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Wie die USA Osama bin Laden töteten: Der Minuten-Thriller von Abbottabad

Der historische Coup hat gerade einmal 40 Minuten gedauert: In einer Blitzaktion haben die USA Osama bin Laden zur Strecke gebracht. Und machten nach dem Tod des Terroristen kurzen Prozess.

Nur wenige Stunden nach der Aktion ist klar: Die Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden wird als eine der glorreichsten Operationen in die Geschichte der US-Streitkräfte eingehen.

Bin Laden hatte sich keineswegs, wie häufig vermutet, in einer Höhle in den Bergen im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet versteckt, sondern in einem festungsähnlich gesicherten Haus in Abbottabad, gut 50 Kilometer nördlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. In dem Ort sind viele pakistanische Soldaten stationiert. Offenbar hatten die USA schon im August 2010 über einen Boten Hinweise auf diesen Aufenthaltsort des Terrorchefs bekommen. Bin Laden verschanzte sich hinter fünf Meter hohen Mauern und Stacheldraht in einer herrschaftlichen Residenz. Der Komplex wurde vor fünf Jahren errichtet. Es handelt sich um ein mehrstöckiges Gebäude, das mit zum Teil dicken Mauern auf den Schutz seiner Bewohner ausgerichtet ist. Es gibt dort keinen Internetzugang und auch keinen Telefonanschluss, angeblich verbrannten die Bewohner auch ihren Müll - mutmaßlich, um kein Aufsehen zu erregen.

In den vergangenen Wochen traf sich der Nationale Sicherheitsrat der USA nach Berichten von US-Medien insgesamt neun Mal, um die Angelegenheit zu besprechen - ohne dass etwas nach außen drang. In dem Gremium sitzen der Präsident, die Außenministerin, der Verteidigungsminister, aber auch Vertreter der Geheimdienste. Am vergangenen Freitag dann war es soweit: Präsident Barack Obama, der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, gab den Befehl, bin Laden zu töten.

Wie die Nachbarn den Thriller schildern

Obama sprach in seiner Rede am Montagmorgen (MEZ) lediglich von einem "kleinen Team" an Spezialkräften, das das Tötungs-Kommando ausführte. Die US-Regierung gab zunächst nicht bekannt, welche Einheiten genau den Einsatz ausführten.

Der TV-Sender ABC berichtete allerdings, es habe sich um rund 25 Soldaten der Elite-Einheit Navy Seals gehandelt. Im Schutz der Dunkelheit flog die Einheit mit zwei Hubschraubern zu dem Anwesen des Terrors und drang in das Haus ein. Dann kam es zu einer Schießerei, der Terrorführer starb durch einen Kopfschuss. Ein Einwohner Abbottabads schilderte den Thriller so: "Nach Mitternacht umstellte ein massives Aufgebot an Elitesoldaten das Anwesen", erzählte Nasir Khan, der die Razzia vom Dach seines Hauses verfolgte. "Drei Hubschrauber schwebten über dem Komplex. Plötzlich wurde vom Boden auf sie geschossen." Ein heftiges Feuergefecht habe sich entwickelt, dann sei einer der Hubschrauber abgestürzt. Laute Explosionen rissen auch bin Ladens Nachbarn Sahibzada Salahuddin aus dem Schlaf. "Als ich die Tür aufmachte, stand das ganze Anwesen in Flammen."

Während der Auseinandersetzung starben vier weitere Personen - drei Männer, darunter nach Vermutungen der US-Stellen bin Ladens erwachsener Sohn und zwei Brüder, die als Kuriere gearbeitet hatten und eine wichtige Spur zu dem Terrorchef waren, und eine Frau. Wächter bin Ladens sollen versucht haben, die Frau als Schutzschild zu benutzen. Außerdem seien zwei weitere Frauen verletzt worden. "Das war ein besonders gefährlicher Einsatz", sagte ein ranghoher US-Vertreter. Mehrere Frauen und Kinder hätten sich zum Zeitpunkt des Zugriffs in dem Anwesen befunden.

Einsatz dauerte 40 Minuten

Der gesamte Einsatz dauerte etwa 40 Minuten. Die Einsatzkräfte und die Leiche bin Ladens mussten anschließend mit nur einem Hubschrauber ausgeflogen werden. US-Soldaten kamen nicht zu Schaden. Wie es hieß, habe es bei dem anderen Fluggerät einen "mechanischen Defekt" gegeben, sodass die Soldaten gezwungen waren, den Hubschrauber zurückzulassen. Offenbar haben sie ihn dann zerstört, um eine weitere Nutzung unmöglich zu machen. Während der gesamten Aktion der US-Soldaten waren auch Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes gegenwärtig.

Auch die CIA-Leute zu Hause durften an dem erfolgreichen Einsatz teilhaben. Wie ein Regierungsvertreter erzählte, wurde eine Live-Aufnahme vom Einsatz der Sondertruppen ins Hauptquartier in Langley/Virginia übertragen. CIA-Chef Leon Panetta und weitere Geheimdienstmitglieder hätten die Aktion verfolgt. Es muss fast so gewesen sein, als verfolgten die CIA-Leute eine Sportübertragung. Der Regierungsmann: "Als klar war, dass der Einsatz ein Erfolg war, gab es von den CIA-Leuten einen ziemlich kräftigen Applaus."

Nach US-Angaben waren die Soldaten in der Lage, den Leichnam bin Ladens durch einen DNA-Test später eindeutig zu identifizieren. Auch danach machten die USA kurzen Prozess: Bin Ladens Leiche wurde nach von der US-Regierung noch unbestätigten Berichten bereits im Meer bestattet.* Nach muslimischem Brauch wurde der Tote innerhalb von 24 Stunden bestattet.

*Anmerkung: Zuvor war im Text der Eindruck vermittelt worden, eine Seebestattung sei im Islam erforderlich. Das ist nicht der Fall.

fgüs/ben/AFP/DPA/Reuters / DPA / Reuters