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Großbritannien nach der Wahl Die Stunden des Siegers


Seine Widersacher hat er zermürbt, David Cameron genießt seinen Triumph. Doch ihn erwarten fünf turbulente Jahre. In Schottland gibt sich ein alter Bekannter bereits angriffslustig.
Von Michael Streck

Es ist nicht überliefert, wie der Hut geschmeckt hat, den Paddy Ashdown zu verspeisen gedachte. Ashdown, früher Chef der britischen Liberaldemokraten, saß im Fernsehstudio der BBC im Zentrum Londons und betrachtete mit fassungslosem Entsetzen die Zahlen der "Exit Polls", britisches Äquivalent der deutschen Hochrechnungen. 316 Sitze für Camerons Tories, 239 für Labour, gerade 10 für seine Lib Dems. Das war am Donnerstag um kurz nach 22 Uhr. Da sprach er coram publico: "Wenn diese Zahlen stimmen, fresse ich meinen Hut." Die Zahlen stimmten nicht.

Es wurde noch schlimmer.

Als David Cameron am Freitag mittag in eine schwarze Limousine stieg und sich zur Königin in den Buckingham Palace chauffieren ließ, um sich dort sein Plazet für eine weitere Regierungsbildung abzuholen, hatte er eine aufregende Nacht und einen frühmorgendlichen Anruf von Herausforderer Ed Miliband hinter sich. "Concession", heißt das im englischen Sprachbereich und ist so was wie eine politische Version des Canossa-Gangs. Miliband gestand seine Niederlage ein und trat kurz drauf als Labour-Chef zurück.

Labour liegt in Trümmern

Cameron hatte nicht nur die absolute Mehrheit gewonnen, er hatte en passant auch noch zwei lästige Widersacher zermürbt: Labour liegt nach dem schlechtesten Wahlergebnis seit mehr als 30 Jahren ebenso in Trümmern wie der kleine liberale Koalitionspartner, der nur fragmentarisch existiert. Beide Parteien müssen sich jetzt erst mal neu sortieren, Nachfolger für ihre abgetretenen Oberen bestellen und dann darauf hoffen, dass die Tories Fehler machen.

Während Miliband seinen Anhängern eine Email schrieb, in der stand, dass "dies nicht die Email ist, die ich heute schreiben wollte", eilte der alte neue Premier von Termin zu Termin. Es waren die Stunden des Siegers. Ließ sich erst feiern von Wahlhelfern in einem pickepacke-vollen Raum, die seinen Auftritt mit der Handy-Kamera filmten; er sah aus wie ein Fußballtrainer bei der Meisterfeier in der Kabine, es fehlte nur das Flaschenbier. Fuhr mittags, nun wieder distinguiert, in den Buckingham Palace zur Queen und trat dann in der Downing Street vor die Kameras. Rosige Gesichtsfarbe wie immer und klar in der Ansage. Er wolle ein Premier für die ganze Nation sein, sagte er. Das war natürlich gemünzt auf den Erfolg der schottischen SNP, die als drittstärkste Partei ins Parlament zieht und alles tun wird, um den ungeliebten Cameron nach Kräften zu piesacken. Er wolle mehr Macht für die Regionen, für Wales, Nordirland, vor allem aber für die Schotten, denen er maximale Autonomie gewähren und deren Volksvertretung zum stärksten Regionalparlament der Welt machen will. Was bleibt ihm übrig? Versprochen ist versprochen.

"Noch mal fünf verdammte Jahre"

Freitag war noch Feiertag, aber natürlich – Cameron ist Taktiker – weiß er sehr genau, dass es trotz oder gerade wegen der Mehrheit ungemütlich werden kann. Und wird. Das Spannungsfeld bewegt sich in den kommenden Jahren irgendwo zwischen den zwei Boulevard-Schlagzeilen zum Tage – zwischen dem "Hallelujah!" der rechtslastigen "Daily Mail" und der ganz in schwarz gehaltenen Trauerseite des "Mirror" mit der Headline "Five more damned years", noch mal fünf verdammte Jahre. Mittendrin: David Cameron als Mann der Mitte und des Spagats. Der Sparkurs geht weiter, zwölf Milliarden Pfund an Sozialleistungen müssen gestrichen werden. Das europäische Referendum steht an. Und auch wenn die UKIP-Euroskeptiker gerade mal einen Abgeordneten stellen und mit Nigel Farage ihr charismatischer Boss überraschend koppheister ging – bei den Tories geht ganz rechts in dieser Richtung auch immer was. Zumal: Die Liberalen als Korrektiv und Stimme der Vernunft sind pulverisiert, statt dessen wittern die Rechtsausleger bei den Tories ihre Chance "Was wir immer schon mal tun wollten, aber bislang nie durften".

Langweilig wird's im neuen Parlament nicht

So könnte das werden in nächster Zeit in einem neuen Parlament mit neuen Gesichtern. Langweilig jedenfalls nicht. Ein alter Bekannter macht sich demnächst auf von Edinburgh nach London. Alex Salmond, bis zum Referendum noch Chef der SNP und moderner William Wallace. In neuer Funktion nur noch Abgeordneter. Wobei: nur noch? Salmonds Stimmbänder sind jedenfalls nach wie vor in Ordnung. Die Tonprobe lief in der Nacht auf Freitag, und sie verlief vielversprechend. "Der schottische Löwe brüllt wieder", rief Salmond da seinen Anhängern zu. Es hörte sich nicht so an, als habe da einer große Angst vor einem Auswärtsspiel in England.


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