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Al-Kaida-Chef Wie die USA Aiman al Sawahiri aufspürten und ausschalteten

Aiman al Sawahiri bei einer Videobotschaft aus dem Jahr 2006
Aiman al Sawahiri bei einer Videobotschaft aus dem Jahr 2006. Der Anführer des Terrornetzwerks al Kaida ist bei einem Anti-Terror-Einsatz der USA in Afghanistan getötet worden.
© B.K. Bangash / DPA
Al-Kaida-Chef Aiman al Sawahiri ist Geschichte. Die USA haben den Nachfolger von Osama bin Laden mit einem "Präzisionsschlag" in Kabul getötet. Die Operation war monatelang minutiös vorbereitet worden.

Es ist der schwerste Schlag gegen die Al-Kaida-Führung seit der Erschießung von Osama bin Laden im Jahr 2011 in Pakistan durch eine Einheit der Navy Seals: Die USA haben bei einem Drohnenangriff in der afghanischen Hauptstadt Kabul bin Ladens Nachfolger an der Spitze der Terrorgruppe, Aiman al Sawahiri, getötet. Der 71-Jährige war einer der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 und gehörte zu den meistgesuchten Terroristen der Welt. "Es wurde Gerechtigkeit geübt und dieser Terroristenanführer lebt nicht mehr", teilte US-Präsident Joe Biden am Montagabend bei einer Fernsehansprache im Weißen Haus der Öffentlichkeit mit. 

Nach Angaben eines US-Regierungsvertreters wurde al Sawahiri am Sonntagmorgen auf dem Balkon eines Hauses in Kabul durch zwei von einer Drohne abgefeuerte Raketen vom Typ Hellfire getötet. Wie genau der Einsatz ablief und wie es den US-Geheimdiensten gelungen war, den seit vielen Jahren untergetauchten al Sawahiri zu identifizieren, berichten mehrere Nachrichtenagenturen und US-Medien unter Berufung auf zum Teil unter der Bedingung der Anonymität gemachte Aussagen von Regierungsbeamten.

Taliban-Netzwerk soll al Sawahiri Unterschlupf geboten haben

Demnach war die Tötung von al Sawahiri das Ergebnis einer "sorgfältigen, geduldigen und beharrlichen" Arbeit der Terrorismusbekämpfung und der Geheimdienste und einer monatelangen, streng geheimen Planung von Biden und einem engen Kreis seiner hochrangigen Berater.

Der US-Regierung sei seit mehreren Jahren klar gewesen, dass ein Netzwerk Sawahiri unterstützte, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Nach dem Abzug aus Afghanistan im vergangenen Jahr hätten die Geheimdienste nach Anzeichen für die Präsenz von al Kaida im Land gesucht. Dieses Jahr hätten sie dann festgestellt, dass Sawahiri mit seiner Frau, seiner Tochter und deren Kindern in ein sogenanntes Safe-House in Kabul gezogen war. "Seine Familie, die vom Haqqani-Taliban-Netzwerk unterstützt wird, hatte sich in dem Haus niedergelassen, nachdem die Taliban im vergangenen Jahr die Kontrolle über das Land wiedererlangt hatten, schreibt die Nachrichtenagentur Associated Press (AP).

Im Laufe mehrerer Monate wurden die Geheimdienste den Berichten zufolge immer sicherer, dass sie Sawahiri in seinem geheimen Kabuler Unterschlupf richtig identifiziert hatten und Anfang April informierten sie schließlich hochrangige Regierungsbeamte davon. Bidens nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan habe anschließend den Präsidenten in Kenntnis gesetzt. Im Mai und Juni habe ein kleiner Kreis von Regierungsbeamten die Informationen überprüft und Optionen für Biden entwickelt.

"Wir waren in der Lage, aus mehreren unabhängigen Informationsquellen ein Lebensmuster zu erstellen", schilderte ein Beamter das Vorgehen der Geheimdienste. Sawahiri habe das Safe House den Erkenntnissen zufolge nicht mehr verlassen und er sei "bei mehreren Gelegenheiten und über längere Zeiträume hinweg" auf dem Balkon, auf dem er schließlich getötet wurde, identifiziert worden.

Analysten hätten die Konstruktion und Beschaffenheit des Unterschlupfes untersucht und die Bewohner unter die Lupe genommen, um sicherzustellen, dass bei der Operation zur Tötung Sawahiris nicht das Gebäude zerstört würde und Zivilisten oder die Familie des Terrorchefs unnötig gefährdet würden. Geheimdienstmitarbeiter hätten sogar extra ein maßstabgetreues Modell von Sawahiris Unterschlupf angefertigt und im Sitzungssaal des Weißen Hauses aufgestellt, damit Biden es sich ansehen und die möglichen Vorgehensweisen abwägen konnte.

Biden löcherte Geheimdienstler mit Fragen

Am 1. Juli, nach der Rückkehr von einer fünftägigen Europareise, sei Biden im Sitzungssaal des Weißen Hauses von seinen Beratern und CIA-Direktor William Burns über die geplante Operation informiert worden, heißt es in den Berichten weiter. Dabei habe er Burns, die Direktorin des Nationalen Nachrichtendienstes Avril Haines und die Direktorin des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung Christy Abizaid mit detaillierten Fragen "darüber, was wir wussten und woher wir es wussten" gelöchert und sich nach Beleuchtung, Wetter, Baumaterialien und anderen Faktoren, die den Erfolg der Operation beeinflussen könnten, erkundigt.

Al-Kaida-Chef: Wie die USA Aiman al Sawahiri aufspürten und ausschalteten

Der Präsident habe die Beamten auch angehalten zu bedenken, welche Risiken der Schlag für den Amerikaner Mark Frerichs, der seit mehr als zwei Jahren in Taliban-Gefangenschaft ist, und für die Afghanen, die die US-Kriegsanstrengungen unterstützt haben und noch im Land sind, darstellen könnte. Anwälte hätten zudem die Rechtmäßigkeit des Angriffs geprüft und seien zu dem Schluss gekommen, dass Sawahri als Al-Kaida-Anführer und Unterstützer von Anschlägen ein rechtmäßiges Ziel darstellte.

Am 25. Juli habe Biden seine wichtigsten Kabinettsmitglieder und Berater zu einem abschließenden Briefing einberufen, um unter anderem zu erörtern, wie sich die Tötung Sawahiris auf die Beziehungen der USA zu den Taliban auswirken würden. Nachdem er die Meinungen der anderen Anwesenden eingeholt hatte, habe der Präsident "einen präzise zugeschnittenen Luftangriff" genehmigt unter der Bedingung, dass das Risiko von Opfern unter der Zivilbevölkerung und den anderen Hausbewohnern so gering wie möglich gehalten werde.

Die Gelegenheit dazu bot sich am Sonntagmorgen Kabuler Zeit. Um 6.18 Uhr (21.48 Uhr Washingtoner Zeit) feuerte eine Drohne zwei Hellfire-Raketen auf al Sawahiri ab, wie die US-Regierung mitteilte. Der Schlag sei so konzipiert gewesen, dass die Raketen nur den Balkon des Unterschlupfes zerstört hätten, auf dem sich der 71-Jährige aufgehalten habe. Von Sawahiris Familienmitgliedern sei niemand verletzt worden. Biden sei über den Beginn und das Ende der Operation informiert worden.

Es folgten weitere 36 Stunden nachrichtendienstlicher Analyse, bevor US-Beamte den Tod von Sawahiri öffentlich machten. Dabei hätten "mehrere Geheimdienstquellen" bestätigt, dass der Terrorchef nicht mehr am Leben sei. Zudem hätten die Geheimdienste beobachtet, wie das Haqqani-Taliban-Netzwerk den Zugang zum Safe House eingeschränkt und Sawahiris Familie umgesiedelt habe. Die US-Beamten hätten dies als Versuch der Taliban interpretiert zu verbergen, dass sie dem Al-Kaida-Chef Unterschlupf geboten hatten.

Quellen: Associated Press, Reuters, CNN


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