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Weltsozialforum: Gipfel der Gerechten

Das Weltsozialforum findet in diesem Jahr im indischen Bombay statt. Das als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsgipfel gedachte Treffen beschäftigt sich mit den Folgen der Globalisierung. Es werden wieder bis zu 100 000 Teilnehmer erwartet.

Sie sind Hindus, Muslime, Christen oder Juden, manche beten auch gar keinen Gott an. Trotzdem eint sie alle ein Glaube: "Eine andere Welt ist möglich". Das ist auch Motto des Weltsozialforums, bei dem von diesem Freitag an bis zu 100 000 Menschen aus 150 Ländern in der indischen Metropole Bombay darüber diskutieren wollen, wie die Welt eine gerechtere werden könnte.

Sechs Tage lang werden sie über die Folgen der Globalisierung debattieren, über Ausbeutung der armen durch die reichen Staaten, über Unterdrückung, Diskriminierung und Krieg. Zum vierten Mal kommen die Globalisierungskritiker zusammen, und kaum jemand hätte sich träumen lassen, dass das Forum einen solchen Zulauf finden würde.

Gegenpol zur Tagung des Weltwirtschaftsforum

Begonnen hat alles im brasilianischen Porto Alegre. Zum ersten Weltsozialforum (WSF) versammelten sich dort 2001 rund 15 000 Teilnehmer. Tausende Kilometer entfernt, im idyllischen Schweizer Alpenort Davos, verhandelte zugleich ein exklusiver Club aus Wirtschaftsbossen und mächtigen Politikern über die Zukunft der Welt, so zumindest das Verständnis der Globalisierungskritiker. Bis heute versteht sich das WSF als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Immer mehr Menschen scheinen diesen Gegenpol auch notwendig zu finden.

2002 reisten bereits 50 000 Menschen nach Porto Alegre, um ihrem Unmut über die Globalisierung Ausdruck zu verleihen. Im vergangenen Jahr waren es dann 100 000. Erstmals findet das Treffen nun außerhalb Brasiliens statt. Auch in der 14-Millionen-Stadt Bombay erwarten die Organisatoren nun bis zu 100 000 Menschen.

Das Herz Indiens

Die Teilnehmer kommen in eine Stadt, die die Ungerechtigkeit der Welt wie wohl wenige andere zeigt. Dort kämpfen Hochhaus-Glaspaläste mit Elendsvierteln um den knappen Platz. Die Hafenstadt gilt als das Herz Indiens. Sie ist die Finanzmetropole des Subkontinents, in ihr liegt zugleich der größte Slum Asiens. In Bombay werden mehr Filme produziert als in Hollywood. "Bollywood" ist die Traumfabrik Südasiens. Immer mehr Menschen strömen in den Moloch, um dem Elend auf dem Land zu entfliehen - freilich mit wenig Chancen. Viele schlagen sich als Bettler durch.

Erst Anfang der 90er Jahre hat Indien seine zuvor abgeschottete Wirtschaft geöffnet. Die Globalisierung hat dem Land nicht nur Schlechtes beschert. Und die Profiteure sind nicht nur diejenigen, die ohnehin schon reich sind. Firmen aus den USA oder Großbritannien haben zehntausende, vielleicht sogar hunderttausende Arbeitsplätze in Indien geschaffen, indem sie Jobs unter anderem im Bereich Telefon- oder Computerdienstleistungen in das Billiglohnland verlagerten.

Böse Zungen sprechen von einem linken Debattierclub

Es gibt wohl keine leichten Antworten auf die Frage, wie die Welt gerechter werden kann. Wie viel das Weltsozialforum überhaupt dazu beitragen kann, ist umstritten. Manche auch aus den Gruppen der Globalisierungskritiker bemängeln, dass das Forum keinen Dialog mit den Mächtigen sucht, wie es die Wirtschaftsführer in Davos jedes Jahr erfolgreich vormachen. Regierungsvertreter werden prinzipiell nicht zum WSF eingeladen, nicht mal eine Abschlusserklärung gibt es. Böse Zungen sprechen von einem linken Debattierclub, der Jahr für Jahr für teures Geld um die halbe Welt reist.

Auch wenn konkrete Ergebnisse nicht messbar sind, bestreitet letztlich kaum jemand, dass das Forum weltweite Auswirkungen hat. Gruppen aus verschiedenen Kontinenten schmieden Allianzen, gemeinsame Projekte werden geboren, Menschen lernen sich kennen und tauschen sich aus. Als wegbereitend für die weltweiten Demonstrationen gegen den Irak-Krieg im vergangenen Februar galt das WSF ebenso wie für die Proteste gegen die letztlich gescheiterte Konferenz der Welthandelsorganisation in Cancun im Herbst. Oder, wie die indische WSF-Organisatorin Medha Patkar sagt: "Indirekt oder direkt hat das WSF zum Widerstand jeder einzelnen Person in der Welt beigetragen."

Can Merey / DPA