Washington Memo Die Rebellen begrüßen die Königin


1607 haben 144 britische Siedler die amerikanischen Boden betreten und Jamestown gegründet - der Anfang vom "Projekt Amerika". Im Mai feiert die erste britische Siedlung 400. Geburtstag. Grund genug für einen Besuch der Queen in der ehemaligen Kolonie - und für eine Entschuldigung.
Von Katja Gloger, Washington

Selbst Virginias Gouverneur Tim Kaine gab noch Tipps zur Etikette. Waren doch einige Hundert Bürger seines Bundesstaates ausgelost, an diesem Donnerstag die Frontlinie einer höchstoffiziellen Staatsvisite zu bilden - ein Empfangskomitee der Neuen Welt sozusagen. Denn die Ausgelosten werden die erste Reihe bilden, wenn Großbritanniens Queen Elizabeth an diesem Donnerstag am Ufer des James River die Nachfahren einstiger Untertanen höchstpersönlich in Augenschein nimmt.

Etikette, bitte!

Also anständige Kleidung, please, und bitte keines von diesen so beliebten T-Shirts mit dem Aufdruck "Wer ist hier eigentlich blöd?", das könnte die Dame missverstehen. Handschuhe und Hut hingegen sind nicht Pflicht. Und wenn man angesprochen wird? Dann bitte "Your Majesty" zu ihr, jedoch nur "Your Highness" zum begleitenden Ehemann, schließlich steht der im höfischen Protokoll unter seiner Königin.

Beim Verbeugen (Herren) oder gar beim Knicks (Damen) mahnte man dann allerdings doch republikanische Tugenden an. Derartig untertänigste Bezeugungen seien nicht nötig, hieß bei der "Royal Welcome Hotline" - schließlich habe sich Amerika ja einst durchaus rebellisch losgesagt vom britischen Mutterland, 230 Jahre ist es her.

Auf nach Amerika

Es ist ein wahrhaft historisches Ereignis, zu dem die Queen nun zu ihrem vierten Staatsbesuch in Amerika weilt: denn vor nunmehr 400 Jahren hatten sich ein paar ebenso abenteuerlustige wie geldgierige Untertanen ihres Vorvorvorvor...fahren König James I aufgemacht, den angeblich leeren Kontinent auf der anderen Seite des Atlantik zu erobern. Für die Krone, das weltumspannende Empire und vor allem auch fürs eigene Geschäft. Diese Männer, es waren wenig mehr als 100, sie erfanden Amerika.

Diese Siedler legten das Fundament zu demokratischer Selbstbestimmung ebenso wie zur gnadenlosen Ausbeutung. Rücksichtslos vertrieben sie die Indianer, die in diesem angeblich leeren Land seit Jahrtausenden siedelten. Sie forderten Freiheit von der englischen Krone, doch brachten zugleich die ersten Sklaven nach Amerika, machten aus dem Sklavenhandel gar eine lukrative Industrie.

Chesapeake Bay, Virginia

Mit diesen Widersprüchen startete das "Projekt Amerika". Sie sind bis heute nicht überwunden. Sie bilden, wenn man so will, Amerikas Genotyp.

Im Mai des Jahres 1607 ankerten drei Segelschiffe am südlichen Ende der Chesapeake Bay, heute gerade einmal drei Autostunden südlich von Washington. Sie brachten 144 Männer, keine einzige Frau, von denen 105 blieben. An der Mündung eines Flusses errichteten sie das kleine Fort Jamestown. Die drei Schiffe waren von der eigens gegründeten Finanzgesellschaft "London Company" finanziert und ausgerüstet - heute würde man solche Financiers als Venture-Kapitalisten bezeichnen.

Man hoffte auf angeblich sagenhafte Reichtümer in der Neuen Welt, dort, wo sich schon Spanier, Portugiesen und Franzosen ihren Anteil gesichert hatten. Einem königlichen Befehl zufolge sollten die Männer der London Company die Südküste der heutigen USA in Besitz nehmen, die Nordküste sollte der Plymouth Company vorbehalten sein. Deren erste Siedlung im heutigen Maine wurde nach einem Jahr aufgegeben - die Jamestown-Siedler hatten mehr Glück, wenigstens ein Teil von ihnen überlebte das erste Hungerjahr auf amerikanischem Boden. Schon ein Jahr später kamen weitere Schiffe, mit ihnen auch Deutsche und Polen, sie alle auf der Suche nach dem Reichtum und Abenteuern und ein bisschen Freiheit.

Der wahre amerikanische "Prototyp"?

Denn anders als den Pilgrims, die wenige Jahrzehnte später auf der Suche nach persönlicher religiöser Freiheit in Amerika siedelten, ging es den Männern von Jamestown vor allem um Geld. Um viel Geld. Und das möglichst ungebremst, ohne lästige, fremde Regeln. Bis heute streiten Historiker um den wahren "Prototyp" des Amerikaners. Eher Pilgrim-Puritaner oder eher Jamestown-Kapitalist? "Die Siedler kamen nach Jamestown, um sich neu zu erfinden", sagt der US-Historiker Peter Wallenstein. "Und dies scheint mir viel mehr Quintessenz Amerikas."

Diese Amerikaner vertrieben die Indianer rücksichtslos von ihrem Land. Zehntausende starben an eingeschleppten Krankheiten wie den Pocken. "Wenn ich an 1607 denke, kommen mir Begriffe wie Auslöschung, Völkermord, Gräueltaten in den Sinn", sagt Häuptling Ken Adams vom Volk der Mattaponi.

Beginn der Skalverei

Diese neuen Amerikaner probierten es zunächst mit der Produktion von Seide, sie scheiterten erbärmlich, doch dann machten sie ihre gigantischen Vermögen mit dem Anbau des in Europa so begehrten Virginia-Tabaks. Sie waren Untertanen der englischen Krone, doch bald forderten sie Selbstbestimmung, größtmögliche Freiheit vom fernen England. Das Lob der Freiheit hinderte sie keineswegs, schon 1619 die ersten 20 Sklaven aus Afrika zu verkaufen, sie kamen aus dem heutigen Angola. Aus dem internationalen Sklavenhandel machten die Briten und ihre Untertanen in den neuen Kolonien ein gigantisches Geschäft. "Jamestown verkörpert die Demokratie ebenso wie die Sklaverei", sagt der Historiker Wallenstein.

400-Jahr-Feier

Doch davon soll an diesem festlichen Wochenende in Jamestown möglichst wenig zu hören und zu sehen sein. Man plant hübsche Aufführungen in historischen Kostümen, lässt nachgebaute Segelschiffe auf dem James River schwimmen und feiert die Queen. Man wolle sich auf Demokratie, freies Unternehmertum und kulturelle Vielfalt konzentrieren, so heißt es in einer Erklärung des Festkomitees. Das Ereignis will man sich mit traurigen historischen Wahrheiten wohl nicht verderben.

Doch Andere erinnern an Amerikas Todsünden: es sind die Indianer und die Nachkommen einstiger Sklaven. Ihrer hartnäckigen Arbeit ist es zu verdanken, dass das Parlament von Virginia vor drei Monaten eine Erklärung verabschiedete, in der man offiziell tiefes Bedauern über Virginias Rolle im Sklavenhandel ausspricht. Für eine offizielle "Entschuldigung" fand sich allerdings keine Mehrheit. Doch immerhin: Es ist die bislang einzige offizielle Resolution dieser Art in den gesamten USA.

Auch die Queen wird vor dem Parlament der einstigen britischen Kolonie sprechen. Einige Abgeordnete hoffen nun, dass sie dabei Worte des Bedauerns für Großbritanniens Rolle im Sklavenhandel finden möge. Dann wären ihr viele Verbeugungen sicher.


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