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Geopolitik Drache und Bär – wie Moskau und Peking den Westen in eine Zwei-Fronten-Konfrontation zwingen

Ein Tusche-Bild zeigt einen roten Drachen und einen braunen Bären
Was macht der Westen, wenn hinter dem Bären stets der Drache steht?
© Silk Road Iniative / PR
Putin bedroht die Ukraine und macht dabei den USA ein unmoralisches Angebot. Russland will der Joker sein, der das Ringen zwischen China und den USA entscheidet. Der stern sprach mit einer Expertin für Geopolitik, Velina Tchakarova. Sie prägte den Begriff des "Drachenbären" für die bedrohliche Ehe zwischen Peking und Moskau.

Frau Tchakarova, Russland will als Großmacht anerkannt werden. Der Westen verweigert Russland diesen Status, aber China billigt ihn?
China ist der wirtschaftlich deutlich stärkere Partner, behandelt jedoch Russland eher als gleichberechtigten denn als untergeordneten Partner. Gegenseitiger Respekt spielt in dieser bilateralen Beziehung, in der sich die beiden Präsidenten bereits 38 Mal getroffen haben, eine überaus wichtige Rolle.

Schon früher wurde Russland als "asiatisch" beschrieben, nicht wirklich zu Europa dazu gehörend. Das was damals vor allem abwertend gemeint. Asiatisch hieß grausam, despotisch und zurückgeblieben. Heute ist Europa nicht mehr das Zentrum der Welt, die Schwerpunkte verlagern sich nach Asien. Was bedeutet das für die Orientierung Russlands?
Europa wird zunehmend zum geopolitischen Hinterhof der internationalen Politik. Die Militäreskalation durch Russland entlang der ukrainischen Grenze hat die geopolitische Irrelevanz der europäischen Mächte, vor allem Deutschland und Frankreich, zum Vorschein gebracht, da sie nicht in der Lage sind, einen Militärangriff seitens Russlands in der direkten Nachbarschaft zu verhindern.

Im Vergleich zum aufstrebenden China wird Russland immer nur der kleine Juniorpartner sein. Inwieweit ist das mit dem Moskauer Selbstverständnis zu vereinbaren?
Russland braucht aufgrund seiner Isolation im Westen einen mächtigen Verbündeten, während China einen verlässlichen Juniorpartner mit regionaler Machtprojektion benötigt, um seinen internationalen Einfluss zu stärken. Der Status quo wäre für beide Staaten akzeptabel, solange Chinas Aufstieg keine direkte Bedrohung für Russlands strategische Interessen innerhalb der eigenen geografischen Einflusssphäre darstellt.

Velina Tchakarova ist Direktorin des Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). In der aktuellen Debatte prägte sie die Begriffe: The #Dragonbear, The Bifurcation of the Global System (G2 World) und The #IndoPacific Decade
Velina Tchakarova ist Direktorin des Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). In der aktuellen Debatte prägte sie die Begriffe: The #Dragonbear, The Bifurcation of the Global System (G2 World) und The #IndoPacific Decade
© Velina Tchakarova / pr

Peking braucht Russland, um seine Macht in Eurasien zu projizieren?
Moskau profitiert von Chinas terrestrischer Überdehnung, die Asien und Europa über die eurasische Landmasse hinweg verbindet. Moskau entwickelt sich zu einem wertvollen Sicherheitsanbieter, der für Chinas geoökonomische Interessen in diesen Regionen von entscheidender Bedeutung ist. Angesichts der systemischen Konfrontation zwischen den USA und China könnte Russland in Zukunft eine unverzichtbare Rolle als globale Söldnermacht für Chinas geoökonomische Interessen in Asien und Afrika spielen.

Link: Das ist eine gekürzte Version des Interviews - die Langfassung finden Sie HIER.

Putin tritt international als brutaler Rüpel auf, welche Rolle spielt China?
China wird von Russlands Machtprojektion im nahen Ausland und in Eurasien insofern profitieren, da es diesen Ländern wirtschaftliche und finanzielle Anreize bietet, sobald die Lage dort stabilisiert wird. Moskau entwickelt sich zu einem globalen Sicherheitsanbieter, der für Chinas geoökonomische Interessen in Eurasien und anderen Teilen der Welt agieren könnte. Der Drachenbär hat vielleicht eine erfolgreiche Formel der Aufgabenteilung entdeckt (Russland ist der Sicherheitsanbieter, China ist der Finanz- und Wirtschaftsanbieter), welche auch in anderen Teilen der Welt angewendet werden kann.

Schon früh suchte Xi Jinping den persönlichen Konatkt zu Putin.
Schon früh suchte Xi Jinping den persönlichen Konatkt zu Putin.
© Kremlin Pool / Picture Alliance

Sie vertreten die These, dass das Scheitern der Ambitionen der USA häufig nicht primär militärische Gründe hat, auch wenn sich die Aufmerksamkeit im Falle von Afghanistan darauf richtet.
Amerika ist die jüngste Supermacht, die nach zwei Jahrzehnten erfolgloser Besatzung und Staatsbildung in Afghanistan eine katastrophale Niederlage erlitten hat. Washingtons Misserfolg bei der Durchführung von Großprojekten in den Bereichen Energie, Infrastruktur und Konnektivität war einer der Hauptgründe für die unzureichende Stabilisierung in den letzten 20 Jahren. Inzwischen bereitet sich Peking mit russischer Unterstützung darauf vor, die von den USA hinterlassene geopolitische und geoökonomische Lücke zu füllen.

Peking hat das Geld und Moskau die Söldner. Wo liegen die Spannungsfelder dieser Nicht-Allianz?
Der Drachenbär ist kein klassisches Bündnis. China und Russland haben sich taktisch zusammengefunden, um die unsichere Übergangsphase der Bifurkation des globalen Systems zu bewältigen.

Beim "Drachenbären" geht es darum, auf Umwälzungen in allen Schlüsselbereichen adäquat zu reagieren – von der Weltwirtschaft, dem Finanz- und Handelswesen über Diplomatie und politischen Partnerschaften bis hin zu militärischen, verteidigungspolitischen und strategischen Bündnissen und Partnerschaften. Beide Akteure gehen davon aus, dass sich die globale Ordnung in einer Systemtransformation befindet, deren Endergebnis unvorhersehbar ist und deren Auswirkungen auf Russland und China sehr gefährlich sein könnten. Die USA werden versuchen, China und Russland gegeneinander auszuspielen und sich während der systemischen Rivalität mit China Russland zu nähern.

Kommen wir zu den Konflikten zwischen dem Bären und dem Drachen?
Es gibt eine verfestigte russische Angst vor einer zu starken chinesischen Einflussnahme in Zentralasien, im Fernen Osten und in anderen traditionellen Einflusssphären des postsowjetischen Raums.

Hier wird Russland gern als zurückgeblieben beschrieben, was bringt Russland in diese Beziehung ein?
Jahrzehntelang war Russland auch der wichtigste Waffenlieferant Chinas. Weitere wesentliche Bausteine sind die Lieferung der S-400-Luftabwehrsysteme sowie Su-35-Kampfflugzeuge. Seit 2019 entwickelten Russland und China gemeinsam das chinesische Raketenabwehr-Frühwarnsystem. Des Weiteren unterstützt Moskau Pekings Militär mit Technologien, über die der russische Präsident Putin keine Details verraten will. Russische wissenschaftliche Nachwuchskräfte kommen in China zum Einsatz, um dort bei erfolgreichen Tech- und Telekommunikationsunternehmen wie Huawei zu arbeiten. Chinas fortschrittliche Computerchips helfen Russland, Militärtechnologien zu erwerben, die von westlichen Sanktionen betroffen sind.

Derzeit versucht der Westen dem russischen Muskelspiel gegenüber der Ukraine etwas entgegenzusetzen. Aber was ist, denn der Drache gemeinsam mit dem Bären agiert? Die Provokation um die Ukraine herum von Machtdemonstrationen Pekings ergänzt werden?
Für die USA wäre eine Allianz zwischen China und Russland und somit ein Zwei Fronten-Szenario außerordentlich bedrohlich. Die Koordinierung zwischen Peking und Moskau stellt einen "Bedrohungsmultiplikator" dar. Der russische Präsident Putin versucht, aus dem aktuellen geopolitischen Wettbewerb mit den USA Kapital zu schlagen. Sein Ansatz mit Blick auf die aktuelle Militäreskalation in Osteuropa ist eigentlich dreidimensional: 1) gegen die Ukraine, die stets einen drohenden militärischen Angriff Russlands fürchten muss; 2) gegen die Europäische Union (EU), die bei der jüngsten militärischen Eskalation in der Ostukraine trotz der Drohungen mit weiteren Sanktionen gegen Moskau kein reelles Gegengewicht darstellt und somit in eine geopolitische Irrelevanz gerät; und schließlich 3) gegen China und die USA, indem Moskau den Preis für Russlands künftige Beteiligung an der Systemrivalität zwischen China und den USA deutlich erhöht.

Die schöne Zeit des Westens, der unangefochtenen weltweiten Dominanz der USA und ihrer Verbündeten, geht zu Ende. In der neuen Phase erwähnen Sie drei Akteure China, USA und Russland. Warum spielen die Staaten der EU keine Rolle?
Europa ergreift in der wachsenden systemischen Rivalität zwischen den USA und China nicht Partei. Die EU vermeidet, in dieser Rivalität "Entweder/Oder"-Entscheidungen zu treffen. Brüssel versucht, einen eigenen europäischen Weg verfolgen, um zwischen den zwei Machtzentren des Globalen Systems – USA und China – zu navigieren. Sowohl die EU als auch Russland sind Trittbrettfahrer im globalen Machtwettbewerb. Aber die europäischen Mächte wollen potenzielle Gefahrensituationen vermeiden, in denen ein Einsatz von "Hard Power" erforderlich wäre, während Moskau versucht, harte Macht in solchen Situationen einzusetzen, die zu mehr Verhandlungsmacht oder einer Ausweitung der eigenen Machtprojektion führen könnten.

Die EU-Staaten schrecken vor dem Einsatz von Gewalt zurück. Während, wie Sie sagten, "Hard Power" das Gebiet ist, in dem Putin seine Nützlichkeit gegenüber China beweist. Gleichzeitig wird die Welt unruhiger, weil mehr regional potente Akteure mit eigenen Interessen auftauchen.
Das größte Risiko für Europa ist das Entstehen von Fragmentierungslinien entlang der geopolitischen Interessen weiterer Akteure. Die unterschiedlichen Ziele der Hauptakteure – USA, China, Russland, Türkei usw. – spalten die europäischen Mitgliedstaaten und Institutionen in geopolitischen Fragen weiter. Dies hat zur Folge, dass die EU in den zunehmend umkämpften Gebieten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft im Süden und Osten immer weniger Handlungsspielraum hat, während andere regionale Akteure nicht nur über Kampferfahrung verfügen, sondern auch vor dem Einsatz von Gewalt nicht zurückschrecken. Die geopolitischen Lücken, die sich im Nahen Osten, in Nordafrika und in Osteuropa zunehmend auftun, werden auch von diesen agilen regionalen Akteuren gefüllt werden.

Die viel beschworenen "Soft Power" kommen an ein Ende, wenn die Staaten der EU sich nicht einig sind und andere nackte Gewalt einsetzen?
Auch die EU muss in der Lage sein, in der unmittelbaren europäischen Nachbarschaft im Süden und Osten schnell und effizient "harte" Macht auszuüben. Nur so können die EU und ihre Mitglieder als geopolitischer Akteur wahrgenommen werden, indem sie die Entwicklungen vor Ort direkt mitgestalten und sich aktiv an wichtigen politischen Verhandlungen beteiligen.

Russische und chinesische Militärs trainieren gemeinsam.
Russische und chinesische Militärs trainieren gemeinsam.
© Mikhail Klimentyev / Picture Alliance

Beim Muskelspiel Russlands geht es weniger um etwaige Landgewinne in der Ukraine, sondern um eine Positionierung Russlands in diesem Dreieck USA China Russland? Welches Spiel spielt Putin?
Der russische Präsident Wladimir Putin versucht, die regionale Position Russlands gegenwärtig zu verbessern, indem er die amerikanische Reaktion auf Moskaus Forderungen in Bezug auf Europas Sicherheitsarchitektur testet.

In einer verdrehten Logik kann man sagen: Indem Putin die Ukraine bedroht, macht er den USA ein Angebot?
Russland macht sich einem unverzichtbaren Akteur, ohne den keiner der beiden Rivalen – Amerika und China – den Wettbewerb gegeneinander gewinnen könnte. Sollte Washington beabsichtigen, Russland langfristig aus Chinas Einflussbereich ausbrechen zu lassen, so hat Moskau dafür seine Bedingungen gegenüber den USA deutlich bekundet.

Wir blicken auf Europa, die Ukraine und jetzt mal wieder auf Nord-Afrika, aber international spielt die Musik ganz woanders. Wohin blickt der Drachenbär?
Langfristig werden die USA sich aus Europa zurückziehen, um sich dem Indopazifik, vor allem Chinas Aufstieg in Ostasien, zu widmen. Auch Russland könnte sich einen Zugang zum Indopazifik über mehrere geopolitischen Korridore verschaffen. Derzeit baut Moskau seine militärische Präsenz in Afrika aus und strebt die Errichtung von Militärstützpunkten in mehreren afrikanischen Ländern an.

So könnte Russland einen maritimen Zugang zum Indischen Ozean erhalten und auf lange Sicht seine Machtprojektion gemeinsam mit China, aber auch Indien, im Indopazifik ausbauen. Auch wenn Russland im indopazifischen Raum derzeit keine Schlüsselrolle spielt, wird das Land in diesem bedeutendsten geografischen Raum ein unverzichtbarer Akteur werden. Somit werden die USA mit dem Drachenbären auch in anderen Teilen der Welt zu tun haben.

Im Machtpoker zwischen Peking und Washington spielt Russland den Joker. Die USA würden Moskau am liebsten aus der Nähe zu Peking herausbringen. Gibt es dafür eine Chance? Was kann der Westen Russland geben, ohne seine Glaubwürdigkeit zu verlieren?
Momentan sehen die Chancen schlecht aus. Das diplomatische Zwei-Fronten-Szenario, in welchem Russland Chinas Position zu Taiwan und China Russlands Position zur Ukraine unterstützen, schafft eine neue Ebene der Konfrontation zwischen dem Drachenbären und den USA. Was China mit Blick auf die Ukraine als "Russlands strategischen Raum" definiert, definiert Russland entsprechend mit Blick auf Taiwan und das Südchinesische Meer als "Chinas strategischen Raum". Man kann den Drachenbären angesichts dieses Zwei Fronten-Szenarios nicht mehr ignorieren. Weder die USA noch China wollen ein Szenario, in welchem Russland Teil des gegnerischen geopolitischen Blocks wird. Für die USA wäre eine Allianz zwischen China und Russland und somit ein Zwei Fronten-Szenario außerordentlich bedrohlich.

Link: Das ist eine gekürzte Version des Interviews - die Langfassung finden Sie HIER.


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