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Brasilien Samurai Taxi Driver, Obama und Super Mario – Diese kuriosen Kandidaten stehen am Sonntag zur Wahl

Tiririca
Der Fernsehclown Tiririca sitzt seit zwölf Jahren durchgängig als Abgeordneter im brasilianischen Parlament
© Sebastiao Moreira / Picture Alliance
Was haben Osama bin Laden, Wolverine und Elvis gemeinsam? Sie alle stehen am Sonntag bei Brasiliens landesweiten Wahlen auf dem Stimmzettel. Hinter den kuriosen Wahlkampfauftritten steckt eine raffinierte politische Strategie.

Wenn am Sonntag rund 156 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer zur Präsidentschaftswahl aufgerufen sind, befinden sich neben dem amtierenden rechten Staatschef Jair Bolsonaro und seinem Herausforderer Luiz Inácio Lula da Silva auch etliche kuriose Namen auf den Stimmzetteln. Neben einem brasilianischem "Captain America" trifft man dann auch auf "Barack Obama", "Osama Bin Laden" oder "Wolverine". Was hat es mit den kuriosen Kandidatinnen und Kandidaten auf sich?

Brasilien steht am Sonntag vor einer richtungsweisenden Wahl, die den Kurs des Landes für Jahre bestimmen könnte.  Der rechte Staatschef Bolsonaro steht wegen Korruptionsvorwürfen und aufgrund seinem absurden Kurs in der Corona-Pandemie in der Kritik. Zudem wurde während seiner Amtszeit die Abholzung des brasilianischen Regenwaldes immer weiter vorangetrieben. Sein Kontrahent, der ehemalige linke Präsident Lula da Silva, galt daher lange als Favorit. In den letzten Wochen vor der Wahl konnte Bolsonaro allerdings in den Umfragen aufholen. Es läuft auf eine spannende Entscheidung hinaus, bei der es auf jede Stimme ankommen wird.

Umso kurioser ist es daher, hinter welchen Namen man am Sonntag eben noch so sein Kreuzchen machen kann. Brasilien wählt nämlich nicht nur einen neuen Staatschef, sondern auch neue Gouverneure, Senatoren und Parlaments-Abgeordnete in der Hauptstadt und in den einzelnen Bundesstaaten. Insgesamt stehen über zehntausend Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl und ihnen scheint jedes Mittel recht um Aufmerksamkeit zu erlangen. Ein Beispiel ist der Politiker Jésus Lima, der brasilianischen Arbeiterpartei. In seinem Wahlwerbespot sieht man den 62-Jährigen, wie er in seinem Wohnzimmer von den Toten aufersteht und langsam aus einem Sarg steigt. Dazu verkündet er: "Sie haben versucht, mich umzubringen, aber das haben sie nicht geschafft. Ich bin auferstanden. Ich bin zurück und kämpfe weiter!" Lima war vor 30 Jahren Opfer eines missglückten Attentats.

Kandidaten hoffen auf kostenlose Wahlwerbung im Netz

Kuriose Wahlwerbungen haben in Brasilien eine lange Tradition. Neben witzigen Kostümen, kuriosen Namensänderungen und waghalsigen Tanzeinlagen mischten sich in den letzten Jahren immer häufiger spaßige Internet-Videos. Das brasilianische Wahlrecht sieht es vor, dass allen Parteien sowie Kandidatinnen und Kandidaten eine Sendezeit im Radio und Fernsehen zusteht. Allerdings werdend die Slots prozentual zum Bekanntheitsgrad verteilt. Vielen bleiben daher nur wenige Sekunden, um auf sich aufmerksam zu machen. Mit den absurden Aktionen erhoffen sie sich kostenlose Wahlwerbung in privaten Chats und auf sozialen Medien.

Aussichtslos ist diese Strategie keineswegs. 2010 hatte der Fernsehclown Tiririca mit den berühmten Wahlslogans "Wählen Sie Tiririca, schlimmer als jetzt kann es nicht werden" und "Weißt du, was ein Abgeordneter macht? Ich auch nicht, aber wähl' mich, dann sage ich es dir" so viel Erfolg, dass er mehr Stimmen bekam als jeder anderer Abgeordnete und ins Parlament einzog. In diesem Jahr tritt er zu seiner vierten Amtszeit in Folge an.

Taxi Samurai und Captain America kämpfen um Stimmen

Durch Tiriricas Erfolg beflügelt sind vor der diesjährigen Wahl wieder etliche kuriose Wahlwerbespots im Umlauf. Zu der wohl größten Bekanntschaft schaffte es der sogenannte "Taxi Samurai". In seinem Video zeigt er gekonnt seine Kampfkünste mit traditionellen fernöstlichen Kampfgeräten. Der Kandidat "Quem Quem" will mit einer temperamentvollen Perfomance des Queen-Klassikers "I Want to Break Free" einen Platz im Parlament des Bundesstaats Piauí ergattern.

Auch bekannte Comichelden und Videospiel-Figuren mischen bei diesen Wahlen mit. Der Kandidat "Mario Bross" tanzt voll kostümiert in seinem Spot, "Wolverine" steht auf Bäumen und schreit in den Wald und "Captain America" ist direkt zweimal im Rennen – in Rio de Janeiros Wahl unterstützt er eine Kandidatin mit dem klangvollen Namen "Megaphon-Leticia Pires", für das Landesparlament tritt er direkt selber an.

Brasilien Wahlsystem hat auch Grenzen

Möglich macht diese besonderen Auftritte eine Sonderregelung im brasilianischen Wahlrecht. Da es in dem südamerikanischen Land üblich ist auch in der Öffentlichkeit mit seinem Vornamen oder sogar Spitznamen aufzutreten, sind auch diese auf dem Wahlzettel erlaub. Egal wie ausgefallen sie sein mögen. Neben prominenten Spitzensportlern und Popstars findet man daher auch "Barack Obama", "Bill Clinton", "Elvis" und "Osama Bin Laden" auf den Stimmzetteln. Letzterer will für die brasilianischen Sozialdemokraten seit Jahren die Korruption "in die Luft sprengen" –  bislang vergeblich.

Teilweise nehmen Kandidaten auch ihren Beruf in den Kampagnennamen auf: "Henrique, der Biologe" fühlt sich qualifiziert für Parlament, weil er es gewohnt ist mit giftigen Schlangen zu arbeiten, andere Kandidaten hören auf die Namen "Polizeikommissar Serginho" oder "Bira von der Fahrschule". Der selbsternannte "Berg-Zwerg" gibt das Versprechen: "Ich werde das kleinste eurer Probleme sein."

Dem kuriosen Wahlsystem sind allerdings auch Grenzen gesetzt. Da in früheren Wahlen immer wieder Tiere die Abstimmungen gewannen, hat Brasilien ein elektronisches Wahlsystem eingeführt, bei dem sich die Kandidatinnen und Kandidaten vorher verifizieren müssen. Aus Frust hatten Wählerinnen und Wähler immer wieder die Namen von Tieren aus lokalen Zoos auf die Stimmzettel geschrieben. 

Quellen:Süddeutsche Zeitung, New York Times, Twitter

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