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Von Steinigung bedrohte Iranerin Ashtiani: TV-Geständnis durch Folter erzwungen?

Die von Steinigung bedrohte Sakineh Ashtiani hat im iranischen TV ein Geständnis abgelegt. Unter Zwang? "Ja", meint Menschenrechtlerin Mina Ahadi. "Sie wurde vorgeführt."

Im iranischen Staatsfernsehen hat die von Steinigung bedrohte Sakineh Ashtiani am Mittwochabend den Mord an ihrem Ehemann und Ehebruch gestanden. Mina Ahadi vom "Komitee gegen Steinigung" kämpft seit Wochen mithilfe einer internationalen Medienkampagne um Ashtianis Leben. Sie befürchtet nun, dass eine Hinrichtung unmittelbar bevorsteht.

Frau Ahadi, haben Sie das am gestrigen Abend im Iran ausgestrahlte Interview mit Sakineh Ashtiani gesehen?
Ja, nachdem mich der Sohn und die Tochter von Frau Ashtiani darüber in Kenntnis gesetzt haben. Wir müssen leider bestätigen: Das war tatsächlich Sakineh Mohammed Ashtiani.

Es wird heute gemeldet, dass Frau Ashtiani den Ehebruch und Mord an ihrem Mann gestanden habe. Stimmt das?
Frau Ashtiani spricht Azeri, einen türkischen Dialekt, den auch ich beherrsche. Dennoch habe ich nur wenige ihrer Sätze verstehen können. Frau Ashtiani hat sehr undeutlich gesprochen, außerdem wurden ihre Worte von einer Simultanübersetzung ins Persische überlagert. Laut der Übersetzung sprach sie davon, dass sie den Tod ihres Mannes mit ihrem Cousin geplant habe. Sie sagte auch, sie habe eine Affäre mit diesem Cousin gehabt.

Was sagen Frau Ashtianis Kinder zu dem Interview?
Die Tochter hat furchtbar geweint, beide Kinder sind sehr durcheinander und schockiert. Sie können nicht fassen, dass ihre Mutter so vorgeführt wurde.

Glauben Sie, Frau Ashtiani wurde zu ihrer Aussage gezwungen?
Ich habe mit ihrem Anwalt Houtan Kian im Iran gesprochen. Er hat mir erzählt, dass Frau Ashtiani vor dem Interview in ihrem Gefängnis zwei Tage in Isolationshaft gehalten wurde. Sie wurde sehr viel geschlagen. Wir glauben, dies ist die Reaktion des Regimes auf den internationalen Druck gegen ihre Hinrichtung.

Nur einen Tag vor dem Interview setzte sich die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton für Frau Ashtiani ein, der brasilianische Präsident Luiz Lula da Silva bot ihr Asyl an. Was will Iran mit der Ausstrahlung dieses Interviews erreichen?
Das iranische Regime versucht mit allen Mitteln, Frau Ashtiani als Kriminelle, als Mörderin darzustellen. Wir sind jedoch im Besitz von Dokumenten der iranischen Justiz, aus denen hervorgeht, dass Frau Ashtiani von jeglicher Beteiligung am Mord ihres Ehemannes freigesprochen wurde. Ein Mann ist dafür verurteilt worden, Frau Ashtianis Kinder haben ihm verziehen und ihm so das Todesurteil erspart. Angehörige von Mordopfern haben nach iranischem Recht diese Möglichkeit. Laut der Dokumente wurde Frau Ashtiani wegen Ehebruchs vor Gericht erst zu 99 Peitschenhieben verurteilt und dann von einem zweiten Gericht zur Steinigung. Es gab keine Augenzeugen, das Urteil beruhte allein auf der Einschätzung der Richter. Frau Ashtiani hat stets gesagt, dass sie unter Folter zu den Geständnissen gezwungen wurde.

Was bedeutet es für Frau Ashtiani, dass ihr angebliches Geständnis nun im Fernsehen ausgestrahlt wurde?
Das ist schlimm, ganz schlimm. Ihre Kinder glauben, dass das Regime versucht, die tief religiösen Teile der Familie gegen die Mutter aufzuhetzen. Es geht jetzt um die Ehre der Familie. Frau Ashtiani wurde nicht nur als Mörderin vorgeführt, sondern in die Nähe von Prostituierten gestellt mit ihrer Aussage. Das Regime lenkt von der Thematik der Steinigung ab, sie sprechen jetzt von der Hinrichtung einer Mörderin. Wir haben alle Angst, dass Frau Ashtianis Todesurteil ganz schnell umgesetzt wird.

Was wollen Sie jetzt tun?
Es ist nicht das erste Mal, dass im iranischen Staatsfernsehen Unwahrheiten verbreitet werden, um eine internationale Medienkampagne zu entkräften. Nachdem während der Demonstrationen im vergangenen Jahr die junge Frau Neda vor laufender Kamera erschossen wurde, gab es Fernsehsendungen, in denen die Familie beschuldigt wurde, den Mord geplant zu haben. Diese Propaganda ist nichts Neues. Aber sie macht unsere Arbeit sehr kompliziert. Wir müssen jetzt versuchen, die Lügen zu entlarven.

P.S.: Sakinehs Schicksal berührt Sie? Tauschen Sie sich mit unseren Usern auf Facebook darüber aus.

Cornelia Fuchs, London
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