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stern-Reportage

Kolumbien: Der schwierige Weg in die Demokratie: Die Guerilleros der FARC wollen nicht mehr kämpfen, sondern gewählt werden

Kolumbien kürt einen neuen Präsidenten, das Land aber ist schon seit Monaten in permanenten Wahlkämpfen. Mittendrin ehemalige Mitglieder der mörderischen Guerilla-Truppe FARC, die nun auf demokratischem Wege die Revolution anstrebt.

Wahl in Kolumbien: Die Guerilleros der FARC wollen gewählt werden

Beschützt von eigenen Bodyguards, wirbt Ancízar García um Stimmen. Einst war er Kommandant einer FARC-Einheit in Kolumbien

Wenige Wochen vor der Wahl stellt die Spitzenkandidatin der FARC, Francy Orrego, auf einem Marktplatz im indianischen Hochland ihrem Bodyguard die große Frage:

"Wie viel Geld haben wir noch?"

"Nichts mehr."

"Und wie viele Tage müssen wir noch durchhalten – 20 oder so?"

"30", antwortet der Bodyguard.

"30? Das kann ja heiter werden."

Orrego zieht ein zerknittertes Flugblatt aus ihrer Ledertasche und klebt es an einen Laternenpfahl. Darauf steht: "FARC. Die Partei des Volkes".

"Das ist unser Beitrag für die Stadt Dabeiba", sagt Orrego. "Ein Faltblatt für 25.000 Menschen. Mehr habe ich nicht."

Ex-Terroristen bewachen Ex-Terroristen

Francy Orrego, 57, ist auf Wahlkampftour durch das Hochland Westkolumbiens Richtung Karibik. Sie fährt durch Gebiete, die sie früher als Anführerin der Guerilla kontrolliert hat – andere sagen: terrorisiert. Statt olivgrüner Uniform wie einst trägt sie Jeans und eine helle Bluse, im Gesicht eine Menge Make-up, an dessen Dosierung sie sich noch gewöhnen muss.

"Im Dschungel gab es keine Schminke", sagt sie entschuldigend.

Vor einem Jahr noch war Orrego die ranghöchste Frau in der FARC, der bis dahin größten Guerilla Lateinamerikas. 38 Jahre hatte sie im Untergrund gelebt und war für Anschläge und Entführungen zuständig, aber auch für den Bau von Landschulen. Jetzt, da die FARC sich in eine Partei umgewandelt hat, will sie in die Politik. Sie will dem Volk die Revolution nun auf friedlichem Weg bringen.

"Nicht ganz leicht", sagt sie. 38 Jahre lang musste sie ihr Gesicht verstecken. Jetzt soll sie das Gesicht der Partei sein.

Wie viele Wähler in Kolumbien kennen Ihren Namen?, fragen wir sie.

"Keiner. Ich hieß im Krieg ja ganz anders: Erika Montero."

Wie viele Fernsehauftritte hatten Sie bisher?

"Nicht einen. Die Medien laden uns nicht ein."

Wie viele Plakate mit ihrem Foto haben Sie drucken lassen?

"Nicht eines. Kein Geld."

In schusssicheren Limousinen reisen die FARC-Politiker durchs Land. Rechte Paramilitärs trachten nach ihrem Leben

In schusssicheren Limousinen reisen die FARC-Politiker durchs Land. Rechte Paramilitärs trachten nach ihrem Leben

In einem Jahr aus dem Untergrund in die Spitzenpolitik – vielleicht geht das etwas schnell. Die Kolumbianer sehen es eher so: In einem Jahr von der Terroristin zur Volksrepräsentantin – das geht gar nicht. Zehn Monate ist es her, dass die 7000 Kämpfer der FARC ihre Waffen endgültig abgegeben hatten – nach 52 Jahren Krieg, mehr als 200.000 Toten, 5,7 Millionen Vertriebenen. Der Friedensvertrag sah vor, dass die marxistischen Guerilleros eine Partei gründen dürfen und Integrationshilfe vom Staat erhalten würden: Jobs, Ausbildungen, Land.

"Jobs und Ausbildung kommen spärlich", sagt Orrego. "Land kommt gar nicht." Hilfe vom Staat bedeutet für sie und 20 andere FARC-Kandidaten im Wahlkampf immerhin ein gepanzertes Auto und vier Bodyguards. Auf gewisse Weise ist ihr Leben gefährlicher als je zuvor: 36 FARC-Mitglieder sind seit dem Friedensabkommen von rechten Paramilitärs ermordet worden. 1300 Guerilleros sind deswegen schon zu Bodyguards umgeschult worden. Sie sind damit beschäftigt, die übrigen Kameraden vor Mordanschlägen zu schützen.

Es gilt der etwas seltsame Auftrag: Ex-Terroristen bewachen Ex-Terroristen vor Terroristen.

Stimmenkauf ist in Kolumbien weitverbreitet

An einem Kiosk kauft Orrego eine Dose Cola. Die Bodyguards zahlen für sie. Als Staatsangestellte erhalten sie umgerechnet 615 Dollar Grundgehalt monatlich. Spitzenkandidatin Orrego dagegen lebt von rund 200 Dollar Sozialhilfe, dem Übergangsgeld, wie jeder andere Ex-Kämpfer. Eigentlich wollte sich Orrego an diesem Tag in Dabeiba mit den Anführern von 34 Indianerstämmen treffen, aber nur einer ist gekommen, Micael Domicó. Sie setzt sich mit ihm auf zwei Plastikstühle in eine leere Halle mit Platz für 500 Zuschauer.

Die Kandidaten anderer Parteien haben Millionengelder zur Verfügung und setzen sie zum Stimmenkauf ein – eine in Kolumbien weitverbreitete Methode des Wahlkampfs. "Meine Leute erwarten am Wahltag zumindest den Transport und Essen und Trinken von euch, wenn sie schon zur Urne gehen", sagt Domicó.

Orrego blickt entgeistert. "Selbst wenn ich das Geld hätte, würde ich nichts zahlen", erwidert sie. "Das ist nicht meine Vorstellung von Demokratie."

Domico schaut sie eindringlich an, als wolle er sagen: Das sagt die, die vorher die höchsten Regeln der Demokratie brach und Menschen erschoss. Stattdessen sagt er: "Wir haben gewisse Sympathien für euch. Ihr wart immer auf der Seite des armen Volkes. Aber ihr habt auch unsere Kinder zwangsrekrutiert."

Francy Orrego (2. v. r.) war die mächtigste Frau der Guerilla und wollte Abgeordnete werden. Ein vergebliches Unterfangen

Francy Orrego (2. v. r.) war die mächtigste Frau der Guerilla und wollte Abgeordnete werden. Ein vergebliches Unterfangen

"Keiner gegen seinen Willen", wehrt sich Orrego.

"Eben doch. Wir waren stets für den Dialog, nicht für den Einsatz von Waffen."

"Wir jetzt auch."

"52 Jahre zu spät."

Orrego blickt ihn entgeistert an. Sie dachte, es gehe um seine Stimme. Aber ihm geht es eher um Vergangenheitsbewältigung. Es läuft so einiges schief.

Im Hochland hat Orrego eigentlich ihre Chance gewittert. Die FARC will vor allem arme Indianer und Bauern für sich gewinnen. In den Metropolen, wo die Guerilla oft gebombt hat und die Medien sie hassen, hat sie keine Chance.

Der Frieden zahlt es ihnen nicht zurück

Hier in der Gegend haben sie früher Drogenkartellen Schutzgeld abgeknöpft, auch Bergwerken und Goldschmugglern – und einiges davon an die Armen verteilt. Das war ihre Form von Umverteilungspolitik. Und jetzt dankt es ihnen keiner.

"Wir müssten mal euer Wahlprogramm sehen", sagt Domico.

"Das habe ich noch nicht. Aber es geht da viel um Gerechtigkeit."

"Darum geht es bei unserer Indianerpartei MAIS auch."

"Wie ist die?", fragt sie.

"Gut."

Sie blickt ihn nun fast flehend an. Hier verliert sie gerade ihre einzige Stimme. Doch so schnell wirft sie nicht hin. "Ich habe schon sehr viel mehr durchgemacht", sagt sie trotzig. Zwei ihrer Kinder, ebenfalls Guerilleros, starben in den Schlachten des Krieges. Mehrere Jahre saß sie im Gefängnis, nur um sich danach wieder der Guerilla anzuschließen. "Ich habe so viele Dinge erlebt, für die andere zehn Leben brauchen. Ich werde den Kampf für die Armen und Unterdrückten nicht aufgeben."

Guerillaboss Londoño kandidierte für die Präsidentschaft, bis ihn ein Herzinfarkt stoppte

Guerillaboss Londoño kandidierte für die Präsidentschaft, bis ihn ein Herzinfarkt stoppte

Orrego befindet sich im Dauereinsatz, vier Monate Wahlkampf. Als wir sie begleiten, versucht sie als Abgeordnete für den Bundesstaat Antioquia gewählt zu werden. Doch das scheitert, bei den Kongresswahlen im März kommt die FARC auf weniger als 0,5 Prozent der Stimmen. Dann führt sie eine Kampagne für ihren Guerillaboss Rodrigo Londoño, genannt "Timoschenko", auf dass er bei den Wahlen am kommenden Sonntag Präsident Kolumbiens werde. Doch Timoschenko erleidet einen Herzinfarkt und gibt auf. Nun wirbt sie nur noch für die FARC als Partei, um sie im Land bekannt zu machen. Doch es läuft nicht gut. Orrego sieht das so: Sie haben alles für den Frieden aufgegeben, aber der Frieden zahlt es ihnen nicht zurück.

"Die Leute sehen unsere gepanzerten Geländewagen und denken: Aha, die Terroristen sind reich. Denen zeigen wir's. Dabei ist es nur zum Schutz. Wir besitzen nichts mehr. Wir haben alles abgegeben, Gold, Erpressungsgelder, alles."

Orrego steigt in den Geländewagen und lässt sich zu einem einfachen Restaurant fahren. Als Erstes geht sie in die Küche und begrüßt die Köche und Putzfrauen, zuletzt den Besitzer. So macht sie es immer. Sie kann selbst kaum lesen und schreiben. In der Unterklasse fühlt sie sich wohl.

"Ich war 28 Jahre im Krieg"

Ein tief gehendes Interview mit Orrego ist schwierig. Sie benutzt immer noch das Klassenkampfvokabular aus den 60er Jahren. "Unsere Lage ist desaströs", gibt sie zu. "Der kapitalistische Staat und seine Medien behandeln uns noch immer als Feind. Weil sie uns militärisch nicht vernichten konnten, wollen sie es jetzt auf diese Weise tun."

"Der Frieden läuft nicht gut", sagt sie niedergeschlagen. "Der Staat hat gewonnen. Die FARC verloren."

Es ist fast Mitternacht. Sie will sich ausruhen, hat aber auch dafür kein Geld mehr. Also müssen die Bodyguards wieder einspringen. Sie steigen in einem Fünfbettzimmer ab. Vier Bodyguards und die Spitzenkandidatin.

Ihre Bilanz aus dem Hochland? Keine Stimme. "Vielleicht haben wir mehr Glück in den Slums."

Die einstigen Rebellen haben sich die Territorien im Wahlkampf aufgeteilt. Sie gehen dahin, wo sonst kein Politiker je hingeht. In die hintersten Dörfer der Indianer. In die gefährlichsten Slums der Städte. Während Orrego sich ums Hochland Antioquias kümmert, zieht Ancízar García in die Slums im Tiefland. Er war Anführer einer Front unter Orregos Kommando. Da lief er noch unter seinem Kriegsnamen Pedro Baracutado.

Wähler in Bogotá. Hier in der Hauptstadt, wo die FARC häufig bombte, hat sie keine Chance

Wähler in Bogotá. Hier in der Hauptstadt, wo die FARC häufig bombte, hat sie keine Chance

An diesem stürmischen Tag ist García unterwegs im Slum Buenos Aires der Stadt Quibdó, 350 Kilometer entfernt von Dabeiba. Es handelt sich um das Territorium einer der gefährlichsten Drogengangs. Am Tag zuvor erschoss die Gang einen Konkurrenten, auch jetzt hallen aus den Gassen Schüsse wider, Menschen suchen Deckung. García aber geht unbeeindruckt von Tür zu Tür. Auf seinem T-Shirt leuchtet das Parteiwappen, die rote Rose, garniert mit einem roten Stern, der letzte Hinweis auf den Marxismus. Er will Bürgermeister werden.

Keine Angst?

García blickt einen amüsiert an. "Ich war 28 Jahre im Krieg." Mehr muss er nicht sagen. Er war Elitekämpfer der FARC. Er hat Militärkasernen angegriffen und Geiselnahmen organisiert. Ein kleiner Drogenkrieg kann ihm nichts.

García stellt sich mit dem Mikrofon in der Hand vor eine einfache Hütte. Seine Begleiter stellen ein paar Plastikstühle auf. Es sind die berüchtigtsten Guerilleros der Frente 34, frühere Kidnapper, Auftragskiller, Sprengstoffspezialisten. Er hat sein eigenes Swat-Team. Ein besseres Sicherheitsaufgebot als Angela Merkel.

Bessere Sozialpolitik

"Fragt, was ihr wollt", ruft er den Menschen zu. Die Bewohner kommen vorsichtig aus ihren Hütten. So viel Volksnähe hat hier noch nie ein Politiker gezeigt. Ein Bürger fragt: Warum heißt ihr immer noch FARC?

"Wir haben jetzt einen neuen Namen", erklärt García. Alternative Revolutionskräfte des Volkes: FARC. Nicht mehr: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens.

"Also immer noch FARC."

"Ja, aber eben anders."

"Das versteht keiner."

"Es ist Teil zwei der Revolution. Die Revolution 2.0. Ohne Waffen. Nur noch mit Worten und Taten."

Ancízar García unterschlägt im Wahlkampf seine Vergangenheit nicht, als sein Kampfname Pedro Baracutado lautete

Ancízar García unterschlägt im Wahlkampf seine Vergangenheit nicht, als sein Kampfname Pedro Baracutado lautete

Die Menschen erzählen ihm von ihrer größten Sorge. Nicht der wackelige Frieden zwischen FARC und Staat, sondern die fehlende Sicherheit. Sie leben in permanenter Angst. Sie würden auf die FARC setzen, wenn die es mit den Verbrechern aufnähme.

"Die Lösung ist keine militärische", entgegnet García. "Die Lösung ist eine bessere Sozialpolitik."

Die Bürger scheinen enttäuscht. Ihr wisst nicht, mit wem ihr es zu tun habt, argumentieren sie. Mit Banden. Paramilitärs. Narcos. Da hilft nur eine eiserne Hand. Die Bewohner bedienen sich der Argumente, die einst der FARC gehörten.

García befindet sich in einem Dilemma: Sie, die einst berüchtigtsten Krieger, fordern nun eine friedliche Lösung für Menschen, die eine militärische wollen.

"Die Welt da draußen hat sich sehr gewandelt", flüstert García uns zu. Er war 28 Jahre im Untergrund. Er kennt das zivile Leben nicht mehr.

Am nächsten Tag wird er aufs Land gerufen. Er vermittelt dort in einem Indianeraufstand. Danach zieht er in einen weiteren Slum, wo es Schusswechsel gab. García wird ständig gerufen. Nicht so sehr als Politiker, sondern als eine Art Sheriff, als harter Hund, ein Image, das er noch aus Guerillazeiten hat. Nicht das schlechteste Image dieser Tage, findet er. Die Welt wolle wieder echte Kerle.

Bei den Kongresswahlen zahlte es sich noch nicht aus. In Quibdó erhielt die FARC nur 460 Stimmen, 1,5 Prozent. "Kommt noch", sagt er. "Aufbauarbeit."

Im Indianergebiet: eine Kandidatin und nur ein Wähler, der etwas von ihr wissen will. Und sie wohl nicht wählt

Im Indianergebiet: eine Kandidatin und nur ein Wähler, der etwas von ihr wissen will. Und sie wohl nicht wählt

Sein Hauptproblem ist ein anderes: Die meisten der 7000 Rebellen haben kein Interesse an Politik. Sie sind wieder Bauern geworden oder arbeitslos oder auf der Flucht oder haben sich der Guerilla ELN angeschlossen. "Wir haben vielleicht 200 Aktive", sagt er. Nicht gerade viel für die Revolution 2.0.

Fließend Wasser. Toilette. Dusche.

Am Ende eines langen Tages zieht sich García in eine Wohnung im Zentrum von Quibdó zurück, die er mit seinen Bodyguards und alten Guerilleros teilt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten leben sie in einer Wohnung. Fließend Wasser. Toilette. Dusche. Von der Straße dringt der Geruch frischer Brötchen hinein, vor der Tür patrouillieren bewaffnete Wachen.

"Es ist ein langer Weg", resümiert er. "Guerillaführer Mujica wurde in Uruguay erst 40 Jahre später Staatspräsident. In Nicaragua regiert Sandinistenführer Daniel Ortega 27 Jahre nach seiner Revolution wieder." Er rechnet jetzt. 27 Jahre. Dann ist er Mitte 70.

"Könnte noch gehen", sagt er.

Der Artikel über die Wahl in Kolumbien ist dem aktuellen stern entnommen:





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