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Weißes Haus: Neun Stunden freie Zeit: Wie Trumps strukturlose Arbeitstage seine Präsidentschaft prägen

Konferenzen, Besprechungen und das tägliche Präsidenten-Briefing sind nicht so sehr das Ding von Donald Trump. Der mächtigste Mann der Welt nimmt sich gern viel unverplante Zeit - doch das hat Folgen.

US-Präsident Donald Trump im Oval Office

Braucht viel Zeit zum Nachdenken: US-Präsident Donald Trump im Oval Office

AFP

Donald Trumps Terminkalender quillt in der Regel nicht gerade über. Der Präsident tauche meist nicht vor 11 Uhr im Oval Office auf und verabschiede sich bereits gegen 16 Uhr wieder aus seinem Büro im Weißen Haus, berichtete die US-Nachrichtenseite "Axios" Anfang des Jahres unter Berufung auf Kopien von Trumps privatem Zeitplan. Wie sehr diese über viele Stunden unstrukturierten Arbeitstage des 72-Jährigen seine Präsidentschaft prägen, hat die US-Zeitung "Politico" jetzt anhand neuer Kalendereinträge analysiert, auf die das Blatt nach eigenen Angaben Zugriff erhalten hat.

Demnach hatte Trump für den vergangenen Dienstag etwa dreimal so viel Freizeit eingeplant wie Arbeitszeit. An mehr als neun Stunden sei "Executive Time" vorgesehen gewesen, ein Euphemismus für die unstrukturierte Zeit, in der der Präsident twittert, Freunde anruft und fernsieht. Offizielle Meetings, politische Briefings und öffentliche Auftritte - typischerweise die tägliche Arbeit als Präsident - hätten kaum mehr als drei Stunden in Anspruch genommen.

Erster Pflichttermin um 11.30 Uhr

Trump sollte laut "Politico" am Dienstag planmäßig 30 Minuten mit Wirtschaftsbossen telefonieren und auf einem Treffen von Regierungsangehörigen mehrerer US-Bundesstaaten eine kurze Ansprache halten. Am Abend habe er sich von hochrangigen Militärführern informieren lassen und sie zum Abendessen begleitet. Abgesehen von einem Treffen um 11.30 Uhr mit dem Stabschef des Weißen Hauses, John Kelly - seiner ersten Verpflichtung am Dienstag - sei der Rest des Tages unstrukturiert gewesen, zum Teil in Blöcken von bis zu zwei Stunden und 45 Minuten.

Die privaten detaillierten Zeitpläne des Präsidenten von Montag, den 22. Oktober bis Freitag, den 26. Oktober zeigten zwar, dass er am Dienstag mehr Freizeit hatte als an jedem anderen Tag dieser Woche, schreibt "Politico", dennoch sei Trumps Agenda an den anderen Tagen ähnlich gewesen. Nur an zwei der fünf Tage sei das eigentlich tägliche Präsidenten-Briefing eingeplant gewesen. Und das in einer Woche, in der die Welle von Briefbomben an führende Demokraten und Kritiker des US-Präsidenten das ganze Land in Atem hielt.

Trump ist nicht der erste amerikanische Präsident, der einen ungewöhnlichen Zeitplan hat. Bill Clinton, Jimmy Carter und Lyndon B. Johnson führten mitten in der Nacht Telefonate, George W. Bush soll schon um 6.45 Uhr im Oval Office erschienen und Barack Obama eine Nachteule gewesen sein. Aber selbst Trump-Unterstützer, die behaupten, dass der Präsident ständig arbeitet, räumen laut "Politico" ein, dass seine Amtsgeschäfte wie bei keinem seiner Vorgänger durch seine Auszeiten definiert werden, wenn seine Launen und kurzzeitige Schreckgespenster seine Agenda vorantreiben, und nicht langfristige Visionen.

Donald Trump wollte mehr "Zeit zum Nachdenken"

"Er könnte etwas in der Zeitung lesen und sofort würde ein spontanes Treffen zum Thema Handel stattfinden", zitiert das Blatt "eine mit der Terminplanung des Präsidenten vertraute Person". "Es ist einfach spontaner, als wenn man einen Monat im Voraus einen Politikfahrplan festlegt, den man dann abarbeitet."

Trump sei daran gewöhnt gewesen, seine Geschäfte weitgehend telefonisch aus dem Trump Tower heraus abzuwickeln, deshalb werde er nervös, wenn ihn aufeinanderfolgende Besprechungen von seinem Telefon oder dem Fernseher forthielten, berichtet "Politico" unter Berufung auf mehrere gegenwärtige und ehemalige Mitarbeiter des Weißen Hauses. Die "Executive Time" sei die Antwort von Stabschef Kelly auf Beschwerden des Präsidenten gewesen, er habe unter Kellys Vorgänger Reince Priebus zu viele Termine und "keine Zeit zum Nachdenken" gehabt.

Zu Beginn der Regierungszeit habe es immer Probleme gegeben, weil Trump sich beklagt habe, wenn zu viele Dinge auf seinem Zeitplan gestanden hätten, sagte laut der Zeitung ein ehemaliger Berater des Weißen Hauses. "Aber wenn zu wenig Dinge auf seinem Zeitplan standen, beklagte sich das leitende Personal, weil er sich selbst überlassen war und mehr Zeit damit verbrachte fernzusehen oder Leute anzurufen oder außerplanmäßig Berater ins Oval Office zu beordern."

"Mangel an Struktur führt zu Mangel an Disziplin"

Einige Mitarbeiter im Weißen Haus beharrten darauf, dass Trump während seiner unverplanten Zeit produktiv sei und mit Abgeordneten, Kabinettsmitgliedern und Regierungschefs aus aller Welt telefoniere, sowie Meetings plane, statt einfach nur fernzusehen, berichtet "Politico" weiter. Ein Helfer habe den Präsidenten sogar als "Workaholic" beschrieben. Dennoch sei unklar, wie viel Denken und Arbeiten in dieser Zeit tatsächlich stattfindet und wie viel dafür draufgeht, zu Twittern, vor dem Fernseher zu sitzen, zu Klatschen und bei Freunden und Verbündeten telefonisch Luft abzulassen.

In der vergangenen Woche habe Trump während seiner unverplanten Zeit Dutzende seiner typischen, durch die TV-Berichterstattung inspirierten Tweets gepostet, schreibt die Zeitung. So habe sich der Präsident am Freitagmorgen während eines dreistündigen "Executive Time"-Blocks darüber beschwert, dass die versuchten Briefbombenanschläge - "dieser Bomben-Kram", wie er ihn nannte - die Berichterstattung über die Zwischenwahlen aus den Nachrichten vertrieben habe.

Während eines weiteren Blocks freier Zeit habe Trump eine von der "New York Times" veröffentlichte Geschichte kritisiert, die enthüllte, dass chinesische und russische Geheimdienstler routinemäßig seine ungesicherten Handyanrufe belauschten. Der Artikel sei "lang und langweilig" und "so fehlerhaft, dass ich hier nicht die Zeit habe, ihn zu korrigieren ... Geschichte ist soooooo falsch!", twitterte der Präsident.

Trumps Forderung nach einem Weißen Haus, das darauf ausgerichtet ist, auf seine unmittelbaren Impulse zu reagieren -  die guten und die schlechten - werde sich als ein entscheidendes Merkmal seiner Präsidentschaft herausstellen, schreibt "Politico". "Verschiedene Präsidenten verbringen ihre Zeit unterschiedlich und es ist sinnvoll, dass sein Zeitplan seine Präferenzen bis zu einem gewissen Grad widerspiegelt", zitiert das Blatt den früheren Berater von Präsident George W. Bush und jetzigen Vizepräsident des Ethics and Public Policy Center, Yuval Levin. "Aber der Mangel an Struktur führt zu einem Mangel an geordneter Entscheidungsfindung und Disziplin, der angesichts der Anforderungen des Jobs ein großes Problem sein kann."

Trumps Reaktion auf Paketbomben

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Quelle: "Politico" / "Axios"

mad/tkr