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Handelskrieg Putins Winter – warum Selenskyj nur drei Monate bleiben, um die Ukraine zu retten

Diese Frage kommt auf Euopa zu: Wer wird die Energie für Kiew bezahlen?
Diese Frage kommt auf Euopa zu: Wer wird die Energie für Kiew bezahlen?
© Picture Alliance
Putin setzt auf "General Frost". Gas- und Wirtschaftskrise sollen im Winter die Solidarität des Westens erschüttern. Gleichzeitig sollen seine Truppen ihre Eroberungen sichern. Kiew bleibt nur noch wenig Zeit für eine erfolgreiche Offensive.

Noch in jedem Krieg stand Moskau ein Verbündeter bei: General Frost. Auf dem Rückzug von Napoleons Grande Armée säumten die Erfrorenen die Rückzugsstraßen. Hitlers Überfall auf die Sowjetunion blieb zuerst im Schlamm stecken und erstarb bei 40 Grad Minus vor Moskau endgültig. Kiew droht nun das gleiche Schicksal. Auf dem Schlachtfeld und weil der Gaskrieg, den Gazprom gegen Europa führt, erst in der Kälte seine volle Wucht entfaltet.

Auf dem Feld behindert die Kälte Offensiven, sie begünstigt die Verteidiger, die in ihren ausgebauten Stellungen ausharren und es dort vergleichsweise warm und sicher haben. Während der Angreifer in die Kälte hinaus muss und große Schwierigkeiten hat, auch nur improvisierte Unterstände in dem gefrorenen Grund anzulegen. Auf den ersten Blick könnte man denken: Gut, Russland ist der Angreifer – dann ist der Winter also schlecht für Putin. Doch tatsächlich ist es genau andersherum. Bislang rückt Moskau an zentralen Stellen vor, sehr langsam, aber unaufhaltsam. Putins Plan wird sein, diese Form des Krieges im Herbst fortzuführen und eventuell neben dem Donbass eine weitere Offensive zu starten. Dann in den eroberten Gebieten Schutzstellungen anzulegen und in die Verteidigung überzugehen. Und den Winter dazu zu nutzen, die erschöpften Truppen zu verstärken und neu auszurüsten. Gelingt Moskau das, würde es bedeuten, dass Kiew bis zum Frühjahr keinen nennenswerten Erfolg erzielen wird.

Höhepunkt des Gaskrieges

Neben der schwierigen militärischen Lage wird der Gaskrieg im Winter seinen Höhepunkt erreichen. Die europäischen Regierungen versichern ihren Bürgern derzeit, es werde genug Gas und Energie vorhanden sein. Die offene Frage ist nur, wer sich Energie dann noch leisten kann. Schon jetzt sind die sozialen Netzwerke und Medien voller Geschichten von verzweifelten Familien, die die steigenden Preise nicht mehr zahlen können. Hinzu kommen nur Berichte von Firmen, die angesichts ihrer Strom- und Gasrechnungen den Betrieb einschränken oder aufgeben müssen. Kurzum: In der Öffentlichkeit hat das Thema "Unser Leiden unter der Energiekrise und steigenden Preisen" das Thema "Krieg in der Ukraine" deutlich überholt. Verschärft sich die Wirtschaftskrise, wird in der Bevölkerung die Idee Freunde finden, ein schnelles Ende des Krieges zu fordern.

Notopfer Ukraine 

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der der breiten Öffentlichkeit bislang nicht ins Bewusstsein gekommen ist. Putin kalkuliert damit, dass seine drei "Offensiven" im Wirtschaftskrieg zusammenwirken und ihr Höhepunkt zeitgleich eintrifft. Und das wären: Preisexplosion bei Lebensmitteln, Knappheit und Preisexplosion im Energiesektor und die Belastung durch ein "Notopfer Ukraine". Die Ukraine wird sich finanziell nicht selbst durch den Winter bringen können. Die russischen Eroberungen blockieren schon jetzt den größten Teil der exportfähigen ukrainischen Wirtschaftsleistung. Auch die übrige Wirtschaft des Landes leidet unter dem Krieg. Dem Zusammenbruch der Einnahmen stehen explodierende Ausgaben gegenüber. Für den Krieg, aber auch für Energie. Im kommenden Winter müssen die Verbündeten den Gasbedarf der Ukraine organisieren und letztlich auch bezahlen. Ein Land mit über 40 Millionen Einwohner muss dann im Wesentlichen von den Ländern der EU finanziert werden. Die europäischen Regierungen werden die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung abbekommen und müssen in dieser Situation auch noch substanzielle Solidarleistungen für die Ukraine einfordern.

Zeitfenster schrumpft

Um Putins Plan zu durchkreuzen, bleiben Kiew nur noch etwa drei Monate für eine Offensive. Nicht für den Startschuss, sondern für den erfolgreichen Abschluss der Operation. Angesichts der Form dieses Krieges, mit seinen langsamen Bewegungen auf den Boden, schrumpft der Zeitrahmen, um so eine Bodenoffensive zu starten. Wenn Kiew in diesem Jahr nicht die Menge an Truppen konzentrieren kann, die dafür nötig sind, wird sich Russland weiter in den eroberten Gebieten einrichten und deren formale Annexion oder Loslösung aus dem ukrainischen Staatsgebiet vorantreiben. Die Änderung des Status ist die Voraussetzung, um dort eine Form von Wehrpflicht einzuführen und so das Personalproblem der russischen Armee zu lösen.


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