfilm über die Gräuel in Afghanistan und im Irak lenken. Menschen sollten dabei nicht zu Schaden kommen.

Die Ermittler beraten jetzt darüber, ob sie den Prozess möglicherweise neu auflegen können. Und die britischen Medien diskutieren, ob die Festnahme von Rashid Rauf in Pakistan die Beweisaufnahme der verdeckten Ermittler in Großbritannien ungeschickt verkürzt und deswegen jetzt den Prozess zum Scheitern gebracht haben. Angeblich hätten die Vereinigten Staaten darauf gedrängt, Rashid Rauf ohne Rücksicht auf die britischen Kollegen so schnell wie möglich festzusetzen.

Doch es gibt auch andere Stimmen. Der Sprengstoff-Experte und pensionierte Lieutenant-Colonel Nigel Wylde hatte schon im August 2006 die Vorgehensweise des britischen Innenministeriums kritisiert: "Warum wurde von den Verantwortlichen Panik geschürt über einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag, wenn diese wussten, dass die Gruppe noch weit entfernt war von einem funktionierenden Plan? Diese Übertreibungen und Täuschungen führen zu einer Erosion des Vertrauens in unsere Sicherheitsbehörden." Es scheint, als habe dieses Misstrauen in Form der Entscheidung der Geschworenen die Ermittler nun eingeholt.