ÄRZTESKANDAL Zum Pflegefall operiert


Der kleine Lars wird wegen eines Herzfehlers am UKE Hamburg operiert - und ist danach schwerst behindert. Was seine Eltern erlebten, ist kein Einzelfall: Kranke Mediziner sind ein fast alltägliches Risiko an deutschen Kliniken. Aus stern Nr. 32/2001.

Die Eltern des kleinen Lars waren befremdet. Der berühmte Chefchirurg, mit dem sie im Besprechungsraum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) über die bevorstehende Operation ihres herzkranken einjährigen Sohnes sprechen wollten, wirkte merkwürdig unbeteiligt. Er konnte sich nur schwer artikulieren, seine Stimme klang holperig. In den folgenden Tagen und Nächten überlegten sie, ob nicht doch das Great Ormond Street Hospital in London die bessere Adresse für ihr Kind sei. Aber ein Kollege des prominenten Chirurgen, dem sie sich in ihrer Sorge anvertrauten, beschwichtigte: »Das ist schon in Ordnung. Professor Dapper ist ein verantwortungsvoller Arzt. Der würde nicht operieren, wenn er dazu nicht in der Lage wäre. Er ist der Mann mit den goldenen Händen.« Was der Kollege den Eltern verschwieg: Der so hoch gelobte Friedhelm Dapper hatte neun Monate zuvor eine schwere Hirnblutung erlitten und durfte eigentlich gar nicht mehr operieren.

Die Krankheit des 48-jährigen Chef-Operateurs drohte im UKE eine große Lücke aufzureißen. Ihm verdankte die Klinik, dass sie im lukrativen Wettbewerb um Herzpatienten mit renommiertesten Krankenhäusern in Europa konkurrieren konnte. Wohl deshalb hinderte niemand den kranken Top-Spezialisten daran, weiter heimlich am Operationstisch zu schnippeln: erst an toten Ratten, dann an lebenden Menschen. Heute ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen den Ende September 1999 aus Krankheitsgründen endgültig ausgeschiedenen Professor wegen fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung in 21 Fällen.

Die Eltern des kleinen Lars waren also völlig ahnungslos, als sie ihren Jungen der Klinik anvertrauten. Ihnen hatte man nur mitgeteilt, dass der Operateur krank gewesen sei. Kein Hinweis auf die schwere Hirnblutung.

Stundenlanges Warten

Nachdem der etwa zehnstündige Eingriff bei Lars mehrmals verschoben worden war, sollte er am 29. September 1998 vorgenommen werden. Mittags klingelte bei den Eltern das Telefon. Am Apparat ein Arzt der Klinik: »Es hat einen Zwischenfall gegeben.« Besorgt eilten Lars' Eltern ins UKE. Stundenlang ließ man sie warten. Gegen 16 Uhr bemerkten sie, wie Professor Dapper eilig den Operationssaal verließ. »Er beachtete uns gar nicht. Wir liefen hinter ihm her. Aber er war kaum ansprechbar. «Sehen Sie denn nicht, dass ich völlig fertig bin», sagte er. Er wirkte wie benommen«, erinnert sich der 39-jährige Vater.

Erst später erfuhren die Eltern, was hinter den Türen des Operationssaales passiert war. Während des Eingriffs wurde mit dem Skalpell ein Gefäß verletzt. Dem Team war es bei der anschließenden Blutung nicht gelungen, sofort die Herz-Lungen-Maschine anzubringen. Dadurch hatte das Gehirn von Lars etwa 20 Minuten lang zu wenig Sauerstoff bekommen.

Eine Katastrophe, die das Leben der Familie völlig verändern sollte. Hilflos müssen die Eltern zusehen, wie Lars seitdem seine Umgebung immer weniger wahrnehmen kann. Er mag nicht allein sein, weint oft und leidet unter schlimmsten Krampfanfällen, und sein Schlafrhythmus ist gestört. Ein Jahr lang müssen die Eltern ihr Kind abwechselnd auf dem Arm halten, 24 Stunden am Tag.

Heute ist Lars vier Jahre alt. Für die Klinikleitung scheint sein Schicksal nichts anderes zu sein als ein juristisches Ärgernis. Direktorium und Ärzte streiten darüber, wer für die Pannen im OP haften muss. Seltsam nur, dass darüber die Zeugenbefragungen und Operationsberichte bis heute keinen Aufschluss geben. Es existieren verschiedene OP-Versionen: In dem ersten, handgeschriebenen Protokoll wird der kranke Friedhelm Dapper als Operateur genannt. In dem später getippten Operationsbericht taucht er aber nur an zweiter Stelle auf. Und dann gibt es noch ein weiteres Exemplar vom handgeschriebenen Protokoll mit einem Pfeil. Der soll offenbar signalisieren, dass der erste Assistent im Verlauf der Operation das Kommando von Friedhelm Dapper übernommen hat. Auf die Frage des stern, wie es zu einem solchen Durcheinander kommen konnte, sagt der Hamburger Pressestaatsanwalt Rüdiger Bagger: »Das fragen wir uns auch. Wir prüfen, ob hier nicht eine Urkundenfälschung vorliegt.«

Die Staatsanwaltschaft ist erst am Anfang ihrer Ermittlungen. Nach dem derzeitigen Stand war der Chirurg seit seinem Hirnschlag 121-mal im Operationssaal aktiv. Drei Todesfälle bei Eingriffen unter Beteiligung des kranken Arztes meldete bisher eine klinikinterne Ärztekommission. Die Allgemeine Ortskrankenkasse Hamburg befürchtet noch Schlimmeres. Die Vorsitzende Karin Schwemin: »Acht bis zehn unserer Mitglieder haben während dieser Zeit Operationen in der Herzchirurgie Eppendorf nicht überlebt«.

Schadensfälle häufen sich

In deutschen Krankenhäusern häufen sich in jüngster Zeit Schadensfälle, die von kranken Ärzten verursacht werden. Im Aachener Klinikum etwa wurden zwischen 1996 und 1999 mindestens 13 OP-Patienten durch einen Herzchirurgen mit Hepatitis B infiziert. Auch im Evangelischen Waldkrankenhaus in Berlin-Spandau durfte ein Chirurg jahrelang Patienten operieren, obwohl er sich mit Hepatitis C angesteckt hatte. In Göttingen verschwieg ein Herzchirurg über zwei Jahrzehnte, dass er hepatitiskrank war.

Erstmals in diesem Frühjahr gab es in Heidelberg einen Workshop zum Thema »Der kranke Arzt«. Die Teilnehmer des gut

besuchten Seminars in der Psychosomatischen Klinik waren sich einig: Den von den Medien als Stars gefeierten Medizinern fällt es schwer, ihr Bild von der eigenen Unverletzlichkeit aufzugeben. Krankheit empfinden sie nicht selten als Zusammenbruch ihrer Existenz.

»Weil die Kliniken Chefs installieren, die einen ungeheuren Ausleseprozess hinter sich gebracht haben und dann für den Rest ihres Lebens auf ewig unkündbar und mit großer Machtfülle ausgestattet sind«, seien Skandale programmiert, sagt Frank Ulrich Montgomery, Chef der Standesorganisation Marburger Bund, dem stern. Er fordert bundeseinheitliche Richtlinien für eine »vernünftige arbeitsmedizinische Kontrolle aller Mitarbeiter in Krankenhäusern«. Eine EU-Richtlinie sehe die Kontrolle zwar seit zehn Jahren vor, »doch das wird nicht gemacht, weil es kostet«.

Wie in Hamburg, wo Klinikmitarbeiter im September vergangenen Jahres den Fall Friedhelm Dapper mit einem anonymen Brief an die Wissenschaftssenatorin Krista Sager ins Rollen brachten. »Wir wissen nicht, ob Ihnen bekannt ist, dass Professor Dapper mit seiner Hirnschädigung und ohne gesund geschrieben zu sein, ein paar Erwachsene zu Tode und sogar mehrere Kinder operiert hat... Obwohl er seine Hände nicht beherrschen kann, hat er rücksichtslos zum Üben weiter operiert.«

Elf-Zeilen-Brief

Statt sofort eine strenge Untersuchung von externen Fachleuten zu veranlassen, bat die grüne Politikerin von der Grün-Alternativen-Liste (GAL) den ärztlichen Direktor der Klinik um Aufklärung. Professor Heinz-Peter Leichtweiß allerdings hatte schon bei anderen Vorkommnissen, wie dem verheerenden Skandal um überhöhte Dosen bei einer Strahlentherapie, nicht als

rückhaltloser Aufklärer geglänzt. Auch diesmal reagierte er eher zurückhaltend: Der Herr Professor habe an sieben Operationen von Erwachsenen und 14 Eingriffen an Kindern mitgewirkt. Er werde Einzelheiten abklären, teilte er Frau Sager zwei Monate später in einem Elf-Zeilen-Brief mit. »Sobald mir ein Ergebnis vorliegt, werde ich Sie erneut anschreiben.« Das Universitätskrankenhaus, so Roland Makowka, ehemaliger Präsident des Hamburger Landgerichts und heute Ombudsmann für die Patienten zum stern, kenne eben keine Konflikte - »weil es sie nicht wahrhaben will«.

Unter Zugzwang

Ein wahres Wort. Zehn Monate passierte so gut wie nichts. Erst als Anfang Juli die »Hamburger Morgenpost« über den Skandal berichtete, fühlte sich die Senatorin unter Zugzwang. Sie ließ dem ärztlichen Direktor nur noch die Wahl: Selber springen oder gestoßen werden. »Ich fühle mich getäuscht«, sagt die Politikerin. Und Heinz-Peter Leichtweiß bat wunschgemäß wegen der »bestürzenden Vorgänge in der Herzchirurgie« um seine Beurlaubung - selbstverständlich unter Fortzahlung seiner Bezüge.

Doch ihr spätes Manöver brachte die einstige Vorzeige-Grüne so kurz vor den Bürgerschaftswahlen nicht aus der Schusslinie. »Krista Sager - Die einstige Erfolgsfrau zeigt Nerven«, kritisierte die »Welt«. Krista Sagers Lebensgefährte, der »Spiegel«-Redakteur Manfred Ertel, konterte in einer Rundmail an die grünen Parteifreunde: »Das Muster ist klar ersichtlich. Treffen wir

die Spitzenfrau der GAL mit ihren - aus der Sicht der »Welt« leider - sehr guten Popularitätswerten, dann treffen wir mit Sicherheit auch die GAL ... Lasst dies nicht auf uns sitzen. Zeigt, dass wir es satt haben, uns von Springer verarschen zu lassen.» Der «Welt»-Autorin schlug er vor, sie solle «ihre CDU-Politik mit ihrem CDU-Lover machen». Die Nerven liegen blank in dieser Wahl-Schlammschlacht.

Der kleine Lars allerdings gerät dabei völlig in Vergessenheit. Sein Vater wundert sich schon seit langem darüber, dass weder Klinikleitung noch Senatorin mal nachgefragt haben: Wie geht es dem Kind? Was machen die Eltern? Als Krista Sager vorige Woche auf einer Rathaus-Veranstaltung gefragt wurde, ob sie schon mit den Eltern von Lars gesprochen habe, antwortete sie: »Ich denke nicht, dass die Opfer das von mir erwarten.«

Günter Handlögten, Martin Knobbe und Bertram Solcher (Fotos)


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