Wahl im Irak "Das ist Demokratie"


Die Mehrheit der Iraker sieht die US-Besatzung zwar kritisch, lehnt aber Gewalt ab. So auch zwei Bagdader Buchhändler, die sich nichts sehnlicher wünschen als einen demokratischen Irak.

Der kleine Buchladen "Ikraa" liegt in einer staubigen Gasse in der Bagdader Altstadt. Studenten können hier für eine geringe Gebühr Bücher leihen, andere Kunden schätzen die Ruhe oder das Gespräch mit den beiden Eigentümern. Mohammed Hanasch Abbas und Attalah Seidan verbreiten Optimismus. "Ich sehe nicht nur Licht am Ende des Tunnels, ich sehe Licht am Anfang und im Verlauf des Tunnels", sagt der 41-jährige Abbas wenige Tage vor der Parlamentswahl.

Sein zwei Jahre jüngerer Partner stimmt ihm zu. "Wir müssen wie andere Menschen leben", sagt Seidan. "Und wenn eine Million von uns sterben. Das ist der Preis der Freiheit. Hast du jemals von einer Gesellschaft gehört, die Freiheit ohne Opfer erlangt hat?"

Ihre Ansichten sind nicht ungewöhnlich

Abbas und Seidan reden über die Wahl, die Extremisten, die US-Truppen - und über persönliche Dinge wie ihre Pläne, den Laden zu erweitern, oder die Frage, warum Abbas noch nicht verheiratet ist. Ihre Offenheit ist eher selten, ihre Ansichten dagegen sind nicht ungewöhnlich. Sie gehören zur großen Masse der Iraker, die weder aktiv mit den ausländischen Truppen kooperieren noch den Weg der Gewalt beschreiten.

Schon im vergangenen Jahr, nach dem Sturz des irakischen Präsidenten Saddam Hussein, haben die beiden Buchhändler immer wieder mit Korrespondenten der Nachrichtenagentur AP über ihre Haltung zur US-Besatzung und ihr persönliches Schicksal gesprochen. Voller Hoffnung wollten sie den Amerikanern eine Chance geben und taten den aufkeimenden Widerstand als Sturm im Wasserglas ab.

Seitdem hat sich viel verändert. Auf den Straßen von Bagdad gibt es keine irakischen Kinder mehr, die den amerikanischen Soldaten in ihren Panzerfahrzeugen zuwinken. Die Sicherheitslage hat sich dramatisch verschlechtert. Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, kann das Leben kosten. Täglich explodieren Bomben. Und die US-Truppen gelten mittlerweile als Besatzer, die der irakischen Kultur keinen Respekt entgegenbringen.

Regale voll mit Shakespeare und Hemingway

Wände und Mauern sind mit Wahlplakaten gepflastert. Versprochen wird eine Menge: der Abzug der Amerikaner, Sicherheit, Wohlstand. Während in der Ferne Schüsse zu hören sind, bietet der Buchladen von Abbas und Seidan eine Rückzugsmöglichkeit. Die Regale sind voll mit Shakespeare, Hemingway und Omar Khayyam. Studenten suchen nach Sonderangeboten, beispielsweise Büchern, die die US-Truppen ausgemustert haben. Mit langen Einkaufslisten kommen sie aus Kaim, das an der syrischen Grenze liegt, oder aus Hilla im Süden von Bagdad. Sie erzählen von ihren Erlebnissen auf dem Weg in die Hauptstadt, von ständigen Kontrollen und exorbitanten Taxipreisen auf Grund der jüngsten Benzinknappheit. Bei einem Glas Tee kommt das Gespräch schnell auf politische Themen.

Als Angehörige der von Saddam Hussein unterdrückten schiitischen Bevölkerungsmehrheit sind Abbas und Seidan überzeugt, dass ihnen die bevorstehende Parlamentswahl neue Möglichkeiten eröffnet. Zugleich bedauern sie, dass viele Sunniten die Abstimmung am Sonntag boykottieren wollen. "Ich diskutiere oft mit meinen sunnitischen Freunden", sagt Abbas. "Ich sage ihnen immer wieder: 'Geht zur Wahl, gebt einen leeren Stimmzettel ab. Wenn ihr nur hingeht, ist das ein Sieg über Terrorismus und Diktatur.' Was mich angeht, ich werde wählen, selbst wenn es mich das Leben kosten sollte."

"Diese Wahl zeigt, was möglich ist", sagt Seidan. "Sie ist die einzige Chance, die wir haben. Für mich ist es der Beginn eines neuen Lebens, die Ausübung eines Rechts, das wir nie zuvor hatten." Wenn die Sunniten der Wahl fernblieben, dann nicht aus eigenem Antrieb, glauben die beiden Buchhändler. "Die Baathisten und Terroristen halten sie ab", sagt Abbas mit Blick auf die Anhänger des gestürzten Regimes.

Kein trojanisches Pferd der Iraner

Vorwürfe seitens der Sunniten, die vom schiitischen Großayatollah Ali al Sistani unterstützte Kandidatenliste sei ein trojanisches Pferd für den Nachbarn Iran, weisen Abbas und Seidan entschieden zurück. "Wir sind keine Iraner", sagt Seidan. "Unsere Sitten und Traditionen sind verschieden." Er ist noch unentschlossen, wen er am Sonntag wählen soll. Sein Partner unterstützt die Al-Sistani-Liste. Und der Kunde, der gerade seinen Blick durch die Regale schweifen lässt? "Ich werde gar nicht wählen, ich bin nicht überzeugt", sagt er. "Das ist Demokratie", erwidert Abbas. "Man tut, was man für richtig hält."

Hamza Hendawi, AP AP

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