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"Südstaaten-Abitur": Einig in Mathe und Deutsch

Die Abiturienten der fünf Südländer schreiben künftig gemeinsame Abschlussarbeiten in Deutsch und Mathematik. Mit dieser Entscheidung wurde nun der Grundstein für ein späteres Südstaaten-Abitur gelegt. Andere Länder seien laut den Kultusministern im erlauchten Kreis willkommen.

Von Brigitte Zander

Die Kultusminister brauchten an diesem Nachmittag nur eine Stunde, um festzustellen, dass die schulischen Gemeinsamkeiten zumindest in Deutsch und Mathematik für den Start des "Südstaatenabiturs" reichen. Eine Expertenkommission aus Ministerialbeamten und Pädagogen soll in den kommenden Monaten die unterschiedlichen Lehrpläne, Stundentafeln und bisherigen Abitursinhalten sichten. Auf der Basis dieser Erkenntnisse wird dann festgelegt, wie viel die Schüler in Algebra, Geometrie und Wahrscheinlichkeitsrechnung wissen, beziehungsweise mit welchen Literaturpochen und Dichtern sie vertraut sein müssen. Daraus entstehen später gemeinsame Prüfungsfragen.

Expertenstreit bei Angleichung?

Schon bei der Angleichung der regionalen Literaturschwerpunkte könnten die Experten in Streit geraten. Darf es mehr Goethe sein, den Thüringen besonders hoch hält, oder mehr vom bayerischen Brecht und Ludwig Thoma? Wenn die Einigkeit nicht rechtzeitig zu identischen Deutsch- und Mathematikaufgaben reicht, wollen die Kultusminister mit einem Aufgaben-Pool starten, aus dem jedes Land seine eigenen Prüfungsfragen ziehen kann. Die jetzige Entscheidung betrifft rund tausend Gymnasien.

Trotz unterschiedlicher Ferienzeiten müssen in den fünf Ländern das Mathe- und Deutsch-Abitur 2012 an den gleichen Tagen geschrieben werden. Darüber war sich die Ministerriege sofort einig. "Denn im Handy-Zeitalter lässt sich nun mal keine Aufgabe unter Verschluss halten", sagte Sachsens Kultusminister Steffen Flath.

Deutsch und Mathe als Vorläufer

Deutsch und Mathe sind nur die Vorläufer einer gemeinsamen Gymnasialpolitik. Später sollen noch andere Prüffächer hinzukommen. "Ich könnte mir ein größeres Spektrum vorstellen", sagte Flath Stern.de. Eventuell wird er mit seinen beiden ostdeutschen Kollegen schon vor 2012 "Probeläufe" für ein Abitur mit gemeinsamen Prüfungsaufgaben starten.

Dazu fehlt dem Freistaat Bayern die Zeit. Hier ist die Umstellung der Oberstufe von neun auf acht Klassen noch in vollem Gange. Derzeit werden die Lehrpläne Fach für Fach nach der Rasenmähermethode zusammengestrichen: Ein Neuntel des obligatorischen Stoffes soll wegfallen. Was unter Pädagogen und Eltern zu lebhaften Diskussionen über Pflicht- und Kür-Lehrstoff führt. Kann man die geografische Gliederung der USA nur im Englischunterricht behandeln? Und dürfen die Pennäler das Sarajevo-Attentat als Beginn des Ersten Weltkrieges getrost wieder vergessen?

Bayern ignoriert Misstöne

Die Misstöne beim G8-Streichkonzert stören Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider nicht bei seinem Endziel: "Wir wollen langfristig die Vergleichbarkeit der Abiturabschlüsse verbessern und das bestehende hohe Qualitätsniveau sichern", erklärte er als Gastgeber der Fünferkonferenz.

Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind Pisa-Sieger und fühlen sich folglich als bundesrepublikanische Bildungselite. Zwar betonten die fünf Politiker bei der gestrigen Gründungskonferenz: "Wir sind kein 'closed shop'". Andere Bundesländer seien willkommen, dem Südschienen-Abitur beizutreten. "Allerdings ohne Qualitäts-Absenkung nach unten", sagte der thüringische Kultusminister Jens Giebel. "Man muss sich an denen orientieren, die vorne liegen. Und nicht an den Letzten", sekundierte sein bayerischer Kollege Schneider.

Vergeblich hatte Bundesbildungsministerin Annette Schavan im vergangenen Herbst versucht, die Zwei-Klassen-Diskriminierung durch ein bundesweites Zentralabitur zu beenden. Ihr Vorstoß, Lehrstoff, Unterrichtsstunden, Schulbücher und Prüfungen zu vereinheitlichen, scheiterte an dem ausgeprägten Kulturföderalismus der Länderkollegen. Die Kultusministerkonferenz KMK einigte sich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Bis zum Schuljahr 2010/11 werden nun erst einmal bundesweit einheitliche Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe entwickelt.

Einheitliche Bildungsstandards bereits an Hauptschulen

Solche Bildungsstandards existieren bereits für die Hauptschule und den mittleren Bildungsabschluss. Sie beschreiben, welche Kenntnisse und Kompetenzen Schülerinnen und Schüler bis zur Abschlussprüfung erworben haben sollen. Wie die Jugendlichen das Ziel erreichen, bleibt ihren Pädagogen bzw. den örtlichen Bildungspolitikern überlassen.

Die Reaktion auf den Zusammenschluss der fünf Südstaaten klingt unterschiedlich. Hans-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, ist "skeptisch, ob auf diesem Weg überhaupt eine größere Vergleichbarkeit zu erreichen ist, wenn nicht gleichzeitig die Bewertungsmaßstäbe der Abitursarbeiten vereinheitlicht werden".

"Da wird bei der Benotung getrickst"

Meidinger, gleichzeitig Direktor eines bayerischen Gymnasiums, klagt, dass heutzutage ein Abitur in Deutschland zu unterschiedlichen Preisen zu haben sei. "Da wird bei der Benotung getrickst". Wenn diese "Gerechtigkeitslücke" nicht durch ein bundesweit einheitliches Korrektursystem geschlossen werde, nütze das "Herumdoktern an den Abschlussprüfungen" gar nichts. "Auch einheitliche Prüfungsfragen garantieren bei interpretationsfähigen Schülerleistungen wie Deutschaufsätzen keine Gleichbewertung". Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist es grundsätzlich wichtiger, Chancengleichzeit herzustellen, statt an Zentralabschlüssen zu basteln. Angesichts der hohen Zahl von Schulabbrüchen brauche man dringend bessere Konzepte zur Schüler-Förderung, forderte die GEW-Vorsitzende in Sachsen-¬Anhalt, Eva Gerth.

Eltern begrüßen Start des Einheits-Abiturs

Die Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern wiederum begrüßte den Start zum Einheits-Abi. Allerdings gingen die Maßnahmen der fünf Kultusminister nicht weit genug. Die LEV verlangt zentrale Prüfungen, zum gleichen Termin, mit den gleichen Aufgaben. Keinen Aufgabenpool. "Nur die völlig einheitlichen Rahmenbedingungen und Prüfungsinhalte sind ein guter Indikator für die Leistungsfähigkeit des gymnasialen Schulsystems in jedem Bundesland", sagt er Eltern- Vorsitzender Thomas Lillig, selbst Mathe- und Physik-Lehrer, stern.de. Als Lohn der Einigkeit sollten die Hochschul-Eingangsprüfungen für diese Absolventen abgeschafft werden. "Denn die Studierfähigkeit ist dann mit dem Abitur bewiesen".