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Washington Memo: Hillarys Last der Vergangenheit

Bei den Präsidentschaftswahlen im November 2008 will Hillary Clinton das Weiße Haus erobern. In Kürze erscheinen zwei Biografien, die ihr ordentlich Probleme bereiten können. Denn sie bringen schmutzige Ehe-Details ans Licht.

Von Katja Gloger, Washington

Natürlich dachte sie an Scheidung, wie auch nicht. Wollte ihn endlich verlassen, diesen Mann, dem sie nach langem Zögern in die Provinz nach Little Rock gefolgt war. Ihn, von dessen notorischen Seitensprüngen ja seit Jahren alle wussten. Der Gouverneur, der sich gar von ihr scheiden lassen wollte, weil er sich in eine andere Frau verliebt hatte. Wenigstens einmal wollte sie ihm zuvorkommen.

Doch dann, so heißt es, dachte sie an die gemeinsame Tochter und auch daran, dass sie nicht sonderlich wohlhabend waren. Noch nicht einmal ein eigenes Haus hätten sie, soll sie einer Freundin 1989 während eines langen Spaziergangs dargelegt haben. Und könnte sie dann als allein erziehende Mutter bestehen, ihrer Tochter gerecht werden?

Doch Hillary Clinton wäre nicht Hillary Clinton, wenn sie nicht immer auch an den ganz großen Plan ihres Lebens gedacht hätte. Den Plan, den sie seit Jahrzehnten verfolgte: das Projekt Clinton, die Eroberung des Weißen Hauses. Erst er, zwei Amtszeiten lang, und dann sie, zwei Amtszeiten lang. Die Geburt einer politischen Dynastie. Der Clinton-Dynastie.

Und das bedeutete: Scheidung ausgeschlossen. "Es gibt Schlimmeres als Untreue", soll sie gesagt haben.

Der Wille zur Macht bestimmt ihr Leben

Doch sie war auch wütend, böse, verletzt. So sehr, dass sie es ihm einmal so richtig zeigen wollte. Beweisen, dass sie ohne ihn bestehen könnte. Sie wollte für die Wahl der Gouverneurin des Bundesstaates Arkansas kandidieren - quasi als Nachfolgerin ihres Mannes, der damals in den Präsidenten-Wahlkampf zog. Doch dann zeigten zwei Meinungsumfragen, dass sie weder ein eigenständiges politisches Profil hatte noch sonderlich beliebt war. Enttäuscht gab sie den Plan auf.

Bekanntermaßen ließ sich Hillary Clinton nicht scheiden. Der Wille zur Macht würde auch weiterhin ihr Leben bestimmen. Und die Macht, die war einfacher mit Bill zu erringen als ohne ihn. Das Präsidentenamt, glaubte sie, würde schon dazu führen, dass der Gatte seine sexuellen Eskapaden einschränken müsse. Das, wie eine ebenso peinlich berührte wie sensationsheischende Nation später bis hin zur Beschreibung von Samenflecken auf einem Kleid erfuhr, stimmte nun wirklich nicht.

Autor ist legendärer Watergate-Reporter

All dies - und mehr - ist nun nachzulesen auf mehr als 1.000 Seiten. Zwei einmal wieder ultimative Hillary-Biografien werden in diesen Tagen auf den unersättlichen US-Büchermarkt geworfen, zwei Werke mit hohem Anspruch, denn sie wollen das sein, was noch niemand war, wenn es um Hillary Clinton ging: fair und objektiv. Die eine, Startauflage 175.000, wurde von zwei angesehenen Reportern der "New York Times" verfasst, und die andere, mit einer Startauflage von 275.000 Exemplaren und auch in Deutschland erscheinend, vom legendären Watergate-Reporter Carl Bernstein, der ganze acht Jahre lang an diesem Werk recherchiert haben soll. Die beiden Bücher werden Bestseller - keine Frage.

Ach, alles alter Kram, bestenfalls ein "Gähnen" wert, beeilen sich die Sprecher aus dem "Camp Hillary" jetzt zu erklären. "Unsere Erfahrung ist, solche Bücher haben keine Auswirkung auf den Wahlkampf", so Howard Wolfson, Kommunikationsdirektor der Präsidentschaftskandidatin Clinton. "Ist doch nur viel Geld für Aufgewärmtes", gibt sich Philippe Reines, Sprecher der Senatorin Clinton besonders cool. "Cash for rehash."

Eine Rakete Richtung Vergangenheit

Doch die scheinbar gelangweilten Reaktionen können nicht verbergen - man ist in Alarmstimmung. Denn man weiß nur zu genau: die anstehenden Lesereisen der Autoren, die Interviews zum Buch, die süffisanten Fragen in den Talkshows - sie alle haben das Potential, genau das zu zünden, was Hillary Clinton auf gar keinen Fall will: eine Rakete Richtung Vergangenheit. "Diese Bücher können dazu führen, dass Hillary Clinton zurückfällt in die Seifen-Oper, die die Regierung Clinton so oft war", orakelt die "Washington Post". "Denn sie ist und bleibt nun einmal eine der Personen in der amerikanischen Politik, die am meisten spalten können."

Dabei müht sich Hillary Clinton gerade unter Aufbietung aller Kräfte, eine neue, eine andere Hillary darzustellen. Warmherzig, menschlich und humorvoll, dabei prinzipienfest, eine Frau von Nebenan, eine Kandidatin für Jedermann - so will sie sich ihren demokratischen Wählern empfehlen. Keine unbarmherzige Machtmaschine - sondern eine Frau, die sich ihr Leben lang für die sozial Benachteiligten einsetzte. Keine Politzockerin mit berüchtigtem Hang zur Hysterie - sondern eine erfahrene Politikerin mit einer Zukunftsvision für Amerika. Keinesfalls die vorgeführte Ehefrau, deren Mann sie zum Schluss mit einer schmollmündigen Praktikantin betrog - sondern erfolgreiche Politikerin aus eigener Kraft. Nicht die Gattin eines weltberühmten Ex-Präsidenten mit Rock-Star Appeal - sondern eine Kandidatin, deren Mann ein wunderbarer "First Gentleman" würde. Nicht Weniger - aber auch nicht Mehr.

Barack Obama ist unbelastete Alternative

"Ich bin wohl die berühmteste Person in diesem Land, die niemand kennt", pflegt sie bei ihren Wahlkampfauftritten in Iowa und New Hampshire zu sagen. Stets lächelt sie dabei. Aber es hört sich so an, als sei es ihr bitter ernst. Denn sie weiß, dass viele Demokraten immer noch zweifeln, ob Hillary das Weiße Haus wirklich zurückerobern kann. Die Voraussetzungen sind so gut wie nie - doch eine Frau mit ihrer Vergangenheit sei eben doch verdammtes politisches Risiko, mahnen Viele. Und sie haben mittlerweile eine echte, noch unbelastete Alternative: Barack Obama, den jungenhaften Versöhner mit Schwiegermama-Appeal.

"Sie hat ein tödliches Problem", sagte der republikanische Wahlstratege Mike Murphy der "Washington Post". "Sie will eine Wahl gewinnen, die auf Veränderung angelegt ist. Doch der Großteil ihrer Identität liegt immer noch in der Vergangenheit. Und das ist nun mal eine verdammt schlechte Ausgangsposition."

Schlachtplan für die Eroberung des Weißen Hauses

Denn zu saftig die Details einer stürmischen Ehe, zu widersprüchlich die Person Hillary, zu umstritten das Ehepaar Clinton, als dass sich ihre politischen Gegner die beiden Neuerscheinungen entgehen lassen würden. Der große Plan etwa, ein Schlachtplan für die Eroberung des Weißen Hauses, den es angeblich schon in den 70er Jahren gegeben haben soll - und zwar schriftlich. Ein Plan, dem alles unterworfen wurde.

So sehr schien sich Hillary Clinton zu disziplinieren, dass sie die Liebhaberinnen ihres Mannes höchstpersönlich zerstören wollte und ein ganze Truppe von Privatdetektiven auf seine Daueraffäre Jennifer Flowers ansetzen ließ. Selbst bei der Befragung einer der Damen durch Anwälte war sie einmal anwesend, so heißt es bei Carl Bernstein. Ihre Panik, selbst angeklagt zu werden, als der Whitewater-Finanzskandal öffentlich wurde. Ihre eitle Selbstgerechtigkeit, die zum Scheitern ihrer Gesundheitsreform beitrug. Später dann die alles kontrollierende ehrgeizige Senatorin, die sich immer wieder in den Mittelpunkt drängte, sehr zum Befremden ihrer (ebenso eitlen) Kollegen. Eine Kandidatin, die so auf Kontrolle gepolt ist, dass selbst wohl gesonnene Super-Spender ihre Taschen kontrollieren lassen müssen, wenn sie zu ihr zum fund-raiser nach Hause kommen dürfen. Handys sind während solcher Veranstaltungen verboten - damit könnten ja Fotos gemacht werden.

Clinton ignoriert Bücher

All das ist irgendwie bekannt und doch irgendwie neu - und kann die wohl geplante Image-Kampagne der Kandidatin Clinton empfindlich stören.

Noch ignoriert sie die beiden Bücher, so wie sie Negatives immer ignorierte, wenn sie es nicht vernichten konnte. Nach acht Jahren George W. Bush und einem verheerenden Krieg hofft sie, dass sich Amerikas Wähler endlich mit den Clintons versöhnt haben.

Es wäre Hillary Clinton - aber vor allem Amerika - zu wünschen, dass sie Recht behielte.

Doch die wahre Schlacht hat noch lange nicht begonnen: die mediale Schlammschlacht eines amerikanischen Präsidentenwahlkampfes.