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Armut in Griechenland Wie ein Athener Arzt sich gegen das Spar-Diktat auflehnt


Überzogene Steuern und absurd hohe Abgaben: Der Arzt Leonidas Papadopoulos aus Athen organisiert zivilen Widerstand gegen Forderungen des Staates. Seine Bewegung hat sich schon über 10.000 Mitglieder.
Von Raphael Geiger, Athen

Im Moment braucht Leonidas Papadopoulos beide Hände, wenn er die Zahl der Ermittlungen zählt, die gegen ihn laufen. Es sind zehn. Papadopoulos ist 32 Jahre alt und aktiv in einer Bewegung, die heißt: "Den Plirono - ich werde nicht zahlen!" Gemeint sind: Steuern.

An diesem Morgen öffnet Papadopoulos die Tür zu einem kleinen Laden in einem Außenbezirk von Athen, hier ist die Zentrale seiner Bewegung. Viele Stellwände mit Plakaten stehen in dem Raum, und auf allen steht diese Parole: Den Plirono – ich zahle nicht!

"Die alte Regierung hat nichts getan, damit die Reichen Steuern zahlen", sagt er. "Sie hat angefangen, wo es am Leichtesten war, hat Gehälter im öffentlichen Dienst gekürzt, Mautgebühren erhöht, absurde neue Steuern eingeführt."

Techniker schließen Strom wieder an

Die Bewegung wehrt sich gegen die Immobiliensteuer. Die wurde 2011 geschaffen, weil sich mit ihr schnell Geld eintreiben lässt. Jeder, der eine Wohnung oder ein Haus besitzt, muss pro Quadratmeter Steuer zahlen. Und das sind meisten in Griechenland, wenige wohnen zur Miete.

Es geht Papadopoulos und seinen Freunden um das Recht auf öffentliche Güter. Sie verweigern die hohe Autobahnmaut. Wenn die Stromgesellschaft jemandem den Strom abstellt, weil er die Rechnungen nicht zahlt, schickt Papadopoulos einen Techniker, der die Wohnung wieder anschließt.

Sie sind gegen die hohe Autosteuer, die dazu führt, dass viele ihren Wagen abmelden. Lassen sie ihn auf der Straße stehen, wird er einige Wochen später abgeschleppt.

Sie wollen verhindern, dass Leute aus ihren Häusern vertrieben werden. Dafür haben sie Anwälte. Und ihre Stimme. Jeden Mittwoch versammeln sie sich in Gerichtssälen, an dem Tag verkünden dort Notare, welche Häuser zwangsvollstreckt werden. Papadopoulos und seine Freunde schreien so laut, dass man den Notar nicht verstehen, schreien immer wieder: "Kein Haus in die Hände der Banken!"

Gezielte Aktion zivilen Ungehorsams

Papadopoulos geht manchmal mit seinen Freunden in U-Bahn-Stationen und blockiert die Fahrkartenentwerter, die Leute müssen dann schwarz fahren. Sie stellen sich auch mal an die Mautstellen auf der Autobahn und öffnen gleichzeitig alle Schranken, damit die Fahrer hindurch fahren können ohne zu zahlen.

Es ist ziviler Ungehorsam. Nach einer Aktion an einer Mautstelle wurde Papadopoulos verhaftet, nach einem Protest gegen eine Stromfirma schlugen ihn Bereitschaftspolizisten zusammen. Es ist Widerstand gegen einen Staat, den er ungerecht findet.

"Während Reiche ihr Geld ins Ausland bringen, können sich manche Leute kein Busticket leisten", sagt Papadopoulos, "sie können sich den Weg zu einem Vorstellungsgespräch nicht leisten."

Eine Fahrt von Athen nach Thessaloniki, vier Autostunden, kostet inzwischen über 50 Euro Mautgebühren. Der Grund dafür ist auch, dass die Korruption den Bau von Autobahnen verteuerte, es heißt: auf den dreifachen Preis.

Er verdient als Arzt 800 Euro

Papadopoulos arbeitet als Arzt in einem öffentlichen Krankenhaus. In der Krise sank sein Gehalt immer weiter, aktuell beträgt es netto um die 800 Euro. Die Hälfte davon, schätzt er, gibt er der Bewegung.

Kauft Essen für Bedürftige, zum Beispiel. Einige hundert Aktive sind sie im ganzen Land, über 10.000 Mitglieder zählen sie. Manche geben einen Euro im Monat. Eine Apothekerin spendet jeden Monat Diabetes-Medikamente, 400 Euro kosten die.

Es gab eine Zeit, vergangenes Jahr war das, als viele im Ausland die Krise überwunden glaubten. "Sie wollten das glauben", sagt Papadopoulos, "die Realität ist anders, die Kühlschränke sind immer noch leer."

Papadopoulos sagt: "Wir müssen den Sinn der Leute für Ungerechtigkeit wieder aktivieren."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie ein ehemaliger Hoteldirektor mit seiner Familie ohne Wasser und Strom hauste.

Kein Wasser, kein Strom

Neben Papadopoulos steht ein Telefon, an manchen Tagen klingelt es hunderte Male. Leute, die um Hilfe bitten. Vor einem Jahr hat Dimitris Koumanias angerufen.

Koumanias, 58 Jahre alt, war einmal Hoteldirektor auf den griechischen Inseln. Fünfsternehäuser. Die Kündigung kam vor drei Jahren, ein Jahr Arbeitslosenhilfe, dann das Nichts. Sein erwachsener Sohn verlor seine Stelle, zog wieder ein. Seine Frau bekam Rente, 350 Euro im Monat, davon kann man in Athen nicht leben.

Sie zahlten also nicht mehr, nicht mehr für den Strom, nicht mehr fürs Wasser. Es ging nicht anders. Irgendwann kam kein Wasser mehr aus dem Hahn und aus der Steckdose kein Strom. Es war November. Koumanias, seine Frau und sein Sohn kauften Kerzen. Wasser besorgten sie sich am Kiosk oder auf den Toiletten von Cafés. Monate vergingen.

Koumanias sitzt in seinem Wohnzimmer, auf seinem roten Sofa, neben ihm sitzt Papadopoulos, der ihn gerade besucht, der ihn gerettet hat. Koumanias hörte von dem Protest gegen die Autobahnmaut und rief bei der Bewegung an. Die reagierten am selben Tag, ihre Techniker stellten Strom und Wasser wieder an.

Drei Millionen Griechen haben Steuerschulden

Fünf Monate hatten sie ohne gelebt. Auch ohne Würde.

Steuern zahlen? Ja, würde er, sagt Koumanias. "Ich kann es mir nur nicht leisten." 11 000 Euro schuldet er dem Staat inzwischen. Immobiliensteuer, Autosteuer. Wenn der Staat wollte, könnte er Koumanias verhaften lassen. Dann allerdings müssten viele verhaftet werden.Griechen, die es sich nicht leisten können, Steuern zu zahlen. Sie können Steuern zahlen oder sie können überleben.

Über drei Millionen Griechen schulden dem Staat Geld, aber fast alle weniger als 5000 Euro, ihnen hat die neue Regierung Straffreiheit angeboten. Sie will zuerst Bürger belasten, die mehr als 200.000 Euro besitzen. Jene, die sich Steuern zu zahlen leisten könnten. Und die bisher verschont wurden, während das Land verarmte.

Papadopoulos erzählt von dem früheren Finanzminister, dem Vorgänger von Janis Varoufakis. Er war bis Ende Januar im Amt. Seine europäischen Kollegen mochten ihn, weil er den Sparkurs verteidigte. Am Wochenende wurde bekannt, dass er 2012 eine halbe Million Euro ins Ausland überwies. In 56 Raten, damit es nicht auffällt. In seiner Steuererklärung verschwieg er das Geld.

"Der Finanzminister!", ruft Papadopoulos. "Versteht ihr jetzt, wer uns da regiert hat?"


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